Patrick Viol

Umstrittene Gutschein-Aktion in Bremervörde

Bremervörde (pvio). Auch wenn derzeit viel über Zusammenhalt gesprochen wird, wird man sich nicht immer einig, wie genau er aussehen soll. In Bremervörde zeigt sich an einer Gutscheinaktion, dass Zusammenhalt einfacher gesagt ist, als getan.
 

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Hinter verschlossenen Türen herrscht keine Friedhofsruhe, sondern hier rotieren die Räder in den Köpfen der Geschäftsinhaber*innen, um einen Umgang mit der Krise zu finden.  Foto:tgar

Hinter verschlossenen Türen herrscht keine Friedhofsruhe, sondern hier rotieren die Räder in den Köpfen der Geschäftsinhaber*innen, um einen Umgang mit der Krise zu finden. Foto:tgar

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So wie es scheint, ist es meist nicht. So ausgestorben die Bremervörder Innenstadt scheint - hinter den verschlossenen Türen rotieren Räder. In den Köpfen derjenigen, die um ihre wirtschaftliche Existenz bangen. Man sucht nach Ideen, um diese Situation zu überstehen. Nach Ideen, die man am besten nicht alleine umsetzen muss, weil alle derzeit dieselbe Sorge haben: Das Unternehmen erhalten und Arbeitsplätze sichern. Dazu bedarf es in unserer Gesellschaft nur eines: Geld. Wie aber kommt es in den kleinen Läden und Geschäfte, wenn die zahlungswillige Kundschaft ausgesperrt bleiben muss?
Viele Geschäfte bieten derzeit Liefer- und Abholservices an und haben ihren Onlinehandel ausgeweitet oder einen eröffnet. So kocht aber jeder nur sein eigenes Süppchen und versucht lediglich, es unter verschärften Konkurrenzbedingungen loszuwerden. Eine gemeinsame Perspektive, ein kooperatives Vorgehen ist das nicht.
 
Eine gemeinsame Aktion
 
Der Bremervörder Weinhändler Martin Hill von Kanaan hingegen hat sich Gedanken um eine gemeinsame Perspektive gemacht. Seine Idee ist einfach: Mit einer allgemeinen Gutschein-Aktion soll Unternehmer*innen in dieser Zeit einbrechender Einnahmen Geld zufließen. Konkret soll die Aktion so aussehen: Kund*innen kaufen bei ihrem „Lieblingsladen“ einen Gutschein und erhalten zusätzlich vom Unternehmen 50 Prozent des gekauften Gutscheinwerts dazu. Kauft man also einen Gutschein im Wert von 50 Euro, erhält man einen Gutschein im Wert von 75 Euro. Damit bei Wiedereröffnung die Händler*innen und Gastronom*innen aber nicht nur Gutscheine einlösen und somit keine Einnahmen für die laufenden Kosten generieren würden, soll der Gutschein nur für 75 Prozent des Rechnungsbetrages einlösbar sein. Die restlichen 25 Prozent würden dann bar bezahlt. Bei einer Rechnung von 100 Euro müsste man noch 25 Euro bezahlen. Bei einer Rechnung von 60 Euro würde der Gutschein von 75 Euro zunächst also nur für 45 Euro der Rechnung (75 %) gelten, 15 Euro würden bar bezahlt und 25 Euro für das nächste Mal gutgeschrieben.
Zusätzlich zu diesem Prozentsystem dachte Hill daran, dass die Stadt sich finanziell an den Gutscheinen beteiligen könnte und das Bremervörder City- und Stadtmarketing organisatorische Unterstützung leistet. Ähnlich würden Hilfsprojekte auch in anderen Städten organisiert, wie Hill mitteilt.
Was so einfach klingt, stoße aber in Bremervörde auf Widerstand seitens der Stadt und des Stadtmarketings, so der Weinhändler. In Bremervörde gebe es „scheinbar unüberwindliche Hindernisse“, sagt Hill enttäuscht.
 
