Lena Stehr

Neben der Spur ist auch ein Weg

Anlässlich der Aktionswoche zur Seelischen Gesundheit lässt der Anzeiger fünf Frauen zu Wort kommen, die einen Weg neben der Spur für sich gefunden haben.

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„Zusammen der Angst das Gewicht nehmen” ist das Motto der bundesweiten Aktionswoche zur Seelischen Gesundheit, die vom 10. bis 20. Oktober läuft. Das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit möchte mit der Aktionswoche unter anderem auf die unterschiedlichen Strategien zur Bewältigung und auf das vielfältige psychosoziale Hilfsangebot in Deutschland aufmerksam machen sowie zum gemeinsamen Austausch und gegenseitiger Unterstützung aufrufen.

 

Anlaufstelle für Menschen mit psychischen Problemen

 

Eine wichtige Anlaufstelle für Menschen mit psychischen Problemen ist der in Bremervörde ansässige gemeinnützige TANDEM e.V. Neben der Begegnungsstätte Tandem-Treff bietet der Verein Betroffenen unter anderem auch betreutes Wohnen sowie individuelle ambulante Hilfe und Begleitung an. Im Rahmen eines Zuverdienstprojekts bekommen Betroffene, die aufgrund ihrer Erkrankung dem ersten Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung stehen, zudem die Chance, einer strukturierten Beschäftigung nachzugehen.

 

„Die Arbeit hier ist mein Anker“

 

So wie Andrea Mayer (46) und Sabine Haase (39). Beide Frauen kochen regelmäßig zusammen für die Gäste der Begegnungsstätte und planen auch den dafür nötigen Lebensmitteleinkauf. „Die Arbeit hilft mir, Struktur zu bekommen, hier habe ich meinen Anker und mein Rettungsseil gefunden“, sagt Sabine, die seit vielen Jahren an einer posttraumatischen Belastungsstörung sowie einer Panikstörung leidet. Ihr werde schnell alles zuviel, doch im geschützten Raum unter dem Dach des Tandem-Vereins könne sie sich in schwierigen Momenten immer zurückziehen, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Zugleich sei sie nicht allein mit ihren Problemen und halte Kontakt zu anderen Menschen, die sie verstehen. „Andrea sieht mir zum Beispiel immer sofort an, wenn es mir nicht gut geht“, sagt Sabine.

Andrea Mayer (46) gehört zum „Tandem-Team“, seit bei ihr 2001 eine paranoide schizophrene Psychose diagnostiziert wurde. Seit 2005 ist die verheiratete Mutter eines siebenjährigen Sohnes und gelernte Einzelhandelskauffrau voll erwerbsunfähig. Weil Familie und Freunde zwar hinter ihr stehen, anfangs aber mit der Situation überfordert gewesen seien, wurde sie auch zeitweise gesetzlich betreut und wohnte in den Steinfelder Wohngruppen für Menschen mit psychischen Erkrankungen, erzählt Andrea. Inzwischen sei sie medikamentös gut eingestellt und pflege auch mit ihrem Sohn sowie ihrem gesamten Umfeld einen offenen Umgang mit ihrer Erkrankung.

In das Koch-Team sei sie irgendwann als Besucherin der Begegnungsstätte „reingerutscht“, hatte zuvor aber bereits im Rahmen des Zuverdienstprojektes das Sozialkaufhaus „FormiDabel!“ in Bremervörde mit aufgebaut.

 

Im geschützten Raum über Probleme sprechen können

 

Geleitet wird das „FormiDabel!“ heute von der 41-jährigen Lina*, die im Rahmen des Zuverdienstprojekts auch Umhängetaschen näht. Als bei ihr 2003 Schizophrenie und das Borderline-Syndrom diagnostiziert wurden, sei sie zudem hoch verschuldet gewesen und habe „nichts auf die Reihe bekommen“. Hilfe fand sie damals über die vom Tandem-Verein mitgegründete Gesellschaft für soziale Hilfen (GESO), die viele ambulante Hilfen und Betreutes Wohnen anbietet.

„Im Tandem-Verein habe ich einen Raum gefunden, in dem ich über Probleme sprechen und in einem geschützten Rahmen ohne Zeitdruck richtig arbeiten kann“, sagt die alleinerziehende Mutter, die ihre Tochter auch immer mit zur Arbeit bringen kann. „Mein Selbstbewusstsein wächst, ich habe endlich wieder Kontinuität im Leben und brauche inzwischen auch keine Medikamente mehr“, sagt Lina.

Große Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl hatte auch Beate Schröder (55), nachdem sie von Mobbing am Arbeitsplatz betroffen war und dann auch noch an Long-Covid erkrankte. „Ich war immer eine Powerfrau, aber Druck und Stress kann ich heute nicht mehr ertragen“, sagt sie.

Weil sie keinen Therapieplatz fand, versuchte sie, sich selbst zu helfen und wurde auf den regelmäßig unter dem Dach des Tandem-Vereins angebotenen Trialog aufmerksam, bei dem sich Psychiatrie-Erfahrene, Angehörigen von Psychiatrie-Erfahrenen und professionelle Begleitende mit anderen Interessierten zu bestimmten Themen austauschen.

 

Gemeinsam kreativ sein

 

Inzwischen ist Beate Schröder auch selbst aktiv und leitet gemeinsam mit Corda Kück die Wörter- und Schreibwerkstatt im „EIGENART kunstraum“. „Wir teilen dort viele Themen, helfen uns gegenseitig dabei, Klarheit zu schaffen und gehen alle mit einem Strahlen nach Hause“, sagt Beate.

Kreativ zu sein hilft auch Sara* (41) dabei, ihr seelisches Gleichgewicht zu halten. Sie leidet schon mehr als ihr halbes Leben an Depressionen und dem Borderline-Syndrom und hat während eines Klinikaufenthalts das Malen für sich entdeckt. Im Rahmen des Zuverdienstprojekts malt sie inzwischen Postkarten, die im kunstraum erworben werden können und nimmt auch Auftragsarbeiten an. Eine Nachbarin hatte sie vor ein paar Monaten auf das offene Atelier im kunstraum aufmerksam gemacht, erzählt Sara, die beim Malen richtig runterfahren kann. „Das Atelier ist mein Zufluchtsort und mein Anker“, sagt sie.

So haben alle Frauen eins gemeinsam: Im Austausch mit anderen Betroffenen und über die unterschiedlichen Angebote und Möglichkeiten, die der Tandem-Verein bietet, haben sie „neben der Spur“ einen Weg für sich gefunden.

 

*Namen geändert


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