Patrick Viol

Der Weg ins Nichts

Ein Roadmovie ohne Ziel, eine Welt ohne Ordnung: Oliver Laxes „Sirat“ verweigert Erzählung und Sinnstiftung und setzt stattdessen auf Zustände und Grenzerfahrung im Kinosessel. Was, so Benjamin Moldenhauer, als Suche beginnt, endet in einer radikal kargen Vision einer Zukunft, in der Kohärenz selbst zur Lüge geworden ist.

Verloren in der Wüste in einer Zeit zerfallener Kohärenz: Jade Oukid als Jade.

Verloren in der Wüste in einer Zeit zerfallener Kohärenz: Jade Oukid als Jade.

Bild: Picasa/Pandora

Ein Roadmovie ist normalerweise der Inbegriff von filmischer erzählerischer Stringenz. Held, Antiheld oder eine Gruppe, egal, was immer im Zentrum der Handlung steht, bewegt sich von A nach B, von einem Ausgangspunkt zu einem meist ausdefinierten Ziel. Und wenn A und B nicht geografisch bestimmt sind, markieren sie Anfang und Ende eines inneren Weges, der zurückgelegt werden muss. Eine Seelenreise.

Voraussetzung für ein Roadmovie ist eine klare Struktur, in der gereist werden kann. In „Easy Rider“ zum Beispiel war die Welt zwar in Aufruhr und gefährlich, das Alte kämpfte gegen das Neue, die Rednecks gegen die Hippies, und der Gegensatz war unversöhnlich, aber auch strukturbildend. Die Welt war in diesem Sinne in Ordnung.

Grenzerfahrung

In Oliver Laxes ziemlich einzigartigem Film „Sirat“ hat die Welt sich weitgehend aufgelöst, sie erschließt sich nicht mehr. Es herrscht der dritte Weltkrieg, warum und wer genau, man erfährt es nicht. Und mit der Transparenz verschwinden auch die Genre- und überhaupt die erzählerischen Gepflogenheiten. Laxe versteht das Kino, vielleicht, nicht als Erzählmaschine, die Ordnung noch in der Inszenierung des Chaos und des Schreckens stiftet, sondern als Medium, das Zustände inszeniert und die Zuschauer in Zustände versetzt. Wenn es gut läuft, kommt es zu etwas, was man gerne Grenzerfahrung nennt. Eine ästhetisch vermittelte zum Glück nur, im Kinosessel.

Quälender Realismus

Hippies auch hier, am Anfang. Die Kamera verfährt dokumentarisch, wir sehen einen Rave in der Wüste von Marokko. Mittendrin, aber nicht tanzend, die Figur, die so etwas wie einem Protagonisten am nächsten kommt: Luis (gespielt von Sergi López, dem einzigen professionellen Schauspieler des Ensembles) ist auf der Suche nach seiner verschollenen Tochter, die – wie er auf die Idee kommt, wird nicht ganz klar – auf Raves in der marokkanischen Wüste unterwegs sein soll. Mit dabei sein etwa zwölfjähriger Sohn Esteban.

Ausgiebig werden die tanzenden Körper gezeigt, dann kommt das Militär und löst die Veranstaltung auf. Eine Gruppe von fünf Ravern, durch Outfit und Habitus als Außenseiter-Freak-Ensemble gekennzeichnet, macht sich auf zur nächsten. Luis und Esteban schließen sich ihnen an, in der Hoffnung, die Verlorengegangene zu finden. Im islamischen Glauben ist der Sirāt ein extrem schmaler Übergang, der über die Hölle führt. Die Interpretation, dass wir hier Toten in einem Zwischenreich dabei zuschauen, wie sie eine Wüste durchqueren, bietet sich an, ist aber nicht zwingend. Die Kamera bleibt einem in ihrer Teilnahmslosigkeit zunehmend quälenden Realismus verpflichtet und widerspricht eher metaphysischen Perspektiven.

Weg ins Nichts

Dass das alles so bedeutungsoffen und zerfasert erzählt ist – ein genauer Bericht, ohne dass geklärt wäre, mit welchem Zweck und Ziel hier eigentlich berichtet würde –, hat dann bei der Premiere in Cannes, nach der „Sirat“ gemeinsam mit dem deutschen Beitrag „In die Sonne schauen“ den Preis der Jury erhielt, auch für Kontroversen gesorgt. Den Verdacht, dass Filme, die nicht offenlegen, was und warum sie ihre Geschichte erzählen, nicht wissen, was sie wollen, und also nicht viel mehr als suggestive Leere zu bieten haben, hört man noch immer häufig. Und der Modus „Zustand statt Erzählung“ ist nach über einem Jahrhundert im Prinzip standardisiertem Genrekino offensichtlich noch immer mühselig zu prozessieren. Der Guardian zum Beispiel sah einen „Weg ins Nichts, ein improvisiertes Spektakel in der Sahara“. Was als Kritik nicht wirklich trifft, weil die der Sache angemessene Inszenierung eines „Wegs ins Nichts“ eventuell schlicht das ästhetische Programm dieses Films ist.

Radikal karges Werk

Vielleicht liegt den Negativkritiken aber auch eine Abwehr zugrunde. Durch eine Hölle nämlich bewegen sich die Figuren in „Sirat“ ohne Frage, und nach etwas über einer Stunde Filmzeit, in der das Geschehen eher lose mäandert, kippt Laxes Film mit einer Szene, eigentlich nur einem Moment, ins radikal Schreckliche. Was dann in der zweiten Filmhälfte noch folgt, ist vor allem bedrückend. Die Reise durch die Wüste, die schlechten Trips, der Tanz auf einem Minenfeld.

Es gibt, bei allem filmischen und künstlerischen Eigensinn, der sich in „Sirat“ manifestiert, natürlich lose Verbindungen zur Kinogeschichte, zu den dystopischen Wüstenszenarien und -durchquerungen in den „Mad Max“-Filmen und zu „Lohn der Angst“. Am Ende steht dieser Film aber alleine und für sich, als radikal karges Werk, das es niemandem recht machen oder gar gefallen will. Auch weil in der Welt, die er zeigt und die wirkt wie eine nicht abwegige, nicht allzu weite Zukunft, Fragen wie die nach erzählerischer Stringenz und Kohärenz gar keine Rolle mehr spielen. Oder auch: Weil die Bilder dann etwas zeigen würden, was es in dieser Welt gar nicht mehr gibt und in diesem Sinne lügen würden.

 

Der Film wird am Mittwoch, 21. Januar, um 20 Uhr in den Ritterhuder Lichtspielen gezeigt.


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