Ralf G. Poppe

85 Jahre Fotografie-Geschichte

Die Fotos von Günter Zint erzählen von Musik, Protest und deutscher Zeitgeschichte. In Bremervörde sind nun ausgewählte „Fundstücke“ aus seinem umfangreichen Werk zu sehen.
Das Team vom EIGENART Kunstraum um Anja Schlesselmann-Janssen (rechts) eröffnete mit der Zint-Ausstellung seinen Kultursommer.

Das Team vom EIGENART Kunstraum um Anja Schlesselmann-Janssen (rechts) eröffnete mit der Zint-Ausstellung seinen Kultursommer.

Bild: Rgp

Bremervörde. Günter Zint machte mit seinen Fotos aus wunderbaren Augenblicken legendäre Momente. Er ist weitaus mehr als lediglich der legendärste deutsche Musikfotograf. Am 27. Juni wird die Kiez-Legende 85 Jahre alt. Der EIGENART Kunstraum zeigt noch bis Freitag, 14. August, eine Auswahl seiner Fotos.

„Unser Dank gilt Günter Zint, der leider krankheitsbedingt nicht an der Vernissage teilnehmen konnte, den Besuchern aber herzliche Grüße ausrichten ließ“, so Impulsgeberin Anja Schlesselmann-Janssen. Zint sei dem Tandem e. V. sehr verbunden und habe nach seinem Umzug von Berste nach Hamburg dem Verein einen großen Fundus an zum teil sehr besonderen Fotografien überlassen. Die nun bereits zweite Ausstellung mit Bildern aus diesem Fundus seien ein Ergebnis dieser besonderen Verbindung, so die Projektleiterin weiter. Alle Exponate könnten käuflich erworben werden. Die Erlöse kämen zu hundert Prozent der Kulturarbeit des Vereins beziehungsweise dem EIGENART Kunstraum zugute.

 

Ein bewegtes Leben

Zint sei scheinbar immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen, und er habe ein gutes Motiv mitunter regelrecht „gerochen“. Diese Bandbreite zeige die jetzige kleine Auswahl an Bildern. Angefangen bei großartigen Fotos von Achim Reichel über Erich Freid und Udo Lindenberg bis hin zu Frank Zappa. Aber auch ein Bild des Hamburger Fischmarktes „danach“, dass das Cover der LP „Nach Hamburg“ von Hannes Wader schmückt, ist zu sehen. Weiterhin gibt es besondere Aufnahmen aus dem Istanbul von 1988, wie unter anderem das Foto mit dem Titel „bauer, Kuh und Bullen“, das im rahmen des Widerstandes gegen den Bau des Atomkraftwerks Brokdorf entstanden ist.

Geboren wurde Günter Zint am 27. Juni 1941 in Fulda. Von 1998 bis 2011 lebte er in Fahrendahl, anschließend bis zum Dezember 2023 in Behrste bei Elm – also jahrelang in unmittelbarer Nähe zu bremervörde. Laut der Biografie „Zintstoff“ begannen erste Probleme im Elternhaus, als Zints Gehirn anfing, sich eigenständig zu entwickeln und er im christlichen Elternhaus viele Ungereimtheiten entdeckte. Fragen zum gerade vergangenen Dritten Reich wurden ihm nicht beantwortet. Auf konkrete Nachfragen gab es ein „Davon haben wir nichts gewusst.“ Vielleicht sorgte jedoch genau das dafür, dass aus dem jungen Günter ein weltoffener, pazifistischer Verfechter für Menschenrechte wurde. So war er live dabei, als die Beatles spielten, John Lennon einen Film in der Lüneburger Heide drehte und als The Doors auf ihrer einzigen Europatour waren. Jimi Hendrix besuchte ihn 1967 in Hamburg, um in Ruhe Musik zu hören. 1970 war Zint auf der Ostseeinsel Fehmarn dabei, als Hendrix sein letztes Konzert spielte. Doch die drei Millionen Bilder des Günter Zint erzählen mehr als lediglich die Geschichte der Rockmusik – sie sind ein Stück deutscher Geschichte.

 

Volontariat bei der dpa

Obwohl man in den sechziger Jahren erst mit 21 Jahren volljährig wurde, trieb es Günter Zint bereits 1959 aus dem bürgerlichen Elternhaus. Er bewarb sich ohne Wissen der Eltern bei der dpa in Frankfurt als Bildvolontär. Als der Vater den Ausbildungsvertrag unterschreiben sollte, musste der angehende Fotograf dem Redaktionsleiter gestehen, dass er sein Elternhaus heimlich verlassen hatte. Der dpa-Chef war verständnisvoll, die Karriere nahm ihren Lauf. Das Volontariat verbrachte GüZi – wie er liebevoll, oft und gern genannt wird – in den dpa-Büros in Frankfurt, Berlin und München. Als die Bundeswehr rief, wurde der Wohnort nach Berlin verlegt. Durch den dort damals geltenden „Alliiertenstatus“ sollte die Einberufung umgangen werden.

 

Kultur für St. Pauli

Vom „Armeedienst“ befreit, folgte eine Festanstellung im Bauer-Verlag in Hamburg. Dort arbeitete Zint für das Jugendmagazin O.K. und fotografierte „nebenher“ für Schallplattenfirmen, Konzertveranstalter und Musiker. O.K. wurde 1966 mit der BRAVO zusammengelegt. Zint machte sich unterdessen mit seiner Fotoagentur Panfoto selbstständig. Für das Magazin Der Spiegel fuhr er zum Fotografieren in den Sechstagekrieg nach Israel, mit Robert Kennedy in den Wahlkampf in die USA sowie zur APO-Bewegung nach Berlin und Paris.

Zint wurde Hausfotograf im legendären hamburger Star-club. Seine Bücher dokumentieren oftmals Anti-Atomkraft-Aktionen oder Leben im Hamburger Stadtteil St. Pauli. In den 1980er Jahren gründete der Fotograf das St. Pauli Archiv und den Verein „Kultur für St. Pauli“. Die Bestände von Zints Agentur Panfoto, die neben den Arbeiten des Inhabers zahlreiche Nachlässe auch von anderen Fotografen und bestände des St. Pauli Museums enthält, wurden im Jahr 2022 unter dem Dach der neugegründeten Stiftung Günter Zint vereint. Seit Mitte April 2024 lebt er unweit des Schanzenviertels, somit nicht weit entfernt von der Reeperbahn auf St. Pauli, wieder in seinem geliebten Hamburg.

 

Öffnungszeiten

Die Ausstellung in der Bremer Straße 11 zeigt erneut „Fundstücke“ vom Hamburger Kiez, von den Barrikaden in Paris und aus der Republik freies Wendland. Gäste, die die Aufnahmen ansehen möchten, können diese noch bis Freitag, 14. August, dienstags bis donnerstags von 10 bis 18 Uhr und freitags von 10 bis 14 Uhr im EIGENART Kunstraum betrachten.


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