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Wenn an Arbeitsstress und Ängsten das Herz zerbricht

(dak). Erwerbstätige mit Ängsten und Depressionen sind häufiger von Herz-Kreislauf-Krankheiten betroffen - eine Wechselwirkung, die weitläufig unterschätzt wird.

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4,2 Prozent der Männer mit einer Depressionsdiagnose sind gleichzeitig mit koronaren Herzkrankheit in Behandlung.

4,2 Prozent der Männer mit einer Depressionsdiagnose sind gleichzeitig mit koronaren Herzkrankheit in Behandlung.

In Niedersachsen sind die Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen in den vergangenen zehn Jahren um 43 Prozent gestiegen. Psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Ängste sind die zweithäufigste Ursache für eine Krankschreibung. Sie können auch körperliche Folgen haben. Laut DAK-Gesundheitsreport 2022 hat landesweit fast jede:r sechste Beschäftigte mindestens einen psychischen Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Hochgerechnet auf die Erwerbstätigen haben damit 715.000 Menschen in Niedersachsen ein erhöhtes Herzinfarkt-Risiko durch Depressionen, Ängste oder Arbeitsstress. Die Betroffenen weisen auch vermehrt körperliche Risikofaktoren wie Rauchen, Bluthochdruck oder Adipositas auf.
Jedes Jahr sterben über 35.000 Menschen in Niedersachsen an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung. „Die Rolle von Stress und psychischen Erkrankungen als Risiko für Herzinfarkte wird oft unterschätzt, wie unser aktueller Gesundheitsreport zeigt“, sagt Dirk Vennekold, Landeschef der DAK-Gesundheit. „Die Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen steigen seit Jahren. Depressionen und negativer Stress sind bereits für sich genommen eine große Belastung. Sie gehen aber auch buchstäblich ans Herz“. Expertenstimmen zufolge ist das Risiko für einen Herzinfarkt bei Depressionen ähnlich hoch wie bei starkem Übergewicht.
 
Psychische Risikofaktoren kommen häufig nicht allein
 
Der DAK-Gesundheitsreport zeigt eine Zunahme der Fehltage wegen psychischer Erkrankungen von 2011 bis 2021 um 43 Prozent. Für die Studie analysierte das IGES-Institut die Daten von rund 232.000 erwerbstätigen DAK-Versicherten. Zusätzlich befragte das Forsa-Institut für die DAK-Gesundheit über 1.000 Beschäftigte in Niedersachsen. Demnach lebt fast ein Sechstel der Befragten mit einem psychischen Risiko für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung. Und diejenigen, die von Depressionen, Angststörungen oder Arbeitsstress betroffen sind, berichten auch häufig von weiteren verhaltensbezogenen oder körperlichen Risikofaktoren. So rauchen sie zum Beispiel etwas häufiger (plus 8 Prozentpunkte) und starkes Übergewicht ist bei ihnen deutlich verbreiteter (plus 9 Prozentpunkte). „Es gibt eine auffällige Wechselwirkung zwischen Psyche und Herz“, sagt DAK-Landeschef Vennekold. „Das sollten Ärzte, Medizinerinnen und Arbeitgeber bei Prävention und Gesundheitsprogrammen im Blick behalten.“
 
Wechselwirkung von Psyche und Körper
 
Der Report zeigt darüber hinaus, dass viele Erwerbstätige mit Depressionen auch häufiger wegen der sogenannten koronaren Herzkrankheit (KHK) in ärztlicher Behandlung sind. Bei KHK verschließen sich langsam die Herzkranzgefäße und es kann auch schon im mittleren Lebensalter zu einem akuten Herzinfarkt kommen. „Zum einen ist es so, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen häufiger Herzprobleme haben. Zum anderen zeigen unsere Abrechnungsdaten, dass Herz-Kreislauf-Patientinnen und -Patienten auch häufiger eine psychische Erkrankung entwickeln“, erklärt Vennekold. 4,2 Prozent der Männer mit einer Depressionsdiagnose sind gleichzeitig mit KHK in Behandlung, aber nur 2,4 Prozent ohne Depression. Bei den Frauen ist der Unterschied ebenfalls deutlich.
 
Arbeitsstress als Belastung für das Herz
 
Laut Report kann eine problematische Situation am Arbeitsplatz Stress und Ängste befeuern. Ein Problem ist die sogenannte Gratifikationskrise. Sie meint eine Kluft zwischen Leistung und Belohnung. Vier Prozent der Befragten in Niedersachsen sind betroffen: Sie bringen viel Leistung oder nehmen es zumindest so wahr und erfahren gleichzeitig wenig Wertschätzung. So empfinden 16 Prozent Lohn und Gehalt als nicht angemessen und 13 Prozent empfinden das, was sie als Anerkennung von ihren Vorgesetzten bekommen, als zu dürftig.
 
Ältere Erwerbstätige fehlen häufiger
 
Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachen im Durchschnitt 60 Fehltage im Jahr je 100 Versicherte - bei den Männern mehr, bei den Frauen weniger. Mit dem Alter steigt die Anzahl der Fehltage leicht an. 45- bis 49-jährige Männer bringen es je 100 Versicherte auf 61 Fehltage, bei ihren zehn Jahre älteren Kollegen sind es 212 Tage - mehr als dreimal so viele. DAK-Landeschef Vennekold sieht Firmen in der Pflicht, Stress, Belastung und die psychische und physische Gesundheit ihrer Arbeitnehmer:innen im Blick zu haben und zu schützen.
Laut der Studie erhalten 46 Prozent der Erwerbstätigen von Arbeitgeberseite Angebote aus dem Bereich der Betrieblichen Gesundheitsförderung. Bei den Erwerbstätigen mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind es nur 43 Prozent. Prävention sei bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen sehr wichtig, betont Vennekold. Auch die Krankenkassen böten zahlreiche Kurse, um den eigenen Lebensstil zu ändern. Wer weniger raucht, sich mehr bewegt, gesünder ernährt, mehr entspannt und ein gesünderes Arbeitsleben hat, senkt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Für gesetzlich Versicherte ist außerdem ein jährlicher Check-up ab 35 Jahren alle drei Jahre kostenlos. Die medizinische Vorsorgeuntersuchung könne mögliche Risikofaktoren frühzeitig erkennen, sei aber in Niedersachsen nur sieben von zehn Befragten ab 35 Jahren mit einem psychischen Risiko bekannt.


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