Patrick Viol

Für eine Zukunft ohne Faschismus

Worpswede. Die Initiative NIE WIEDER kämpft sie seit Monaten gegen Coronaschwurbler, Rechtsradikale, Verschwörungsgläubige und den Krieg in der Ukraine. Über den Stand der Dinge hat Patrick Viol mit Katharina Hanstein-Moldenhauer gesprochen.

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„75 Jahre Nürnberger Kodex“? Die Shoa relativieren, indem man sich selbst als Opfer einer vermeintlichen Nazidiktatur wähnt - das gehört zum schlechten Ton der Querdenker-Szene.

„75 Jahre Nürnberger Kodex“? Die Shoa relativieren, indem man sich selbst als Opfer einer vermeintlichen Nazidiktatur wähnt - das gehört zum schlechten Ton der Querdenker-Szene.

Seit Anfang des Jahres, seit dem 3. Januar, stehen sie wöchentlich vor dem Worpsweder Rathaus und demonstrieren - die Mitglieder der Initiative NIE WIEDER - Erinnern für die Zukunft - Gemeinsam gegen rechts. Seit vier Monaten stellen sie sich sogenannten Spaziergängerinnen entgegen, einer Sammlungsbewegung, in der esoterische Kleingärtnerinnen neben Neonazis laufen und gegen Impfpflicht und eine vermeintliche Corona-Diktatur demonstrieren. Auch - wenn auch in der Anzahl extrem geschrumpft - in der letzten Woche noch, obwohl eine allgemeine Impfpflicht im Bundestag scheiterte und die Regierung einschneidende Maßnahmen zurücknimmt. Ihnen gehe es nun um die Zurücknahme der Impfpflicht im Pflegebereich, erzählt Katharina Hanstein-Moldenhauer von der Initiative NIE WIEDER.
Die Initiative hat in Worpswede alle Gegendemos mitorganisiert, Reden gehalten, Beiträge zusammengesammelt und Versammlungen vor dem Rathaus angemeldet. Auch die am 10. Januar nach dem Farbanschlag auf das Haus des Bürgermeisters, die von ca. 350 Menschen besucht wurde und auf der auch Nazis der Standarte 88 aus Bremen auftauchten.
Mittlerweile sei die Teilnehmerzahl auf beiden Seiten stark geschrumpft. Nicht mehr als 30 Menschen erscheinen noch vor dem Rathaus, ebenso wenig nehmen an den „Spaziergängen“ teil. Umso mehr falle - wie in der letzten Woche - auf, dass sich unter den Spaziergänger:innen einige befinden, die keine Worpsweder sind. Mobilisiert würden die u. a. von der Neonazipartei Der Dritte Weg.
Entsprechend konnten Teilnehmer:innen der Gegendemo in der letzten Woche zum ersten Mal eine der für Hanstein-Moldenhauer fürchterlichsten Äußerungen aus der Querdenkerszene in Worpswede beobachten: Einen Vergleich der Nazidiktatur mit der Pandemiepolitik. Eine Spaziergängerin trug auf ihrer Warnweste den Schriftzug „75 Jahre Nürnberger Kodex Nie wieder Zwangsmedizin“, womit sie die Coronamaßnahmen auf eine Stufe mit den im Namen der medizinischen Forschung betriebenen Verbrechen der Nationalsozialisten stellt.
 
Keinen Fuß fassen lassen
 
Auch wenn die Teilnehmer:innen an den Coronaprotesten weniger werden - vernünftiger würden sie offensichtlich nicht. Vielmehr zeige sich deren Unansprechbarkeit in aller Deutlichkeit und dass sie sich „ganz anderen Diskussionsregeln verpflichtet“ fühlten, wie Hanstein-Moldenhauer es diplomatisch ausdrückt. Für sachliche Argumente seien die Querdenker:innen nicht offen. „Dadurch, dass die Verschwörungserzählungen und Impfängste so wahnhaft sind, ist es unmöglich, mit Argumenten etwas zu erreichen“, resümiert die Aktivistin, die sich seit der Studentenbewegung politisch engagiert und deren Vater bereits keinen Nazi über seine Türschwelle habe treten lassen. Wegen ihrer Unansprechbarkeit habe man in der Initiative auch letztlich davon Abstand genommen, mit den Spaziergängerinnen inhaltliche Diskussionen über Corona zu führen. Stattdessen habe man sich darauf konzentriert, die Spaziergänger-Bewegung als eine rechte und deren „Kritik“ als verschwörungstheoretisch und oftmals antisemitisch anzugreifen, um letztlich zu verhindern, dass Rechtsradikalismus in Worpswede einen Fuß fasst.
Dabei spiele es laut Hanstein-Moldenhauer keine Rolle, ob manche Forderungen der Spaziergänger:innen nachvollziehbar und nicht alle Teilnehmer:innen überzeugte Rechte seien. „Es liegt nicht an uns, da zu differenzieren. Das müssen die Menschen schon selbst machen.“ Entscheidend sei: Wer nicht als rechtsradikal oder verschwörungsgläubig kritisiert werden will, sollte nicht Teil einer Bewegung sein, in der rechtsradikale Verschwörungsgläubige aktiv sind.
 
Für eine Zukunft ohne Faschismus
 
Auch wenn die vielen Veranstaltungen im letzten, die vergangenen vier Monate mit wöchentlichen Versammlungen in diesem Jahr und die „Alltag gewordene Auseinandersetzung mit Rechten“ für alle in ihrer Freizeit in der Initiative Aktiven sehr anstrengend gewesen seien - die Stellung aufzugeben, sei keine Option, so Katharina Hanstein-Moldenhauer. Im Gegenteil. In der Initiative gehe man davon aus, dass die rechte Bewegung aufgrund der sich für viele Menschen verschlechternden Lebensverhältnisse weiteren Aufwind erfahren könnte. Auch der Angriffskrieg Putins, der unter Rechtsradikalen breite Zustimmung findet - sind doch Putins Stichwortgeber wie Alexander Dugin und Dimitri Utkin Faschisten und sein Russland Teil der internationalen rechten Reaktion - spiele ihr in die Hände. Sofern sich ihr niemand in den Weg stellt. „Wir müssen dafür sorge tragen, dass wir die Mehrheit bleiben,“ sagt Hanstein-Moldenhauer, wobei sie die sie und ihre Gefährten antreibende Sorge, dass es anders werden könnte, mit zum Ausdruck bringt.
So geht es das nächste Mal am 8. Mai, am Tag der der militärischen Niederlage Nazideutschlands auf die Straße, um für eine bessere Zukunft, in der sich der Faschismus nicht wiederholt, zum einen an die Verbrechen des Nationalsozialismus zu erinnern und zum anderen gegen Russlands Angriffskrieg zu demonstrieren. Stattfinden wird die Gedenkveranstaltung auf dem Rosa-Abraham-Platz um 17 Uhr.
Die Initiative sammelt dort auch Spenden für die medizinische Versorgung der besonders gefährdeten hochbetagten Shoa-Überlebenden in der Ukraine.
 


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