Sandra Fricke

Perfektionismus als Stressverstärker

Burn & Learn - Die Stresskolumne von Sandra Fricke.

Ich kenne dieses Gefühl gut: sich beweisen zu müssen, um anerkannt zu werden. Als würde Wertschätzung erst dann entstehen, wenn alles perfekt ist. Wenn nichts schiefgeht. Wenn ich funktioniere.

Perfektionismus hat eine starke Sogwirkung. Lob und Anerkennung tun uns allen gut. Und genau dafür legen wir oft „eine Schippe drauf“. Noch gründlicher. Noch sauberer. Noch fehlerfreier. Ob zu Hause kein Krümel auf dem Boden liegen darf oder im Job jede Kleinigkeit korrekt sein muss – der innere Anspruch kennt kaum Pause.

Früh hörte ich bei uns im Norden den Satz: „Wenn beidens scheef sünd, hett Gott se leev.“ Wenn beide Seiten schief sind, hat Gott sie trotzdem lieb. Ein schöner Gedanke – und doch habe ich lange gebraucht, ihn wirklich anzunehmen. Denn Perfektionismus entsteht selten zufällig. Oft steckt dahinter die Erfahrung: Nur wenn du etwas richtig gut machst, wirst du gesehen. Wiederholt sich dieses Gefühl oft genug, entsteht ein inneres Muster. Und irgendwann sind selbst 99 Prozent nicht mehr genug.

Das Problem ist nicht Qualität. Das Problem ist, dass der eigene Maßstab immer höher rutscht. „Gut“ wird zu „nur okay“. Und „okay“ fühlt sich an wie eine schlechte Note.

Ich durfte lernen, dass in der Natur nichts hundertprozentig ist. Kein Baum wächst symmetrisch. Kein Blatt gleicht dem anderen. Und auch mein Leben ist es nicht. Es hat lange gedauert, bis ich mit Krümeln auf dem Boden leben konnte. Bis Geschirr stehen durfte. Bis ich akzeptieren konnte, dass mir Fehler passieren. Und manchmal hilft mir ein anderer Satz – diesmal aus Köln:

„Et kütt wie et kütt, un et hätt noch immer jot jejange.“

Perfektionismus erzeugt Daueranspannung. Er verhindert, dass wir zufrieden sind – und überträgt sich auf andere. Niemand ist perfekt. Und oft sind es gerade unsere vermeintlichen Macken, die uns menschlich machen.

Mein Tipp: Loslassen lässt sich üben. Jeden Tag ein bisschen.


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