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„Wir ersticken in Bürokratie“

Protesttag der Apotheken am Mittwoch, 14. Juni

Die Dokumentation nimmt inzwischen einen Großteil der Arbeitszeit in Apotheken ein.

Die Dokumentation nimmt inzwischen einen Großteil der Arbeitszeit in Apotheken ein.

Bild: Wavebreak Media LTD

Rotenburg/Osterholz (lst). Die Apothekerschaft reagiert mit dem Protest auf eine aus ihrer Sicht fatale Mischung gesundheitspolitischer Fehlentscheidungen der Bundesregierung, Fachkräftemangel und den immer stärker werdenden Störungen der Lieferketten.

Die meisten Apotheken bleiben am kommenden Mittwoch, 14. Juni, geschlossen - nur der Notdienst wird aufrecht erhalten. Auch zahlreiche Apotheker:innen aus der Region beteiligen sich an der Aktion. So wie die Schwaneweder Apotheker Tarek El Kharbotly (Zentrum Apotheke) und Martin Busse (Schwan Apotheke). Sie weisen so wie alle anderen Apotheker:innen auch, nachdrücklich darauf hin, wie wichtig unter anderem Bürokratieabbau, eine Stärkung der Apothekenberufe und eine angemessene Vergütung sind, damit künftig nicht noch mehr Apotheken für immer schließen müssen. Allein in Niedersachsen wurden nämlich im vergangenen Jahr 53 Apotheken geschlossen. Mit 1.745 Apotheken ist damit der niedrigste Stand seit mehr als 38 Jahren erreicht.

 

Wirtschaftliche Perspektive fehlt

 

Gemeinsam mit ihren Teams werden die Schwaneweder Apotheker am 14. Juni vor Ihren Apotheken Präsenz zeigen, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und zu erklären, warum der Protest aller Apotheken die einzige Möglichkeit ist, sich gegenüber der Politik nachhaltig Gehör zu verschaffen.

Die Apothekenteams retten jeden Tag Leben, in dem sie z.B. alternative Präparate für nicht verfügbare Arzneimittel beschaffen, so die Apotheker. Anstatt aber die flächendeckende Versorgung mit Arzneimitteln über die Apotheken vor Ort zu stabilisieren, werde sie geschwächt. Hochschulabsolventinnen und -absolventen der Pharmazie könnten sich zudem immer seltener den Gang in die Selbstständigkeit vorstellen, vor allem, weil die wirtschaftliche Perspektive fehle.

 

Je ländlicher die Region desto schwieriger ist es

 

Das sieht auch Burghard Nohns von der Alten Apotheke in Osterholz-Scharmbeck so. Je ländlicher die Region desto schwieriger sei es, Personal zu finden. Die meisten Pharmaziestudierenden würden nach ihrem Abschluss in die Verwaltung oder Forschung gehen, statt in die Apotheke, wo die Arbeit immer mehr und die Bezahlung immer geringer werde, so Nohns. „Wir ersticken in Bürokratie und gehen auf dem Zahnfleisch“, sagt der Apotheker, der mindestens genau so viel Zeit mit der Dokumentation zur Herstellung einer Salbe verbringt wie mit der Herstellung selbst.

Zudem müssten für die Versorgung von Diabetikern mit Kanülen für Spritzen von lebensnotwendigem Insulin bei einzelnen Krankenkassen bei jeder neuen Verordnung Kostenvoranschläge erstellt werden, ergänzt Sigrid Kölling von der Bahnhof-Apotheke in Bremervörde.

Die Belieferung von Hilfsmitteln, wie Katheter, Urinbeutel, Inhalierhilfen, Milchpumpen sei inzwischen so aufwendig geworden, dass dieses von vielen Apotheken nicht mehr gemacht werde. Dies könne besonders in Notdiensten zu Versorgungsengpässen führen.

Ein besonderes Problem sei der Formalismus bei der Bearbeitung von Rezepten. Lieferengpässe erforderten ständig Rücksprache in Praxen, aufwendige Kommentare auf den Rezepten und evt. Gegenzeichnen durch den Arzt/ Ärztin. Ansonsten drohe Gefahr, dass die Krankenkassen nicht zahlen.

 

Produktion fast komplett ins Ausland verlagert

 

Ein über Jahre ungeheurer Preisdruck auf Generika habe dazu geführt, dass die Produktion fast komplett ins Ausland abgewandert sei. Corona und der Ukraine-Krieg hätten gezeigt, wie fragil das System sei, wenn ausschließlich wirtschaftliche Interessen bei der Versorgung im Gesundheitswesen im Vordergrund stehen, so Sigrid Kölling, die darauf hinweist, dass für besonders dringende Fälle am Protesttag die Apotheken in Bremervörde in der Zeit von 10 bis 12 Uhr erreichbar sind. „Damit wollen wir deutlich machen, dass sich unser Protest nicht gegen die Bevölkerung richtet, sondern gegen die Politik, so Kölling.

Oliver Boden von der Neuen Apotheke in Bremervörde betont, dass es in den letzten zehn Jahren keine Honorar-Anpassung gab, nicht mal einen Inflationsausgleich, sondern das Honorar in diesem Jahr sogar noch gekürzt wurde.

 

„Hier will niemand arbeiten“

 

„Es gibt einfach gar keine Apotheker, die hier arbeiten wollen“, beklagt Kirstin Holst von der Alten Apotheke in Bremervörde. Sie suche seit anderthalb Jahren händeringend nach approbierter Verstärkung und habe nicht eine Bewerbungen erhalten. In der Regel werde approbiertes Personal in unserer Region über Mund-zu-Mund-Propaganda angesprochen und eingestellt.

Aufgrund des Personalmangels könnten die Apotheken nicht beliebig viele Notdienste machen und es sei nicht unwahrscheinlich, dass Menschen künftig womöglich bis zu 50 Kilometer weit fahren müssten, um eine Notdienst-Apotheke zu erreichen, sagt Egbert de Boer von der Rats-Apotheke in Bremervörde. Die Arzneimittelversorgung der Bevölkerung in dünner besiedelten Regionen wie dem Elbe-Weser-Raum sei auf jeden Fall stärker gefährdet als in der Stadt.

Derzeit leisten jede Nacht bzw. jeden Sonn- und Feiertag 132 Apotheken in Niedersachsen Notdienst. Neben den 1.370 Apothekeninhaberinnen und Apothekeninhabern arbeiten 14.982 Beschäftigte in den Apotheken, darunter 94 Prozent Frauen.


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