Patrick Viol

Ulrich Messerschmidt geht in den Ruhestand

Osterholz-Scharmbeck. Nach 20 Jahren Sparkassenvorstand und fünf Jahren Vorstandsvorsitz beginnt der langjährige Kopf der Sparkasse, seine Zeit frei zu organisieren.

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Ulrich Messerschmidt geht zum 1. November in den Ruhestand, wird die Sparkassenrolle aber wohl nicht allzu schnell ablegen können. (Foto: Sparkasse)

Ulrich Messerschmidt geht zum 1. November in den Ruhestand, wird die Sparkassenrolle aber wohl nicht allzu schnell ablegen können. (Foto: Sparkasse)

Foto: Patrick Viol

Eigentlich hat Ulrich Messerschmidt Urlaub. Die letzten drei Wochen, bevor er offiziell am 1. November den Vorstandsposten der Sparkasse Rotenburg Osterholz abgibt, hatte er sich freigenommen. Der Plan war ein geschmeidiger Übergang vom Urlaub in den Ruhestand. So sollte bereits der 9. Oktober der letzte Arbeitstag gewesen sein. Doch wie im Investitionsgeschäft üblich, läuft nicht immer alles nach Plan und Messerschmidt ist vor Ort. Sogar bereits das zweite Mal. In seinem Büro auf der ersten Etage der Sparkasse in Osterholz-Scharmbeck, mit einer Waldemar Otto Büste.
„Der Kollege“, Messerschmidt zeigt auf die Arbeit von Otto, „hat hier im Büro seit 2001, als die IT-Blase platzte, viele Krisengespräche mitgehört“. Aber er sei zum Glück sehr verschwiegen, scherzt Messerschmidt. Der Noch-Vorstandsvorsitzende ist merklich gut drauf. Auch wenn er jetzt noch - entgegen der Planung - ein paar Kleinigkeiten regeln, ein paar Unterschriften verteilen muss, geht von ihm eine entspannte Ruhe aus.
„Ich bin tiefenentspannt“, sagt Messerschmidt, führt wie zum Beleg seiner Aussage seine Hände an den Spitzen seiner ausgestreckten Finger vor der Brust zusammen und lächelt verschmitzt. Denn er fühlt sie bereits: sowohl die von der Brust abfallende Last der Verantwortung als auch die Vorfreude explizit nicht auf einen „neuen Lebensabschnitt“, sondern auf eine neue Organisation seiner Zeit. In der nicht mehr die Uhr die maßgebliche Einteilung vornehmen soll, sondern seine Interessen und Bedürfnisse. Auch solche, die in den letzten Jahren „hinten runter gefallen sind.“ So soll das Fitnessstudio wieder öfter besucht und die Mitgliedschaft im Schachverein aktiviert werden.
 
Fließende Grenzen und Deep Purple
 
Es war ein 24-Stunden-Job. „Die Grenze zwischen Freizeit und Arbeit war sehr fließend“, so Messerschmidt. Egal, wo er war, Messerschmidt war immer auch als Vorstandsvorsitzender der Sparkasse präsent. Insofern werde er die „Rolle sicherlich noch ein paar Jahre weiter spielen. Man kann ja nicht von einem Tag auf den anderen sagen: So, ich kauf‘ mir jetzt eine Gitarre und sing in der Fußgängerzone.“
Obwohl Messerschmidt die Gitarre bereits hat bzw. sein Sohn. Er spiele aber mittlerweile öfter auf ihr als sein Sohn. Denn Messerschmidt sei abseits der Arbeit nicht nur Jäger und Hobbylandwirt, sondern großer Musikliebhaber, der nicht nur eine Schwäche für Georg Friedrich Händel, sondern ebenso für Classic Rock hat. Mit einem Freund ein Bier trinken und dabei alte Vinylscheiben hören, das sei schon wunderbar. Oder, wenn Messerschmidt mit dem Auto unterwegs sei, höre er immer wieder gern Deep Purples neunminütige Liveversion von Lazy von 1972 und erfreue sich ungemein an Richie Blackmores faszinierendem Solospiel.
Er selbst spiele zwar nicht annähernd wie Blackmore, aber der Ruhestand bringe die Möglichkeit, das eigene Gitarrenspiel wieder nach vorne zu bringen. Und wer weiß, vielleicht finde sich mit der Zeit ja sogar eine kleine Blues-Rock-Kombo. Lust habe er auf jeden Fall, so Messerschmidt.
 
