Keine neue Leistungsdebatte
Die aktuellen PISA-Ergebnisse haben eine neue Debatte über Leistung, Schule und die Verantwortung von Eltern ausgelöst. Der Landesschülerrat Niedersachsen warnt davor, die Ergebnisse zum Ausgangspunkt für pauschale Vorwürfe gegenüber jungen Menschen zu machen. Statt mehr Leistungsdruck fordert die Schülervertretung bessere Lernbedingungen, ausreichend Personal und stärkere Unterstützung für sozial benachteiligte Schüler.
Damit setzt der Landesschülerrat einen anderen Akzent als Teile der Bundesregierung. Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) hatte nach Bekanntgabe der Ergebnisse erklärt, sie habe die vergleichsweise niedrige „Bildungsaspiration“ überrascht – also, „dass Eltern Bildung einfach nicht so wichtig finden, wie in anderen OECD- und EU-Staaten“. Leistungsprinzip und Leistungsbereitschaft müssten gestärkt werden; dies müsse auch aus dem Elternhaus kommen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) betonte ebenfalls die Verantwortung der Familien. Bildung und Erziehung könne man nicht an den Staat „outsourcen“, sagte er im Bundestag.
Lernen in einer veränderten Welt
Der Landesschülerrat setzt dagegen stärker bei den Bedingungen an, unter denen junge Menschen lernen. „Lernen hat sich verändert“, erklärt Vorstandsmitglied Theo Büdden. Schülerinnen und Schüler wüchsen in einer digitalen Welt auf, in der Wissen jederzeit verfügbar sei und Künstliche Intelligenz zunehmend zum Alltag gehöre.
Grundlegende Kompetenzen im Lesen, in Mathematik und in den Naturwissenschaften blieben unverzichtbar. Zugleich müsse sich aber das Verständnis davon weiterentwickeln, was gute Bildung und Leistung im 21. Jahrhundert ausmache. Medienkompetenz, kritischer Umgang mit Informationen, Problemlösefähigkeit und ein verantwortungsvoller Umgang mit Künstlicher Intelligenz gewännen an Bedeutung.
Wie viel können Eltern auffangen?
Die Forderung nach stärkerer Verantwortung der Eltern berührt allerdings eines der zentralen Probleme des deutschen Bildungssystems: Familien verfügen über sehr unterschiedliche Möglichkeiten, ihre Kinder beim Lernen zu unterstützen. Zeit, Einkommen, eigener Bildungsstand oder die Möglichkeit, Nachhilfe und zusätzliche Förderung zu finanzieren, sind ungleich verteilt. Die PISA-Daten unterstreichen dieses Problem. Sozial privilegierte Schüler lagen in Deutschland bei PISA 2022 in Mathematik durchschnittlich 111 Punkte vor sozial benachteiligten Jugendlichen. Im OECD-Durchschnitt betrug der Abstand 93 Punkte. Der sozioökonomische Status erklärte in Deutschland 19 Prozent der Unterschiede in den Mathematikleistungen, gegenüber 15 Prozent im OECD-Mittel.
Eine stärkere Verlagerung von Bildungs- und Förderaufgaben ins Elternhaus birgt deshalb die Gefahr, bestehende Unterschiede zusätzlich zu verstärken. Ausgerechnet ein wesentlicher Faktor für ungleiche Bildungschancen – die unterschiedlichen Voraussetzungen der Elternhäuser – soll einen größeren Anteil daran übernehmen, diese Unterschiede auszugleichen. Die Forderung nach mehr elterlicher Eigenverantwortung steht damit zumindest in einem Spannungsverhältnis zum Ziel, den Einfluss der sozialen Herkunft auf den Bildungserfolg zu verringern.
„Eine Debatte nach dem Motto ‚Die Schülerinnen und Schüler müssen einfach wieder mehr leisten‘ führt am eigentlichen Problem vorbei und wäre aus unserer Sicht sogar schädlich“, sagt der Vorsitzende des Landesschülerrats, Otto Ellerbrock. Wer bessere Ergebnisse wolle, müsse zunächst dafür sorgen, dass Schülerinnen und Schüler unter guten Bedingungen lernen könnten.
Mehr Personal und gezielte Förderung
Dazu gehört nach Auffassung des Landesschülerrats auch eine veränderte Rolle der Lehrkräfte. Sie sollten stärker als Lernbegleiter verstanden werden und Schülerinnen und Schüler dabei unterstützen, ihren Lernprozess selbstständig zu steuern und eigene Stärken zu entwickeln. Mehr Leistungsdruck, zusätzliche Prüfungen oder pauschal höhere Anforderungen lehnt die Schülervertretung als Reaktion auf PISA ab.
Voraussetzung dafür seien jedoch genügend Lehrkräfte, pädagogische Mitarbeitende, Schulsozialarbeit und weitere Fachkräfte. Wo Unterricht ausfalle oder Lerngruppen dauerhaft zu groß seien, könnten auch gute pädagogische Konzepte ihre Wirkung nicht entfalten.
Besonderen Handlungsbedarf sieht der Landesschülerrat bei der Bildungsgerechtigkeit. „Der Geldbeutel der Eltern darf nicht darüber entscheiden, wie erfolgreich ein Kind in unserem Bildungssystem sein kann“, sagt Ellerbrock. Wer sich Nachhilfe oder zusätzliche Förderung leisten könne, habe weiterhin Vorteile. Schulen mit größeren sozialen Herausforderungen müssten deshalb gezielt stärker ausgestattet und Ressourcen stärker nach dem tatsächlichen Bedarf verteilt werden.
Damit führt die Debatte über PISA über die Frage hinaus, ob Eltern oder Schülerinnen und Schüler mehr leisten müssen. Einerseits sollen Familien Verantwortung für Bildung und Erziehung übernehmen. Andererseits soll das Bildungssystem gewährleisten, dass die Chancen eines Kindes möglichst wenig davon abhängen, welche zeitlichen, finanziellen und kulturellen Ressourcen sein Elternhaus besitzt.
„Die entscheidende Frage ist nicht, ob junge Menschen heute schlechter sind als früher“, sagt Ellerbrock. Entscheidend sei, ob das Bildungssystem mit einer veränderten Lebens- und Lernwelt Schritt halte und jedem jungen Menschen unabhängig von Herkunft und Elternhaus bestmögliche Chancen eröffne.



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