

Niedersachsen. Trotz leicht verbesserter Gesamtstimmung bewerten viele Unternehmen in Niedersachsen die Energiewende weiterhin als Risiko für ihre Wettbewerbsfähigkeit. Vor allem hohe Energiepreise, politische Unsicherheit und Bürokratie bremsen Investitionen und verschärfen die Sorgen der Industrie.
Die niedersächsische Wirtschaft blickt auch 2025 mit erheblicher Skepsis auf die Energiewende. Das geht aus dem „Energiewende-Barometer Niedersachsen 2025“ der IHK Niedersachsen hervor, an dem sich rund 320 Unternehmen aus dem Land beteiligt haben. Zwar hat sich der zentrale Barometerwert, der die Einschätzung der Wirtschaft insgesamt abbildet, gegenüber dem Vorjahr leicht verbessert. Von Entwarnung könne jedoch keine Rede sein.
Der Barometerwert stieg von minus 9,8 Punkten im Jahr 2024 auf nun minus 4,4 Punkte. Damit bleibt er klar im negativen Bereich. Besonders angespannt ist die Lage in der Industrie. Hier liegt der Wert bei minus 32,1 Punkten – ein deutliches Signal für die weiterhin überwiegend kritische Haltung der Betriebe.
Fast die Hälfte der befragten Unternehmen (48,8 Prozent) beurteilt die Auswirkungen der Energiewende als „sehr negativ“ oder „negativ“. Dem stehen lediglich 16,7 Prozent gegenüber, die von positiven Effekten ausgehen. In der Industrie überwiegen die negativen Einschätzungen besonders deutlich. Dort rechnen fast zwei Drittel der Betriebe mit Wettbewerbsnachteilen.
Hohe Energiekosten bremsen Investitionen
Haupttreiber der Skepsis bleiben die Energiekosten. Im internationalen Vergleich seien Strom und Energie in Deutschland weiterhin zu teuer, heißt es in der Auswertung. Rund 30 Prozent der Unternehmen geben an, Investitionen in zentrale Geschäftsprozesse wegen hoher Energiepreise zurückzustellen. Jeder vierte Betrieb investiert weniger in Klimaschutzmaßnahmen, gut zwölf Prozent kürzen Ausgaben für Forschung und Innovation. 42 Prozent berichten von einem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit am Standort Deutschland – Tendenz steigend.
IHKN-Hauptgeschäftsführerin Monika Scherf sieht darin ein strukturelles Problem: „Durch den erleichterten Ausbau von Wind- und Sonnenenergie ist das Stromangebot zwar gestiegen, doch die Preise bleiben hoch und die zögerliche Energiepolitik der Bundesregierung sorgt für Unsicherheit. Beides beschleunigt die Abwanderung von Industrie ins Ausland.“ Besonders alarmierend sei, dass in der Industrie bei fast jedem dritten Unternehmen eine Produktionsverlagerung oder Abwanderung zumindest ein Thema sei.
Bürokratie und Unsicherheit als Standortfaktoren
Neben den Kosten nennen die Betriebe vor allem politische und regulatorische Faktoren als Hemmnisse. Zwei Drittel der Unternehmen sehen eine zu hohe Bürokratielast als wesentliches Transformationshindernis. Mehr als die Hälfte beklagt fehlende Planbarkeit und Verlässlichkeit der Energiepolitik. Langsame Planungs- und Genehmigungsverfahren verschärfen die Situation zusätzlich. „Wenn ich heute nicht weiß, ob meine Investition in eine Technologie in Zukunft bezahlbar oder überhaupt legal ist, erlaube ich mir als Unternehmer keine hohen Investitionen“, sagt IHKN-Energiesprecher Hartmut Neumann. Die Gefahr eines langfristigen Investitionsstaus sei real.
Trotz der angespannten Lage halten die meisten Unternehmen an ihren Klimazielen fest. Knapp drei Prozent arbeiten nach eigenen Angaben bereits klimaneutral. Rund 90 Prozent haben sich ein konkretes Zieljahr gesetzt. Fast die Hälfte peilt Klimaneutralität bis 2045 an, im Einklang mit den Zielen des Bundes. Nur 41 Prozent wollen dieses Ziel bis 2040 oder früher erreichen. „Damit stellt sich zunehmend die Frage, ob das ambitionierte Klimaziel des Landes Niedersachsen – Klimaneutralität bis zum Jahr 2040 – realistisch und wirtschaftlich erreichbar ist“, warnt IHKN-Umweltsprecher Björn Schaeper.
Aus Sicht der Unternehmen sind nun vor allem politische Weichenstellungen gefragt. 87 Prozent sprechen sich für eine Senkung staatlicher Abgaben und Steuern auf den Strompreis aus. Rund 80 Prozent fordern bessere Bedingungen für Eigenstromversorgung und Direktlieferverträge. Knapp ebenso viele verlangen weniger Bürokratie sowie mehr Technologieoffenheit und Freiwilligkeit bei Energieeffizienzvorgaben.
Scherf appelliert an Politik und Verwaltung, rasch für verlässliche Rahmenbedingungen zu sorgen: „Mit verlässlicher, pragmatischer Politik, die den Unternehmen mehr Eigenverantwortung gibt, kann Niedersachsens Wirtschaft die Transformation zum Erfolg führen. Wachstum und Klimaschutz sind keine Gegensätze – wenn jetzt die richtigen Weichenstellungen erfolgen.“

