

Bremervörde/Bremen. Die 1990er-Jahre brachten den gitarrenorientierten Rock zurück in die Charts. Grunge war das Ding der Stunde. Doch nicht alle Bands kamen aus Seattle – in Deutschland sorgte die Hamburger Band Selig für Furore, deren Mitglieder teilweise den Hamburger Popkurs des damaligen Bremervörders Peter Weihe besucht haben.
2026 blickt das heutige Quartett Selig auf seine Anfänge zurück: Am Freitag, 6. November, erscheint eine Vinyl-Box mit den ersten drei Alben „Selig“, „Hier“ und „Blender“. Alle drei entstanden während der Zeit beim Sony-Label EPIC, bei dem auch internationale Größen wie Pearl Jam und Rage Against the Machine unter Vertrag standen. Genau diese Ära ist das Herzstück der „The EPIC Years“-Tour, mit der Selig im November und Dezember durch Deutschland und Österreich ziehen. Ein Abschied von gestern, wie die Band es nennt, und ein Versprechen an morgen.
Die Neunziger Jahre
Als das Quintett Selig 1994 die Debütsingle veröffentlichte, war das Staunen groß. Eine Mischung aus Grunge und Rock mit deutschen Texten hatte es bis dahin nicht gegeben. „Wir sind wirklich mit richtig großem Maul losgestiefelt – nichts konnte uns was anhaben. Wir waren die Reiter der Apokalypse“, so Sänger und Bandmitglied Jan Plewka. Das selbstbetitelte Debütalbum erschien im März 1994, kletterte auf Platz 35 der deutschen Charts und brachte der Band den Durchbruch: Dauerrotation im Musikfernsehen, ausverkaufte Shows, ein Echo. Es folgte das Zweitwerk „Hier“.
Dann wurde die Band vom eigenen Erfolg überrollt. Kurz nach Erscheinen des dritten Albums „Blender“ verließ Jan Plewka die Band im Streit. Die Gruppe löste sich wenig später auf. „Wir standen als Headliner beim ‚Rock am Ring‘-Festival mit auf den Plakaten. Als ich die Poster sah, wusste ich, da spielen wir nicht. Wir werden vorher auseinandergehen. Ich werde das Land verlassen. Ich konnte nicht mehr. In diesem Zustand auf irgendeine Bühne gehen, vor allen Dingen auf so eine große, das wäre nichts geworden“, erinnert sich Plewka.
Dann habe ihn seine heutige Ehefrau Anna, die aus Schweden kommt, zur Seite genommen und gesagt, ihr Onkel habe eine Holzhütte in der Nähe von Stockholm. „In dieser Holzhütte habe ich dann die Dämonen ausgeschwitzt, die ich mir in den vier Jahren zuvor eingesackt hatte“, erzählt Plewka. Auch beim ersten Hurricane-Festival hätte Selig auftreten sollen. Der Traum des jungen Mannes, auf den größten Bühnen zu stehen, zerplatzte. „Das war echt schrecklich. Da war eine große Rückkopplung in einem drin, aber es ging kräftemäßig einfach absolut nicht mehr.“ Plewka fühlte sich körperlich wie geistig völlig im Eimer. „Jetzt schließen wir da wieder an, mit der Blender-Platte und gehen auf eine gesunde Tour. Um die Zeit noch mal gesund werden zu lassen.“ Es werde spannend, das dritte Album erstmals auf der Bühne zu präsentieren. Es werde teilweise bewusst Musik gespielt, die zum vorläufigen Ende der Formation führte.
Zurück in die Zukunft
Es gehe darum, zu reflektieren. „Mich interessieren die Sätze, die ein Mittzwanziger gesungen hat.“ Plewka fragt sich, wie er sie nun als 56-Jähriger singen werde. „Diese Tour soll keine 90er-Jahre-Nostalgie-Veranstaltung werden, sondern so etwas wie ein Sich-wieder-treffen. Und aus der Energie, die in der Schnittmenge zwischen dem alten Ich und dem neuen Ich entsteht, Kraft zu tanken für die Zukunft, für die Zeit, in der wir gerade sind. Es wird eine Art Abschiedstour. Ein Abschied von der Vergangenheit und ein Versprechen an die Zukunft.“
Selig zählt zu den wenigen Bands der Generation, die noch mit vier von fünf Gründungsmitgliedern auf der Bühne stehen. Nach der offiziellen Trennung 1999 widmeten sich Plewka, Gitarrist Christian Neander, Bassist Leo Schmidthals und Schlagzeuger Stephan „Stoppel“ Eggert neun Jahre lang anderen Projekte, bevor sie 2008 ihr Comeback ankündigten. Das Reunion-Album „Und endlich unendlich“ wurde ihr größter kommerzieller Erfolg: Platz 5 in den deutschen Albumcharts, über 100.000 verkaufte Exemplare, Gold. Es folgten der Auftritt beim Bundesvision Song Contest, das Top-Ten-Album „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ sowie im Juli 2012 ein legendäres Konzert am Vörder See in Bremervörde. Someday Jacob, die Band um den in der Ostestadt aufgewachsenen Jörn Schlüter, war als Support dabei. Ebenso wie der gebürtige Bremervörder Ritchie Kück-Michelmann als Gitarrist mit der Fabian Harloff Band. Nach dem Konzert feierten die Bandmitglieder in jenem Hotel spontan auf einer Silberhochzeitsfeier weiter, die dort zufällig stattfand.
Als Keyboarder Malte Neumann 2014 ausstieg, war das ein Einschnitt. „Zu bemerken, dass es aber auch zu viert und ohne Keyboard geht, zu spüren, wie viel Energie dadurch freigesetzt werden kann, hat uns diese Zäsur überstehen lassen“, so Plewka.
Weitere erfolgreiche Alben folgten, 2020 erschien die Kompilation „Selig macht Selig“, für die befreundete Musiker wie Wolfgang Niedecken und Johannes Oerding ihre Songs interpretierten.
Am Mittwoch, 25. November, verabschiedet sich Selig im Kulturzentrum Schlachthof, Findorffstraße 53 in Bremen, von der düsteren Vergangenheit, um frisch in die Zukunft zu starten.


