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Mehr als historische Begräbnisstätte

Etwas abseits, leicht zu übersehen und vielleicht vielen hier lebenden Menschen unbekannt, liegt an der Höhne in Bremervörde ein Ort, der von einem wichtigen Teil der Bremervörder Vergangenheit erzählt: der Jüdische Friedhof.

Die Grabsteine an der Höhne erinnern zugleich an diejenigen, die nicht zurückkehren konnten.

Die Grabsteine an der Höhne erinnern zugleich an diejenigen, die nicht zurückkehren konnten.

Bild: Sk

Bremervörde.Seine Grabsteine erinnern an Menschen und Familien, die über Generationen in der Region lebten. Als Geburtsorte sind auf den Grabsteinen Bremervörde, Bremen, Bederkesa, Mulsum oder Gnarrenburg zu lesen. Die Geschichte dieser Menschen reicht weit zurück – lange vor die Zeit der nationalsozialistischen Verfolgung und der Shoah (hebräisch für „Vernichtung/Katastrophe“).

Starke Verbindungen

So stehen Familiennamen wie Heyn, Leeser oder Salomon für eine jüdische Geschichte, die im benachbarten Bremervörde teilweise über fünf Generationen zurückreicht. Ihre Anfänge waren von erheblichen Einschränkungen geprägt. Seit dem 18. Jahrhundert konnten Juden als sogenannte „Schutzjuden“ mit befristeten und kostenpflichtigen Aufenthaltsgenehmigungen versuchen, in der Region Fuß zu fassen. Nur wenige Berufe standen ihnen offen. Viele arbeiteten deshalb als Kaufleute, Viehhändler oder Schlachter. Nach und nach wurden sie zu einem selbstverständlichen Teil des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens der Stadt. Wie stark die Verbindung zu Bremervörde selbst nach Flucht und Vertreibung blieb, zeigte sich noch Jahrzehnte später. 1979 und 1980 organisierte der Bremervörder Stadtamtmann Rainer Brandt den Besuch ehemaliger jüdischer Bremervörder:innen, die inzwischen in den USA lebten. Den Anstoß hatte Günther Heyn gegeben, ein Nachfahre von Levi Heyn, dem ersten bekannten Bremervörder „Schutzjuden“. Aus Florida wandte er sich per Brief an die Stadt und bat um eine Einladung in seine frühere Heimat. Mit ihm kamen Angehörige der Familien Heyn, Leeser und Salomon für einen Besuch nach Bremervörde zurück. Sie waren hier aufgewachsen und hatten Deutschland rechtzeitig verlassen können. Jahrzehnte nach ihrer Emigration wurde die Reise zu einem bewegenden Wiedersehen mit einer Region, die einmal ihre Heimat gewesen war. Berichte über diesen Besuch vermitteln bis heute einen Eindruck davon, wie eng die ehemaligen Bremervörder trotz Verfolgung und Vertreibung mit ihrem Herkunftsort verbunden geblieben waren.

Damals und heute

Andere hatten diese Möglichkeit nicht. Zu ihnen gehörte die Bremervörder Geschäftsfrau Adele Leeser. Die Historikerin und Heimatforscherin Elfriede Bachmann hat ihr Schicksal festgehalten. Adele Leeser emigrierte nicht. Sie blieb in Deutschland, wurde schließlich deportiert und in einem Vernichtungslager ermordet. Ihre Geschichte macht auf sehr persönliche Weise deutlich, was die nationalsozialistische Verfolgung für Menschen bedeutete, die lange darauf vertrauten, dass sich die Verhältnisse doch noch zum Guten wenden würden. Auch die Grabstelle der Familie Salomon verbindet Vergangenheit und Gegenwart. Vor rund zehn Jahren wurde in Bremervörde darüber diskutiert, die Engeoer Dürerstraße in Joseph-Salomon-Straße umzubenennen. Die öffentlich geführte und teilweise heftige Auseinandersetzung zeigte, dass antisemitische Vorstellungen und Vorurteile keineswegs nur einer fernen Vergangenheit angehören. Sie haben eine jahrhundertelange Geschichte, sind nie vollständig verschwunden und treten heute wieder zunehmend offen hervor. Für viele Jüdinnen und Juden ist die Frage nach einem sicheren und selbstverständlichen Leben in Deutschland deshalb erneut bedrückend aktuell.

Ein Stück Wirklichkeit

Die Grabsteine an der Höhne erinnern zugleich an diejenigen, die nicht zurückkehren konnten. Zu den Bremervörder Jüdinnen und Juden, die infolge der nationalsozialistischen Verfolgung ermordet wurden oder ums Leben kamen, gehören Bernhard Blau, Henriette Blau, Frieda Heyn (verheiratete Berlin), Adele Leeser, Henriette Leeser (verheiratete Rosenthal), Merri Leeser (geborene Abraham), Joseph Nathan, Bertha (Rebecka) Salomon (verheiratete Lichtenstein), Sophie Salomon (verheiratete Struck), Max Solmitz und Paula Solmitz (geborene Baum).

Der Jüdische Friedhof an der Höhne ist damit weit mehr als eine historische Begräbnisstätte. Er erzählt von Menschen, die hier lebten, arbeiteten und Familien gründeten, von ihrem schwierigen Weg zu gesellschaftlicher Zugehörigkeit, von Verfolgung, Flucht und Ermordung – aber auch von der Erinnerung an sie.

Ein Gedanke der deutsch-jüdischen Philosophin Hannah Arendt beschreibt, welche Aufgabe mit solchen Orten verbunden sein kann: „Begreifen bedeutet, sich aufmerksam und unvoreingenommen der Wirklichkeit, was immer sie ist oder war, zu stellen und entgegenzustellen. Der Friedhof bewahrt ein Stück dieser Wirklichkeit. Er erinnert daran, dass jüdische Geschichte nicht neben der Geschichte unserer Region steht. Sie ist ein Teil von ihr.“


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