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Erinnerung an die Zukunft

Mit der Einweihung eines Gedenkorts für die Opfer des Nationalsozialismus verbindet Worpswede das Erinnern an die Vergangenheit mit einem klaren Appell an die Gegenwart: Demokratie ist nicht selbstverständlich und braucht Widerspruch, Wachsamkeit und Verantwortung

Worpswede. Seit 1996 wird am 27. Januar eines jeden Jahres der internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust in ganz Deutschland begangen. Er erinnert an die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee. An den Dienstgebäuden des Bundes ist Trauerbeflaggung angeordnet. Auch am Rathaus in Worpswede wehte die Bundesdienstflagge der Bundesrepublik Deutschland auf Halbmast. Vor dem Rathaus des Künstlerortes versammelten sich zahlreiche Bürgerinnen und Bürger um gemeinsam diesen Gedenktag zu begehen und gleichzeitig ein neues Mahnmal einzuweihen. Es soll ein sichtbares Zeichen gegen das Vergessen sein sowie an die im Nationalsozialismus getöteten beziehungsweise in den Tod getriebenen Worpsweder Einwohner erinnern.

Ein stilles Gedenken

Als um 17 Uhr im Dämmerlicht diese kalten Wintertages Bürgermeister Stefan Schwenke vor das Rednerpult tritt, hat sich bereits eine große Menschenmenge vor dem neuen Gedenkstein aus grauem Granit versammelt. Schwenke sprach davon, dass der 27. Januar für alle eine Verpflichtung sei, sich daran zu erinnern, wohin Hass, Ausgrenzung und die systematische Verachtung menschlichen Lebens geführt habe und immer noch führe. „Die hier aufgestellte Stele trägt den Namen von 20 Menschen aus den damals selbständigen Gemeinden unserer heutigen Gemeinde Worpswede. Menschen, die im Nationalsozialismus entrechtet, verfolgt, ermordet oder in den Tod getrieben wurden“. Und weiter: „Zusammen stehen sie für ein staatlich organisiertes Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“ Der Standort des Gedenkortes auf dem Gelände des Rathauses sei kein Zufall, sondern bewusst so ausgewählt worden. Ein Rathaus sei ein politischer Ort, ein Ort demokratischer Verantwortung. „Gerade hier muss sichtbar bleiben, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist und dass sie zerstört werden kann, wenn Menschenrechte relativiert und Minderheiten ausgegrenzt werden.“ Stefan Schwenke mahnte, dass wir heute wieder erleben müssten, dass die Verbrechen des Nationalsozialismus verharmlost, relativiert oder instrumentalisiert werden. Gegen Ende seiner Rede sagte er: „Dieser Gedenkort ist deshalb auch mehr als ein Ort des stillen Erinnerns. Er ist ein politischer Auftrag, zum Widerspruch, zur Wachsamkeit und zum Schutz unserer demokratischen Grundwerte.“

Erinnern für die Zukunft

Verwirklicht werden konnte die neue Gedenkstätte hauptsächlich durch die akribische Arbeit der „AG Aufarbeitung der NS-Zeit in Worpswede“, die unter dem Dach des „Heimat- und Geschichtsverein Worpswede e.V.“ seit 2013 besteht. Der Sprecher der AG, Burckhard Rehage, sprach in seiner emotionalen Ansprache, von einem lachenden und einem weinenden Auge beim Blick auf die Veranstaltung. Er lobte die Zusammenarbeit aller Beteiligten und verwies auf die Zeit von nur einem Jahr, in der dieses anspruchsvolle Projekt realisiert werden konnte. „Das war natürlich nur möglich mit der Unterstützung vieler, wie der Gemeinde Worpswede, einer großen Zahl von Worpsweder Vereinen, Stiftungen und Institutionen. Und durch das Engagement vieler Bürgerinnen und Bürger.“ Entstanden sind zwei Stelen. Zum einen das hellgraue Granitmonument aus dem Fichtelgebirge, 1,90 Meter hoch, 63 Zentimeter breit und 16 Zentimeter tief. Darauf befestigt sind zwanzig Bronzeplaketten mit den Namen der bis heute bekannten Worpsweder Opfer der Nazizeit. Die andere Info-Stele bietet mittels eines QR-Code Informationen über die Menschen, die sich hinter den Namen verbergen. Unter der Webadresse www.heimatverein-worpswede.de/gedenkort/ können die Kurzbiografien gefunden werden. „An sie und vielleicht auch noch an weitere Opfer, die uns heute noch unbekannt sind, soll dieser Ort erinnern. Mit der Nennung ihrer Namen und der Erinnerung an sie, wollen wir ihnen ein Stück der durch die Nationalsozialisten genommenen Würde zurückgeben!“ Rehage beendete seine Ausführungen mit einem Zitat der ehemaligen Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, welches sie anlässlich einer Rede zur Einweihung von Gedenkstelen in München geäußert hatte: „Die Erinnerungszeichen holen individuelle Lebensgeschichten zurück an jene Orte, von denen die Betroffenen einst verdrängt wurden, und schreiben sie dauerhaft ins Stadtbild ein, dies gilt auch für das Jahr 2026. Mit Erinnerungszeichen kehren diejenigen Menschen zumindest symbolisch an die Orte ihres Lebens und Wirkens zurück, die das Wüten der Nationalsozialisten einst von dort hatte austilgen wollen. In diesem Sinne sind die Stelen weit mehr als Rückschau: Sie verweisen auf Verantwortung im Heute, sichtbar im öffentlichen Raum, beständig und mitten im Alltag!“

Schweigeminute zum Abschluss

Als letzter Redner des Abends hielt Ian Bild, Mitglied der „Initiative NIE WIEDER – Erinnern für die Zukunft – Gemeinsam gegen Rechts“ eine kurze Rede. Er erinnerte die Anwesenden an die Versammlungen der letzten Jahre, die immer auf dem Rosa-Abraham-Platz stattgefunden hatten. Er habe vor kurzem mit Irene Goldsmith gesprochen, einer Urenkelin Rosa Abrahams. Sie lebt in der Nähe von New York und habe ihn gebeten, nicht nur an die Ermordeten zu denken, sondern auch die Überlebenden. Auf Wunsch von Irene Goldsmith verlas Ian Bild das Gedicht von Lawrence Ferlinghetti „Pity the Nation“, auf Deutsch „Beklage die Nation“ und sagte abschließend: „Heute stehen wir hier am Rathaus der Gemeinde Worpswede, aus gutem Grund. Unsere heutige Demokratie, mit all ihren Problemen, ist ein Bollwerk gegen Autokratie und Faschismus und all ihren Gefahren. Wir hoffen, dass auch nach den Kommunalwahlen im September die Unterstützung des Gemeinderats und des neuen Bürgermeisters für das Gedenken weiter fortgeführt wird. Aus der Geschichte zu lernen und unsere Demokratie zu verteidigen, ist unsere Aufgabe, damit sich solche Verbrechen niemals wiederholen.“

 


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