Alles nicht so einfach
 
Tatsächlich hat Hills Idee aber einen Haken, den er selbst einräumt: Jemand müsste dieses Gutscheinsystem finanziell absichern. Hill hatte dafür ursprünglich die Stadt vorgesehen. Das heißt, dass sie im Fall eines durch die Krise bedingten Konkurses die Kosten für den dann wertlos gewordenen Gutschein übernimmt. Das könne die Stadt aber derzeit nicht leisten. Dafür hat auch Reinhard Bussenius, Bremervörder Kreistagsmitglied der Grünen und Unterstützer von Hills Initiative, Verständnis. „Auch der Stadt brechen in dieser Situation Einnahmen weg.“ So seien die nötigen Bürgschaften nicht zu leisten.
 
Fehlende Fantasie
 
Weniger Verständnis bringen Bussenius und Hill aber für das Verhalten des Bremervörder City- und Stadtmarketing auf. Das Stadtmarketing könne zumindest die zentrale Organisation der Umsetzung der Gutscheinidee übernehmen, so Hill. „Stattdessen passiert nichts“, ärgert er sich.
„Man steckt anscheinend lieber den Kopf in den Sand.“ Ein „Fünfzeiler“ der Unterstützung und eine digitale Sammelstelle für Liefer- und Abholservices auf der Webseite des Stadtmarketings reichten in dieser Situation nicht aus.
Auch Bussenius findet, das sei zu wenig. Der Abgeordnete beurteilt die derzeitige Situation in Bremervörde als ein „bisschen frustrierend“. Die Idee von Hill müsse zwar weiter entwickelt werden, aber dazu fehle es an zentraler Stelle offenbar an „Fantasie“. Ihr sei angeraten, in dieser Situation „initiativer“ zu werden. Sonst hinkt man in Bremervörde weiter fatal hinterher, so Bussenius.
 
Falsche Zeit für Vorwürfe
 
Silke Lorenz, die erste Vorsitzende des Stadtmarketings verwehrt sich gegen den Vorwurf der Untätigkeit. Nicht nur stehe man in gutem Kontakt mit der Bremervörder Geschäftswelt und unterrichte sie regelmäßig über staatliche Liquiditätshilfen, sondern man sei zudem dabei „weitere Ausgabestellen, die auch am Wochenende geöffnet haben, für die Bremervörder Einkaufsgutscheine zu schaffen.“ Hinsichtlich der Idee von Matthias Hill verunmögliche die rechtliche Seite die Übernahme der Organisation. Man wolle keine enttäuschten Kunden nach der Krise und das, so Lorenz, wollten auch viele Händler*innen nicht. „Sie wollen das Vertrauen der Kunden nicht aus Spiel setzen“, wie Lorenz mitteilt. Hills Idee sei „nicht ausreichend durchdacht“. Seitens des Stadtmarketings sei man aber für konstruktive Vorschläge offen. Lorenz betont aber, dass dies nicht „der richtige Zeitpunkt“ sei „sich gegenseitig Vorwürfe zu machen“.
 
Der Weg der Selbstorganisation
 
In diesem Punkt sind sich Hill und Lorenz einig. Auch Hill betont, dass in dieser überfordernder Situation der „Schwarze Peter nicht einfach weitergeschoben werden sollte.“ Es ginge darum, zusammenzustehen.
Hill hat daher nun den Weg „ohne offizielle Stellen“ eingeschlagen und seine Idee den Bremervörder Geschäftsführer*innen in einem Rundschreiben mit dem Appell zur Selbstorganisation dargelegt. Auch für das Problem der Sicherheit für die Kund*innen hat er sich etwas überlegt. Man könnte einen Sicherheitsfond einrichten, der zum Beispiel über Spenden finanziert wird. Alles Weitere hängt nun davon ab, ob eine Arbeitsgruppe zustande kommt.
Dann könnte vielleicht, anstatt einzelner Süppchen, ein großes gemeinsames Mahl entstehen, von dem hoffentlich alle satt werden.


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