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„Dorfkind durch und durch“

Niedersachen (lst). Dr. Marco Mohrmann im Interview.

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„CDU pur“ bedeutet für Dr. Marco Mohrmann unter anderem Soziale Marktwirtschaft und Eigenverantwortung statt Bevormundung.

„CDU pur“ bedeutet für Dr. Marco Mohrmann unter anderem Soziale Marktwirtschaft und Eigenverantwortung statt Bevormundung.

Der Landtagsabgeordnete und neue CDU-Generalsekretär aus dem Landkreis Rotenburg spricht darüber, wie er seine Partei nach vorne bringen will und wen er dafür auf keinen Fall braucht.

 

Herr Mohrmann, nach Ihrer Wahl zum neuen CDU-Generalsekretär haben Sie gesagt, dass die niedersächsische CDU mit Ihnen für „CDU pur“ stehe und dass es darum gehe, „nicht beliebig zu sein“. Was bedeutet das genau?

 

In der Wahlanalyse nach der Landtagswahl wurde uns u.a. ein inhaltlicher Profilverlust attestiert. Diese Wahrnehmung führen wir auch auf die vielen Kompromisse mit der SPD in der abgelaufenen Regierungszeit zurück. Ich sehe meine Aufgabe nun darin, das Profil der CDU in Niedersachsen zu schärfen und unverwechselbare Positionen zu entwickeln, die uns klar von allen anderen Parteien in Niedersachsen abgrenzen. „CDU pur“ bedeutet unter anderem die Partei der Sozialen Marktwirtschaft und der Eigenverantwortung, nicht der staatlichen Bemutterung und Bevormundung. Insbesondere auch im ländlichen Raum erwarten unsere (potenziellen) Wählerinnen und Wähler entschlossene und unmissverständliche Positionierungen.

 

Wie muss man sich als Laie Ihren Job vorstellen? Wie sieht ein durchschnittlicher Arbeitstag aus?

 

Als Generalsekretär bin ich für die inhaltlichen Abläufe und Themensetzung im Wilfried-Hasselmann-Haus, der CDU-Landesgeschäftsstelle, zuständig. In enger Abstimmung mit dem Landesvorsitzenden Sebastian Lechner entwickeln wir Ideen und Ziele, die es dann zusammen mit unseren Mitarbeitern umzusetzen gilt. Diesen Prozess darf ich dann als Generalsekretär federführend begleiten und bin hochmotiviert, meine Aufgaben zu erledigen.In Zeiten des Mobiltelefons und des Internets bin ich eigentlich nie nicht im Dienst, zudem nehme ich meine Aufgaben als Landtagsabgeordneter für meinen Wahlkreis und als Generalsekretär für unsere Mitglieder sehr ernst. Eine ausgewogene Balance mit Zeit für die Familie bleibt dabei natürlich wichtig.

Montags, freitags und häufig auch am Wochenende bin ich in meinem Wahlkreis unterwegs und erledige dort viele Termine. Da mein Weg in die Landeshauptstadt nicht der kürzeste ist, verbringe ich Dienstag, Mittwoch und Donnerstag i.d.R. mit Übernachtungen in Hannover. Dort pendle ich dann zwischen Landtag und Wilfried-Hasselmann-Haus. Abendtermine finden zunehmend quer durchs Land Niedersachsen statt.

 

Sie sind promovierter Agraringenieur, Vater von drei Kindern und leben mit Ihrer Familie im beschaulichen Rhadereistedt im Landkreis Rotenburg. Haben Sie deshalb die Bedürfnisse der Menschen vom Land besonders im Blick?

 

Ich bin in der Tat Dorfkind durch und durch und dabei von Kindheit an „christdemokratisch sozialisiert“. Wir sind die Partei für den ländlichen Raum und meine Wahl zum Generalsekretär soll durchaus auch ein Signal sein, das auch noch stärker zu zeigen. Über meinen Werdegang habe ich nun auch schon einige Jahre in großen Städten verbracht, meine Tochter begann „ihre Kindergartenlaufbahn“ beispielsweise in Kiel. Sicher habe ich aber auch viele Erfahrungen allein schon wegen meiner beruflichen Zeit vor der Wahl in den Landtag, die andere politisch Aktive so nicht vorweisen können. Am prägendsten bleiben aber die Erfahrungen im alltäglichen Familienleben, die einem immer wieder aufzeigen: Der Kampf für gleichwertige Lebensverhältnisse im ganzen Land bleibt eine Daueraufgabe. Das beste Beispiel ist die medizinische Versorgung. Insofern: Natürlich bin ich Generalsekretär für Alle, egal ob vom Land oder aus der Großstadt, aber den ländlichen Raum habe ich schon besonders im Blick.

 

Gemeinsam mit anderen Parteimitgliedern kritisierten Sie Ende November 2022 einen Ihrer Meinung nach einseitig recherchierten Beitrag der Sendung „3nach9“ von Radio Bremen, in dem Sky Du Mont und Hannes Jaenicke Milchviehhalter:innen „verunglimpfen“. Haben viele Menschen ein falsches Bild von der Landwirtschaft?

