

Gnarrenburg. Es ist ein Mittwoch im Dezember und ich fahre an dem nasskalten, grauen Tag nach Gnarrenburg, um einen landwirtschaftlichen Betrieb zu besichtigen. Auf den ersten Blick klingt das wenig spektakulär, ist in diesem Fall aber schon etwas Besonderes. Denn die Firma „ZukunftMoor Gnarrenburg GmbH“ baut keinen Mais oder Weizen an, pflanzt keine Kartoffeln und hat weder Schweine im Stall noch Kühe auf der Weide. Das Unternehmen setzt alles auf den Anbau von Torfmoos.
Viel Zuversicht und ein langer Atem
Paul Waldersee, einer der drei Geschäftsführer des Unternehmens, empfängt mich. Wir befinden uns auf einem Hof, den die Firma im Juli 2024 erworben hat – insgesamt eine Fläche von fast 20 Hektar. 13,4 Hektar haben die fleißigen Mitarbeiter bereits wiedervernässt. Dafür wurden Drainagen zerstört, Polder errichtet und ein Wassermanagementsystem installiert. Zuvor wurde das ehemals trockengelegte Areal als Intensivgrünland genutzt und mehrmals im Jahr gemäht. Davon ist heute nichts mehr zu sehen. Schnell wird klar, festes Schuhwerk, am besten wasserdicht, ist unabdingbar. Paul Waldersee springt beherzt über einen bis zum Rand gefüllten Wassergraben auf die Anbaufläche und präsentiert mir stolz den ersten Flaum des neu angebauten Torfmooses. Waldersee kommt aus Schleswig-Holstein, ist in Hamburg aufgewachsen und hat Landwirtschaft studiert.
Insgesamt zehn Personen haben sich auf das Abenteuer „ZukunftMoor“ aktuell eingelassen. Neben Paul Waldersee, sind die beiden Geschäftsführer Julia Kasper und Lucas Gerrits mit an Bord. Dazu gesellen sich drei Minijobber für die Arbeit auf der Anbaufläche, eine Office-Managerin, ein Geoingenieur, eine Produktentwicklerin und ein Werkstudent. „Unser Ziel ist es, die Landwirtschaft auf nassen Moorflächen, die Paludikultur, als rentables Geschäftsmodell und damit als Alternative zur Landwirtschaft auf trockengelegten Moorböden zu etablieren“, sagt Paul Waldersee. Das angebaute Torfmoos soll in Zukunft regelmäßig „geerntet“ und als umweltfreundlicher Ersatz für Torf vermarktet werden. „Torfmoos ist der einzige nachwachsende Rohstoff in Europa, der Torf eins zu eins ersetzen kann“, so der Jungunternehmer.
Anbau von Torfmoos schafft Mehrwerte
Das Team des Start-ups „ZukunftMoor Gnarrenburg GmbH“ ist der festen Überzeugung, mit dem professionellen Anbau von Torfmoosen, auf dem richtigen Weg zu sein. Bis heute haben die Gründer viel privates Geld in die Hand genommen und mit der Volksbank Gnarrenburg einen verlässlichen Partner gefunden. Das Kreditinstitut sorgt mit langfristigen Krediten dafür, dass die notwendigen Flächen gekauft werden können. Insgesamt will das Unternehmen auf 200 Hektar Anbaufläche kommen. „Wir suchen weiterhin trockengelegte Moorflächen ab 10 Hektar Größe in Niedersachsen“, so Waldersee. Dabei kommen nur Hochmoorareale in Frage. Auf Niedermoorflächen ist Torfmoosanbau nicht möglich.
Neben dem wirtschaftlichen Erfolg verspricht sich das Team von ihrem Engagement auch viele positive Effekte für Klima, Natur und Umwelt. So können im Idealfall pro Jahr und Hektar etwa 50 Tonnen CO2-Äquivalente vermieden und neuer Lebensraum für Insekten, Vögel, Amphibien und seltene Pflanzen geschaffen werden. Auf der Pilotfläche sollen in diesem Jahr bereits wieder Kiebitze gebrütet haben und seltene Schnepfenvögel gesichtet worden sein. Um diese Erfolge zu dokumentieren sind verschiedene wissenschaftliche Einrichtungen an dem Projekt beteiligt. So forschen Mitarbeiter der Uni Münster zur Treibhausgasentwicklung, die Uni Greifswald beobachtet den Torfmoosaufwuchs und die Ostfalia (Hochschule für angewandte Wissenschaften) untersucht verschiedene „Wasserparameter“. Gut sichtbar stehen auf den Anbauflächen fest installierte Mikrofone und zeichnen kontinuierlich Geräusche wie Vogelrufe oder die Laute von Fröschen und anderen Amphibien auf.
Ein stolzer Gnarrenburger Bürgermeister
Wie der Zufall es will, bin ich am Abend des Tages, an dem ich mit Paul Waldersee auf dem Torfmoos-Acker unterwegs war, zum 125-jährigen Jubiläum der Gnarrenburger Volksbank eingeladen. Rund 60 geladene Gäste haben sich im Foyer der Bank eingefunden. Der Gemeindebürgermeister Marc Breitenfeld spricht ein Grußwort. Er erzählt darüber, dass Gnarrenburg eine „Moorgemeinde“ mit über zwölftausend Hektar Moor und die Nutzung und Verwertung dieser Flächen das zentrale Thema für die Weiterentwicklung der Gemeinde sei. Das Start-up „ZukunftMoor“ lobt er für die innovative Idee der Gründer und bedankt sich bei der Volksbank für den Mut und die Weitsicht, das Projekt mitzufinanzieren. „Wir hatten erst heute morgen wieder eine Konferenz bei uns im Bürgerhaus. Da ging es um Nutzungskonzepte zur Wiedervernässung von Moorstandorten, wo Universitäten, Professoren und Doktoren diskutiert haben, was man alles machen kann. Wir als Gnarrenburger haben dabei ein wenig geschmunzelt und gedacht, fahrt mal raus, hier könnt ihr das schon sehen. Wir sind dabei, wir machen das schon,“ so der stolze Bürgermeister.
Wer noch mehr über das Projekt und die Arbeit der „ZukunftMoor Gnarrenburg GmbH“ erfahren möchte, kann sich auf der Webseite des Unternehmens unter zukunftmoor.de wertvolle Informationen holen. An jedem ersten Mittwoch eines Monats bietet die Firma kostenlose Führungen vor Ort an. Der Rundgang beginnt jeweils zur letzten vollen Stunde vor Sonnenuntergang und dauert rund eineinhalb Stunden. Vorherige Anmeldung und wetterfestes Schuhwerk sind wichtig.




