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Düstere Odyssee - Viertes "Hellseatic" Festival in Bremen

Am 1. und 2. Mai findet im Bremer Schlachthof das vierte „Hellseatic“ Festival statt. Freunde düsterer Musik können hier Künstler entdecken, über die man nicht einfach aus Zufall stolpert.

Bild: Jm

Bremen. Neue Musik zu entdecken, die nicht so klingt wie das, was man sein ganzes Leben lang schon gehört hat, passiert nicht von selbst. Das ist Arbeit. Man muss auf die Suche gehen. Tiefer graben, die Vorschläge der Streaming-Plattform-Algorithmen links liegen lassen und vor allem: Geduld mitbringen. Verständlich, wenn dafür im Alltag manchmal weder Lust noch Zeit vorhanden sind.

Glücklicherweise gibt es schon seit langer Zeit Menschen, die diese Arbeit für andere übernehmen. Sie suchen, sichten, sortieren und filtern. Früher in gedruckten Magazinen, später auf Online-Blogs und heute wohl größtenteils auf Social Media Plattformen präsentieren sie das, was sie für sehens- und hörenswert erachten.

Zu diesen Kuratoren gehören natürlich nicht nur Musikjournalisten und Influencer, sondern auch Veranstalter und Booker. Und wenn die ihre Aufgabe ernst nehmen, passiert so etwas wie das Hellseatic: ein Festival mit einem sorgfältig kuratiertem Programm. Zum vierten Mal präsentiert das Team in Bremen am 1. und 2. Mai ein Line Up, das verschiedene Facetten von „Heavy Music“ zeigen soll.

Die geht nämlich weiter als Black Sabbath und Iron Maiden - und auch weiter als Metal. Das Hellseatic soll Platz bieten für düstere, atmosphärische, auch avantgardistische Musik. Einen gemeinsamen Nenner finden alle Künstler:innen in „einer gewissen Härte - offen oder subtil“, wie es auf der Website des Bremer Festivals beschrieben wird.

Und in der Tat: leichtherzig wirken die Kompositionen der angekündigten Acts nicht. Das Hamburger Quartett „shitshow“ bringt mit seinen kurz gehaltenen Punk-Stücken noch am ehesten eine gewisse Heiterkeit mit. Damit - wie auch mit Songs unter der Zwei-Minuten-Marke, die es sonst nur noch bei der Kopenhagener Noise-Hardcore-Truppe „EYES“ zu finden gibt - stechen sie aus dem übrigen Line Up hervor. Das hat sich das Prädikat „düster“ nämlich redlich verdient. Vieles ist im Downtempo gehalten, bis man den ersten Blastbeat hört, hat man sich in alphabetischer Reihenfolge schon bis „Rezzra“ durch das Programm gewühlt. Das Hellseatic ist eben mehr als ein „einfaches“ Metal-Festival.

Wer die Traditionen des (weit gefassten) Metal-Genres schätzt, wird trotzdem nicht enttäuscht. Bei „Fange“ etwa folgen auf moderne, synthetisch angereicherte Sounds plötzlich wunderschön-unschöne schwedische Gitarrenläufe, deren Klang verdächtig an den berüchtigten Boss HM-2-Verzerrer erinnert. Tief gestimmte Saiteninstrumente und gutturales Grunzen, Kreischen und Krächzen gibt es ebenfalls genügend bei verschiedenen Acts. Klassisch-metallisch geht es zum Beispiel auch bei „Aptera“ oder „Tyranex“ (die mit dem Songtitel „Where Light Ceases To Exist“ wohl den größten Metal-Moment des Festivals haben werden) zu - allerdings in beiden Fällen female fronted oder gleich komplett weiblich besetzt, also wieder nicht ohne einen Twist.

Hellseatic geht aber eben auch weit darüber hinaus. „Author & Punisher“ zum Beispiel kommt ganz ohne Gitarren und Bässe aus. Der Maschinenbauer und Musiker Tristan Shone, der für dieses Solo-Projekt verantwortlich ist, baut sämtliche Klangerzeuger einfach selbst. Ergebnis ist ein garstiger, elektronisch-industrieller Sound, der beispielsweise bei Fans von Nine Inch Nails Anklang finden könnte. Auf der anderen Seite gibt es auch sehr „organische“ Momente im Hellseatic-Programm. Etwa wenn die Osnabrücker „Eremit“ ihre über 20-minütigen Doom-Kompositionen auf die Bühne bringen. Das Trio versteht jeden seiner Songs als ein Kapitel einer langen Geschichte, die sich durch ihr ganzes Werk zieht.

Man könnte noch viel mehr über das Programm schreiben. Diejenigen, die offen und interessiert sind, erleben die Künstler am besten selbst vor Ort. Anspruchsvoll sind die Veranstalter nicht nur bei der Auswahl ihrer Künstler. Sie formulieren auch Wünsche - und klare Grenzen - an das Publikum. Auf der Website des Festivals gibt es eine Liste mit Bands und Labels, deren Merchandise auf der Veranstaltung unerwünscht ist. Darauf sind Künstler und Plattenfirmen zu finden, die offen rechtsextrem sind oder denen Verbindungen in die rechtsextreme Szene vorgeworfen werden. Vor der Bühne wünscht sich das Hellseatic-Team einen respektvollen Umgang, auch und vor allem mit der Darbietung der Künstler. Viele Acts zeichneten sich durch dynamische Lautstärke aus. In der Vergangenheit sei es dem Publikum sehr gut gelungen, die leiseren Passagen nicht unnötig zu stören. Es gibt auf der Veranstaltung kein Handyverbot oder ähnliches, die Besucher sind jedoch angehalten, die Konzerte so weit wie möglich mit den eigenen Augen und Ohren zu erleben.

Weitere Informationen unter www.hellseatic.de.


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