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Lena Stehr

High Noon in Arztpraxen 

Niedersachsen. Angesichts der geplanten Streichung der Neupatientenregelung spricht die Ärztekammer von einer „hochalarmierenden Situation“ in Arztpraxen.

Bild: Erwin Wodicka

Um die Krankenkassen finanziell zu stabilisieren, hat das Bundesgesundheitsministerium das GKV-Finanzstabilisierungsgesetz auf den Weg gebracht. Neben höheren Zusatzbeiträgen ist dabei auch der Wegfall der Neupatientenregelung geplant. Diese wurde vor drei Jahren eingeführt, um Praxen finanzielle Anreize zu bieten, wenn mehr Termine angeboten und mehr Menschen behandelt werden.

Vorher war es so, dass Ärztinnen nur eine gewisse Anzahl an Patientinnen von den Krankenkassen vergütet bekamen. Wurden Patientinnen über eine bestimmte Budgetgrenze hinaus behandelt, wurde die Behandlung „abgestaffelt“, also deutlich geringer vergütet oder teilweise gar nicht bezahlt.

Dass Arztpraxen nun im Vergleich zu Krankenhäusern, die einen Inflations- und Energiekostenausgleich in Aussicht gestellt bekommen haben, nicht nur leer ausgehen sollen, sondern dass auch noch die Neupatientenregelung gestrichen werden soll, sei unverständlich, teilt die Landesärztekammer Niedersachsen mit. Man könne den Unmut in der Ärzteschaft verstehen. „Die Situation in den Praxen der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte ist hochalarmierend“, sagen Niedersachsens Ärztekammerpräsidentin Dr. med. Martina Wenker und Vizepräsidentin Dr. med. Marion Charlotte Renneberg unisono.

 

Patientenversorgung ist gefährdet

 

Schon die in der Corona-Ausnahmesituation vollmundig von der Politik versprochene Corona-Bonuszahlung sei insbesondere an den unzähligen medizinischen Fachangestellten in den niedergelassenen Praxen vorbeigegangen. Jetzt werde dem niedergelassenen Bereich auch noch so viel Honorar entzogen, dass es nicht mehr möglich sein werde, die aktuelle Belastung durch Inflation und steigende Energiekosten zu schultern. „Das gefährdet die flächendeckende Patientenversorgung in hohem Maße“, so Wenker. Schon jetzt nehmen viele Praxen gar keine neuen Patientinnen mehr auf. Hiesige Ärztinnen fürchten nun, dass sich die Situation noch weiter verschärft und es künftig auch keine kurzfristigen Termine mehr geben wird. „Wir arbeiten sowieso schon am Anschlag, mehr geht nicht“, sagt Jörn Homburg, Facharzt für Orthopädie aus Osterholz-Scharmbeck. Die Streichung der Neupatienten-Regelung bedeute einen erheblichen Rückschritt in der kassenärztlichen Betreuung von Patientinnen. Viele Praxen hätten seit 2019 ihr Sprechstunden-Angebot ausgeweitet, Investitionen getätigt und neue Mitarbeitende angestellt.

 

Von der Regierung im Stich gelassen

 

„Wie alle niedergelassenen Ärzte fühlen wir uns von der Regierung im Stich gelassen“, sagt Homburg. Die Praxen hätten zwei schwierige Corona Jahre gemeistert und zusätzlich zu den allgemeinen Kostensteigerungen Zusatzkosten wie tägliche Testungen, Schutzmaßnahmen usw. zu tragen. Durch Kippung der Neupatienten-Regelung erfolge eine erhebliche Budgetierung, die die Situation für Arztpraxen zusätzlich erheblich erschwere.

Gleichwohl kenne Homburg keine Praxis, die Patientinnen ablehnen werde, einfach weil die Neuaufnahme nicht mehr bezahlt werde. „Auch wir arbeiten nach der Philosophie, so viele Menschen wie möglich zu behandeln“, sagt Homburg. Das werde auch in Zukunft so bleiben.

In Anbetracht des ohnehin schon herrschenden Mangels an Fachärztinnen - insbesondere Psychologinnen, Neurologinnen und Orthopädinnen - könne im Grunde nur eine grundlegende Veränderung des gesamten Gesundheitssystems Abhilfe schaffen, bei der Ärztinnen nach Bedarf behandeln dürften, meint Homburg. Alle Reformen seien dagegen immer nur kurzzeitig gedacht und würden keine echte Verbesserung bewirken.

 

Live-Talk zum Thema

 

Am 24. Oktober um 17.30 Uhr sendet die ÄKN einen Live-Talk zum Thema „High noon in Arztpraxen und Kliniken. Gehen jetzt die Lichter in vielen Arztpraxen für immer aus?“. www.aekn.de


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