 

Landwirte verfügen über eine hervorragende Ausbildung, nicht selten inklusive Hochschulabschluss. Die Experten sitzen nicht in Hannover, Berlin, Brüssel oder bei Radio Bremen, sondern arbeiten auf ihren Höfen in unseren Dörfern. Unsere niedersächsische Landwirtschaft versorgt die Menschen sicher mit Nahrungsmitteln. Und natürlich muss dabei Geld verdient werden. Dabei hat insbesondere die Viehhaltung auch mit viel Leidenschaft und Liebe zum Beruf zu tun. In Niedersachsen produzieren Landwirtsfamilien Lebensmittel auf höchstem Standard und dazu gehört auch der Umgang mit den Tieren. Ich bin mir ziemlich sicher, dass vielen Menschen diese Zusammenhänge auch klar sind. Was die Herren an dem Abend, übrigens unwidersprochen durch die Moderatoren, von sich gegeben haben, entbehrte jeder Grundlage. Wenigstens hat sich Sky Dumont inzwischen die wahre Praxis zeigen lassen und sich entschuldigt. Gleichwohl hätte ihm ein solcher Auftritt nicht passieren dürfen. Bei Hannes Jaenicke scheinen diese Äußerungen allerdings zu seinem Geschäftsmodell zu gehören.

 

Das Handelsblatt schrieb gerade, dass der Fall Maaßen eine Wende in der CDU einleite. Sehen Sie das auch so?

 

Die CDU ist eine Volkspartei mit den unterschiedlichsten Mitgliedern. Wir vereinigen verschiedene Meinungen und Ansichten. Darauf sind wir sehr stolz. Es gibt aber Grenzen, und diese überschreitet Herr Maaßen immer wieder durch die Verwendung antisemitischer und verschwörungstheoretischer Codes. Seine Äußerungen haben nichts mit Konservatismus zu tun sondern zeigen vielmehr eher Offenheit für rechtsextreme Positionen. Insofern ist das Parteiausschlussverfahren konsequent. Ich habe richtig Lust, diese Partei nach vorne zu bringen, solche Leute brauch ich dabei nicht.

 

CDU-Chef Friedrich Merz polarisierte in der Vergangenheit mit rechtspopulistischen Äußerungen wie dem Vorwurf des „Sozialtourismus“ gegenüber Ukrainer:innen oder indem er Kinder von Menschen mit Migrationshintergrund als „kleine Paschas“ bezeichnete. Tut er der Partei damit einen Gefallen?

 

Ich hätte manches Wort anders gewählt, aber eines ist sicher: Die Debatten führen wir jetzt, und das ist auch gut so. Wichtig ist für mich, dass wir auch solche Themen ergebnisoffen diskutieren. Wir dürfen auch miteinander streiten, wenn wir uns einig sind, dass wir alle Argumente (im Rahmen der Vernunft) und Problemdiagnosen zulassen. Ich glaube es würde beiden Seiten gut tun, die „Totschlag-Reflexe“ zu unterdrücken, um auch unbequeme Themen auszudiskutieren.

Die CDU hat in Deutschland die letzten 16 Jahre regiert. Immer mit unterschiedlichen Koalitionszwängen. Vieles konnten wir leider mit unseren Gegenübern nicht umfänglich zu unserer Zufriedenheit umsetzen. Das liegt in der Natur von Koalitionen. Hinzu kommt, dass sowohl Bildung als auch die soziale Frage von Integration Hoheit der Bundesländer ist. Wir bewegen uns also mit komplexen Fragestellungen auf verschiedenen staatlichen Ebenen. Friedrich Merz hat der CDU keineswegs geschadet. Wir sehen es als unsere Aufgabe, diese Problemstellungen politisch zu lösen. Dies hat unser Bundesvorsitzender noch einmal verdeutlicht.

 

Zum Abschluss noch eine Frage zum Wolf: Wie kann ein Miteinander von Wolf und Landwirten gelingen? Was fordern Sie vom neuen Umweltminister?

 

Die Wolfspopulation wächst exponentiell und damit die Problematik für die Tierhaltung, insbesondere für die gesellschaftlich erwünschte Weidetierhaltung. Die Praxis zeigt: die von interessierter Seite gebetsmühlenartig vorgetragenen angeblichen Präventionsmöglichkeiten von Einzäunungen bis zu Herdenschutzhunden erweisen sich als unzulänglich und praxisuntauglich. Es führt kein Weg daran vorbei, die Bestände durch Bejagung zu begrenzen. Von Umweltminister Meyer fordere ich, sich bei der Bundesregierung für die längst überfällige Anerkennung des günstigen Erhaltungszustands der Wölfe einzusetzen, damit den Weg zu einem aktiven Wolfsmanagement zu ebnen und die Belange der Tierhalter ernst zu nehmen. So wie bis jetzt gehandhabt verlieren alle, übrigens auch die Artenvielfalt.

 

Vielen Dank für das Gespräch.


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