Patrick Viol

Sieben Prozent Hoffnung

Die Senkung der Mehrwertsteuer auf Speisen entlastet die Gastronomie spürbar – doch steigende Kosten und höhere Löhne begrenzen den Spielraum der Betriebe.

Landkreis. Am 1. Januar 2026 ist der Mehrwertsteuersatz von 19 auf 7 Prozent speziell auf Speisen in der Gastronomie gesenkt worden. Im Dezember vergangenen Jahres hatte der Bundesrat einem Paket mit einer ganzen Reihe von Steuerentlastungen zugestimmt. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) bezeichnet die Steuersenkung als eine wichtige Maßnahme zur Stärkung der Restaurants, Wirtshäuser, Cafés und Caterer.

Dirk Breuckmann, Präsident des DEHOGA Niedersachsen, begrüßt die neue Regelung: „Mit dieser Entscheidung erkennt die Politik die hohe gesellschaftliche Relevanz der Betriebe an und stärkt die so wichtigen Begegnungsorte. Gastronomie macht unser Land lebendig und liebenswert, ermöglicht Tourismus und ist unverzichtbar für Austausch, sozialen Zusammenhalt und die Daseinsvorsorge.“

Die erste vorübergehende Mehrwertsteuersenkung für die Gastronomie gab es von Juli bis Dezember 2020 während der Coronapandemie (1. und 2. Corona-Steuerhilfegesetz). Ziel war es, Restaurants, Cafés und andere Gaststättenbetriebe zu unterstützen, die unter den beschlossenen Infektionsschutzmaßnahmen besonders zu leiden hatten. Mit dem dritten Corona-Steuerhilfegesetz wurde die Umsatzsteuersenkung bis Ende 2022 verlängert und angesichts galoppierender Inflation sowie steigender Energiepreise noch einmal bis einschließlich 31. Dezember 2023 ausgeweitet.

Positives Signal – begrenzter Spielraum

Viele Gastronomen freuen sich über die Entscheidung der Politik. Allerdings sehen sie nur bedingt die Möglichkeit, die Preise auf ihren Speisekarten entsprechend anzupassen.

Sarah und Jan Martini führen seit April 2019 das Traditionsrestaurant „Zum Hemberg“ in Worpswede und sind mit den Herausforderungen in der Gastronomie bestens vertraut. Jan Martini findet die Steuersenkung „super“: „Das gibt uns wieder ein bisschen Luft zum Atmen.“ Er würde gerne die Preise für seine angebotenen Mahlzeiten senken, sieht dafür jedoch kaum Spielraum. „Wir haben in den letzten Jahren einige Investitionen für das Lokal zurückgehalten. Da können wir jetzt anders planen.“

Zudem seien die Gehälter der Angestellten immer wieder gestiegen. So habe es mehrere Tarifanpassungen gegeben und nicht zuletzt die Erhöhung des Mindestlohns auf 13,90 Euro je Stunde. Andererseits könne er ab sofort beim Einkauf besser kalkulieren und müsse nicht mehr auf jeden Cent achten. „Wenn ich etwas Schönes sehe, das ich als ,Empfehlung‘ auf die Karte setzen kann, dann habe ich heute die Möglichkeit, das auch mal einzukaufen. Die Gäste werden auf jeden Fall etwas davon haben.“

Marei-Lisett und Kristian Kettenburg aus Visselhövede betreiben das Café und Restaurant „NebenAn“. Außerdem führen sie das „Hotel Röhrs“ im Ortsteil Hiddingen. Marei Kettenburg ist 2. Vorsitzende im DEHOGA-Kreisverband Rotenburg. Auch sie begrüßt grundsätzlich die Steuersenkung, sieht aber kaum eine wirtschaftliche Erleichterung für ihre Betriebe. Die Industrie, speziell die Getränke- und die Abfallindustrie, habe im Vorfeld bereits die Preise so erhöht, dass ein großer Teil der Entlastung bereits verpufft sei.

Sie verspricht ihren Gästen: „Wir werden im Grundpreis stabil bleiben, so wie das ganze Jahr schon, ungeachtet aller vergangenen Erhöhungen.“ In ihren Betrieben sei man dazu übergegangen, saisonale Karten mit regionalen Produkten anzubieten, die schnell an neue Gegebenheiten angepasst werden könnten. Damit lasse sich der Einkauf besser kalkulieren und zu günstigeren Bedingungen organisieren. Diese Vorteile könne sie letztlich auch an die Gäste weitergeben.

Neue Herausforderung – Der Mindestlohn

Während die Steuersenkung vor allem auf der Einnahmenseite für etwas Luft sorgt, stehen viele Betriebe zugleich vor steigenden Personalkosten. Neben der Mehrwertsteuersenkung gab es zu Jahresbeginn eine weitere politische Maßnahme, die in der Gastronomie intensiv diskutiert wird.

Zum 1. Januar ist die Lohnuntergrenze von 12,82 Euro auf 13,90 Euro pro Stunde gestiegen – ein Plus von 8,4 Prozent. Im Januar 2027 steht eine weitere Erhöhung an: Dann soll der Mindestlohn auf 14,60 Euro steigen. Guido Zöllick, Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA Bundesverband), hatte bereits im Juli vergangenen Jahres die Erhöhung als eine große Herausforderung für die Branche mit rund 2,2 Millionen Beschäftigten bezeichnet.

Marei Kettenburg vom Café „NebenAn“ hat zu diesem Thema eine klare Meinung: „Ich finde, dass die Politik darin gar nichts zu suchen hat und die Verantwortung weiter bei den Tarifpartnern obliegt.“ Die Erhöhung des Mindestlohns führe immer auch zu Diskussionen um die Gehälter der Mitarbeiter, die ein Tarifentgelt erhielten. Die Gastronomie sei eine Willkommensbranche. In ihren Unternehmen seien Menschen aus zwölf Nationen beschäftigt, für die sie Sprachkurse vermittle und Wohnungen stelle. „Wir müssen aufpassen, dass wir in diesem Gefüge die soziale Gerechtigkeit auch unter den Mitarbeitenden halten können.“

Guido Zeitler, Vorsitzender der Gewerkschaft „Nahrung-Genuss-Gaststätten“ (NGG) und Mitglied der Mindestlohnkommission, erklärt: „Für Branchen wie das Gastgewerbe oder das Bäckerhandwerk ist das ein wichtiger Fortschritt. Viele Menschen arbeiten im Niedriglohnbereich. Da zählt jeder Euro. Die Erhöhung bringt Vollzeitbeschäftigten bis zu 3.700 Euro mehr im Jahr. Das stärkt die Kaufkraft und ist wichtig angesichts steigender Mieten, Lebensmittel- und Energiekosten.“ Er betont zugleich: „Wirklich faire Löhne und gute Arbeitsbedingungen gibt es nur mit Tarifvertrag. Deshalb bleibt unsere zentrale Forderung: Mehr Tarifbindung!“ Denn nur Tarifverträge garantierten faire Löhne, gute Arbeitsbedingungen und Sicherheit im Job.


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