Ulla Ingenhoven

Wahre Schätze hervorgeholt - 140 Jahre Buchhandlung Netzel / Lesung im Rathaus

Worpswede. Immer noch fallen Silke Schroeter, Inhaberin der Worpsweder Buchhandlung Netzel, Originaldokumente in die Hand, die sie archivieren will. Darunter sind wahre Schätze. Sie führt damit die Arbeit ihrer Mutter Edda Schroeter-Netzel weiter, die damit anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Buchhandlung vor 40 Jahren begonnen hatte. „Wenn man erst mal damit begonnen hat, lässt das einen nicht mehr los“, sagt die Urenkelin des Firmengründers Friedrich Netzel.

Bilder
Silke Schroeter, Urenkelin des Firmengründers Friedrich Netzel, wird zur Lesung Briefe und Historisches aus dem Firmenarchiv präsentieren.  Foto: ui

Silke Schroeter, Urenkelin des Firmengründers Friedrich Netzel, wird zur Lesung Briefe und Historisches aus dem Firmenarchiv präsentieren. Foto: ui

Im Jahre 1879 gründete Friedrich Netzel die gleichnamige Buchhandlung in Worpswede. Wer den Laden in der Findorffstraße heute betritt, fühlt sich in die Zeit des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts zurückversetzt. Die Ladentür bimmelt beim Öffnen wie früher, man steht vor einem langen, dunklen Tresen. Das Mobiliar stamme von 1902, informiert die Inhaberin, und in den vielen Schubladen befinden sich Dinge von einst wie Wäscheknöpfe, hölzerne Garnrollen, Stahlfedern oder Strumpfhalter - obwohl es ja eine Buchhandlung war und noch ist. Aber, so Silke Schröder: „Auf dem Dorf musste man früher so einiges vorhalten.“
Was sie alles zusammengetragen hat und auf Wunsch und nach Vereinbarung auch ihren Kunden zeigen wird, fasziniert den Betrachter: Eine Postkarte von Paula Modersohn an Friedrich Netzel, mit welcher sie Stühle bestellt - denn neben Büchern verkaufte er auch Möbel -, ein Tintenfass mit Federhalter von Rainer Maria Rilke, Gästebücher …
 
Heinrich Mann als Gast
„Der berühmteste Gast war Heinrich Mann“, sagt Silke Schroeter. Familie Netzel vermietete nämlich oben im Haus Fremdenzimmer, so auch an den berühmten Schriftsteller. Heinrich Mann schrieb am 14. Dezember 1906 ins Gästebuch: „Mit aufrichtigem Dank für die gefällige Bewirtung.“ Viele Künstler und Künstlerinnen, unter anderem auch Clara Westhoff, verewigten sich in dem Buch, schrieben sogar Gedichte.
Das älteste Kassenbuch, das Silke Schroeter gefunden hat, stammt aus dem Jahr 1892. Das habe ihre Urgroßmutter geschrieben, das sehe sie an der Schrift. Fein säuberlich sind hier Ausgaben und Einnahmen vermerkt. Auch Rainer Maria Rilke war Kunde bei den Netzels. Die Urgroßmutter erwarb später bei der Haushaltsauflösung von Rilke in Westerstede neben dem Tintenfass auch Gläser und den Wohnzimmertisch. Dieser steht als Schreibtisch in ihrem Büro. Überhaupt erinnert das Büro an vergangene Zeiten. Dort steht eine schwere, dunkle Truhe, die früher als Archiv diente, an den Wänden hängen Originalbilder von Udo Peters und Lisel Oppel. Aber natürlich hat auch längst die moderne Technik Einzug gehalten.
Auf einem anderen Tisch liegen alte Fotos, dicke Ordner mit Originalpostkarten, Zeitungsausschnitten, Todesanzeigen, aber auch mit „einem der schönsten Briefe, in dem es um Geld geht“, lacht Silke Schroeter. In diesem schlug Ottokar (Tetjus) Tügel ihrer Großtante „Wonnemartha“ am 12.12.36 ein Tauschgeschäft vor. Auch ein Brief an den Verleger Ernst Rowohlt befindet sich in einem der Ordner. Und zu jedem Brief, jeder Postkarte hat Silke Schroeter eine kleine Geschichte parat. Sie zeigt eine verzierte Anzeige, die die Vermählung Heinrich Vogelers mit Martha im März 1901 bekannt gibt. Ebenso eine Rarität dürfte das von Fritz Mackensen geschriebene Theaterstück „Der sterbende Krieger“ - „ein Stimmungsbild mit Musik in einem Aufzuge“ - von 1896 sein. Sie liest daraus vor und sagt: „Das ist Pathos pur.“
Silke Schroeter ist gelernte Buchhändlerin, später hat sie Geografie studiert und als Tourismusmanagerin gearbeitet, bevor sie mit ihrer Mutter die Buchhandlung führte, die sie ihr 2004 überschrieb. „Nach dem Tod meiner Eltern habe ich angefangen zu räumen“, erzählt sie und blättert in einem Ordner. „Grob wusste ich, was drin ist.“ Dann zeigt sie einen Briefumschlag, auf dem stand: „Opas Papiere - wertvoll“. Entdeckt habe sie die Einbürgerungsurkunde ihres Ururgroßvaters Johann Georg Friedrich Netzel, der aus Hardegsen kam. Dabei kamen ihr Ungereimtheiten vor, sodass sie vermute, ihr Urgroßvater sei vielleicht adoptiert oder als nicht eheliches Kind geboren worden. „Das hat Forschungsbedarf“, sagt sie und denkt an Ahnenforschung. Sie habe schon angefangen zu recherchieren …
 
„Oh Ihr teuren Netzel-Mädchen!“ Lesung im Rathaus
Anlässlich des Jubiläums 140 Jahre Buchhandlung Friedrich Netzel laden Silke Schroeter und der Schauspieler Jochen Strodthoff, ein Ururenkel des Firmengründers, zu einer Lesung am Sonnabend, 30. November, ab 20 Uhr ins Worpsweder Rathaus ein. Der Titel lautet „Oh Ihr teuren Netzel-Mädel“. Nach dem Tod des Firmengründers 1931 übernahmen nämlich drei seiner vier Töchter das Geschäft, das schnell den Spitznamen „Drei-Mädel-Haus“ bekam. Schnell kam Silke Schroeter die Idee, aus den Stücken authentischer Worpsweder Zeitgeschichte eine Lesung zusammenzustellen. Der Eintritt ist frei.


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