

‚Auschwitz‘ galt lange als Chiffre für die „Vernichtung um der Vernichtung willen“, sprich: eine Vernichtung, die keinen nachvollziehbaren geografischen, ökonomischen, politischen Zwecken folgte, sondern schlicht vom antisemitischen Wahn derjenigen angetrieben wurde, die im Juden das absolute Böse ausgemacht zu haben glaubten.
Dass ausgerechnet Auschwitz zur Chiffre für die Shoah wurde, hat verschiedene Gründe. Einer ist, dass an keinem anderen Ort mehr Jüdinnen und Juden ermordet wurden als im Vernichtungslager Auschwitz II-Birkenau: über 1 Million. Mehr als 850.000 von ihnen wurden direkt nach der Ankunft in Gaskammern getrieben. Kein Lagerleben, keine ikonische Häftlingskleidung, keine tätowierten Nummern.
Doch Auschwitz war nicht nur Vernichtungslager, sondern auch Konzentrations- und Arbeitslager und demnach nicht nur zentraler Ort des „Zivilisationsbruchs“, sondern ein Ort unterschiedlichster Verbrechenskomplexe. ‚Auschwitz‘ kann also ebenso für das gesamte nationalsozialistische Unrecht oder für Unrecht per se stehen, sofern man möchte. Julia Klöckner folgte diesem Gedanken und eröffnete die Gedenkveranstaltung im Bundestag am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz mit der Forderung, an all jene zu gedenken, die „verfolgt, beraubt, gedemütigt und dem Tod preisgegeben wurden“, weil sie „anders dachten, weil sie anders glaubten, weil sie anders liebten“.
Nun wurden Jüdinnen und Juden aber nicht ermordet, weil sie „anders dachten, anders glaubten oder anders liebten“, sondern weil sie in der kollektiven antisemitischen Pathologie der Nazis als „Gegenrasse“ galten, von der die Welt zu befreien sei.
Die dahinterliegende Dynamik des Antisemitismus und die Verstrickung der modernen Gesellschaft mit ihrem Umschlag zu erforschen, ihren Ursachen auf den Grund zu gehen, wäre Aufgabe einer Aufarbeitung der Vergangenheit. In der Abstrahierung der Shoah zum bloßen ‚Unrecht‘ hingegen, könnte so etwas wie ein Entlastungsversuch liegen. Die von der Shoah ausgehende Erschütterung wird eingemeindet in eine lange, aber wohl vertraute, Geschichte von Unmenschlichkeiten. Heraus kommen ein vielfältiges, aber leeres und diffuses Erinnern sowie ein umso selbstbewussterer Aufruf zum aktiven Handeln und zum Haltung zeigen, wie es etwa Frank-Walter Steinmeier einforderte.
Doch gehandelt haben auch die Nationalsozialisten, Haltung gezeigt hat auch die NSDAP. Gegen Juden wurde damals wie heute unter der Fahne der Menschenliebe agiert, stets waren und sind die Antisemiten überzeugt davon, Gutes zu tun, für die Gerechtigkeit einzutreten. Wie also unterscheiden zwischen richtigem und falschem Handeln? Woher die „Lehre aus der Geschichte“ nehmen, wenn alles Unrecht zu einer großen Suppe zusammengerührt und historische Erkenntnis durch moralische Haltung ersetzt wird?
Konnte man sich als kritischer Geist vor wenigen Jahren noch über den performativen Charakter von Social-Media-Kampagnen wie #WeRemember echauffieren, so scheint im Jahr 2026 selbst diese handzahme Form des Gedenkens überholt. Der wenig kämpferische Duktus und der direkte Bezug auf etwas Vergangenes wirken aus der Zeit gefallen. Denn #WeRemember besitzt ein konkretes Objekt, einen historischen Umstand, an den erinnert wird und dem sich zu öffnen, Aufgabe der Gedenkenden wäre. Heute scheint es, bedarf es dieses Objektes nicht mal mehr. Es stört. Keine Sekunde soll es geben, in der die Menschen aus ihrem subjektiven (Selbst-)Bewusstsein gerissen werden. Objektlos steht das Gedenken als ‚Ablehnung jeglicher Intoleranz‘ dem aktivistischen Zugriff zur Verfügung, es lässt sich umstandslos auf jeden Gegenstand der Wahl anwenden, bloß den kalendarischen Anlass hat das Objekt zu liefern. Es folgt: ein Holocaust-Gedenktag ohne Holocaust. Ein Gedenken an die Judenvernichtung ohne den Versuch, der Genese des Vernichtungsantisemitismus auf den Grund zu gehen.
Solange das so ist, wäre es besser, Erinnern hieße nicht Handeln, nicht Kämpfen, sondern: Klappe halten. Denn nur im Moment des Klappenhaltens ist Erkenntnis möglich. Und ironischerweise hieße das auch: Der als zu ritualisiert und vergangenheitsfixiert kritisierte Holocaust-Gedenktag ist gegen seine eigene Aufhebung zum aktivistischen ‚Tag gegen Unrecht‘ zu verteidigen.