Der Problemlöser
 
Wenn man Vorstandvorsitzender einer Bank wird, dann wisse man, dass man für eine lange Zeit nur die negativen und herausfordernden Dinge auf den Tisch gelegt bekommt. „Hier ruft ja kein Kunde an und sagt: Leute, das hat ja alles super geklappt.“ Davon habe Messerschmidt aber nicht sein Weltbild negativ verändern lassen, da er stets auch das Positive im Blick behalten habe.
„Da muss man aufpassen, dass man nicht denkt, dass im Grunde gar nichts funktioniert. Das stimmt ja nicht.“ Weil man aber derjenige sei, der die Probleme zu lösen hat, bekomme man eben auch nur Probleme auf den Tisch.
 
Kaffee für die Bafin-Aufsicht
 
Die größte Herausforderung der letzten fünf Jahre sei die Fusion der beiden Häuser Osterholz und Rotenburg Bremervörde gewesen. Über die könne man nun nach drei Jahren sagen: „Gut gelaufen; die Anstrengung hat sich gelohnt.“
Aber insgesamt sei die nationale wie europäische Situation nach wie vor für kleine und mittlere regionale Banken „nicht zum Totlachen“, so Messerschmidt. Die Sparkasse sei auf der einen Seite konfrontiert mit einer starken politischen Reglementierung und einer Niedrig- und Minuszins-Politik auf der anderen Seite. Da gebe es nichts auf einer Seite, worüber man wirtschaftlich sagen könnte, so Messerschmidt: „Das läuft ja mal richtig gut für uns.“ Vor allem als kleine Regionalbank. Die Sparkasse sei zwar im niedersächsischen Vergleich recht groß, aber gegenüber Deutsche Bank und Co. doch sehr klein.
Was das Wirtschaften erschwere, sei vor allem, dass die Politik - z. B. nach der Finanzkrise oder dem Wirecard-Skandal - Reglementierungen für große Banken entwickle, sie aber in erster Linie in kleinen und mittleren Banken durchsetze, da hier in der Regel wenig Widerstand erfolge. Käme die Bafin-Aufsicht zur Sparkasse, treffe sie auf helfende Mitarbeiter*innen und aufgebrühten Kaffee, bei der Deutschen Bank hingegen auf 20 Anwälte. So müssten kleine Banken ausbaden, was andere zu verantworten hätten. Es gebe keinen Tag im Jahr, an dem nicht ein externer Prüfer im Haus sei.
Doch Messerschmidt habe sich von den erschwerten Bedingungen nicht unterkriegen lassen, im Gegenteil. „Es gibt immer Auswege“, so seine Überzeugung, der er Taten folgen ließ. Dabei verfolgte er stets seinen persönlichen Leitsatz: “Hohe Flughöhe und viel Pragmatismus“. Gute und große Ideen entwickeln, aber keine Scheu haben, bei der Umsetzung auch Abstriche zu machen. Nur so verschmore man nicht im eigenen Saft.
Konkret hieß das zum einen, sich zu vergrößern. Also folgte die Fusion. Und zum anderen, dass Messerschmidt in Anbetracht von Negativzinsen und schlechtem Kreditgeschäft nicht nur Personal- und Sachkosten senkte, um noch gute Zahlen zu erreichen. Sondern, dass er auch - in Teilen - das Geschäftsmodell reflektierte und schließlich das Leistungsangebot verschlankte und flexibilisierte.
„Stichwort: Fertigungstiefe“, wirft Messerschmidt ein. Diese zu reduzieren, das sei der Sparkasse in den letzten drei Jahren gut gelungen. „Wären wir ein Autohaus, so hätte die Sparkasse die meiste Zeit eine Fertigungstiefe bis zur Rinderzucht für das Leder der Autositze“, erklärt er. Heute - und der Masterplan für die moderne Bank der Zukunft laufe ja noch bis 2023 - sei bereits die Produktpalette reduziert und ein Wandel vom Kredit- zum provisionsbringendem Finanzvermittlungsgeschäft vollzogen worden. Hierbei arbeite man u. a. stark mit der DeKa zusammen.
 
Gehen zur rechten Zeit
 
Man merkt zum einen, dass Ulrich Messerschmidt mit Zufriedenheit auf seine Arbeit zurückblickt. Und zum anderen, dass er den Zeitpunkt seines Ruhestands perfekt gewählt hat: In ihm _steckt ein spürbarer Elan und eine gelassene Freundlichkeit, die es braucht, um die neue Freiheit genießen zu können. Genau diese charakterliche Konstellation wollte Messerschmidt mit seinem Ausstieg abpassen. Wenn man den richtigen Zeitpunkt verpasst, dann könne es irgendwann auch peinlich werden, so Messerschmidt, der mit seiner Wahl hingegen einen Volltreffer gelandet hat.
 


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