Patrick Viol

Kommentar: Das Dekor der internationalen Regression

Patrick Viol ist der Überzeugung, dass Antisemiten auf der documenta eine Konsequenz der zu geistigen Erfahrung unfähig gewordenen Kulturszene sind.

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Kunst ist mehr als Engagement für "lokale Kontexte".

Kunst ist mehr als Engagement für "lokale Kontexte".

Foto: Informell 2/ingeborg bernhard/wiki commons

Nun, nachdem man - begleitet von antisemitischen Skandierungen - die großformatige antisemitische Bastelei vom indonesischen Künstlerkollektiv Taring Padi von der documenta fifteen entfernt hat, soll wieder über Antisemitismus geredet werden. Der nicht selten für Israel hassende BDS-Unterstützer Verständnis aufbringende Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, schlägt vor, dort, wo das sogenannte Wandgemälde, das u. a. Juden als Nazis und Mossadagenten als Schweine zeigte, einen Ort der Aufklärung über Antisemitismus zu schaffen.
Aber in diesem Fall wäre die bloße „Aufklärung über Antisemitismus“ eine schlechte Verallgemeinerung und Verdeckung der Spezifik des gesellschaftlichen Problems, das in der auf kultursensible Sozialpädagogik heruntergekommenen Kulturszene zu sich selbst kommt und sich auf der documenta offenbarte.
Will man es stattdessen in seiner ganzen Tragweite und Gefährlichkeit darstellen, dann müsste man erstens die formal schlechte Qualität der „Kunstwerke“ der auf der documenta ausstellenden Antisemiten (ja, es gibt noch mehr: Hamja Ahsan z. B., der findet die Hisbollah toll und wünscht auf seiner Facebookseite Israel den Tod und das Kollektiv „Subversive Reels“ zeigt antiisraelisches Filmmaterial aus Japan, und ja, Antizionismus und BDS sind antisemitisch) als Ausdruck der für Antisemiten typischen, aber ebenso allgemein um sich greifenden Unfähigkeit zu geistiger Erfahrung begreiflich machen. Um zweitens darauf zu sprechen zu kommen, dass es kein Zufall - kein Resultat von „künstlerischer Freiheit“ und - so der nicht von ungefähr Selbsthilfegruppen entlehnte Jargon - „ergebnisoffener Prozesse“ ist, dass Antisemitismus und BDS-Sympathisanten auf der documenta eine Plattform geboten wird. Das müsste vielmehr als Konsequenz dessen begriffen werden, dass die sogenannte Kunst- und Kulturszene willentlich der gesellschaftlichen Zerrüttung von Erfahrungsfähigkeit zuarbeitet. Das tut sie, indem sie die komplexe, das Selbst herausfordernde Auseinandersetzung mit einem Kunstwerk durch das in wohlgefälligen Workshops kollektiv gefeierte Engagement für „lokale Kontexte“ ersetzt; indem sie der westlichen, der Aufklärung verpflichteten autonomen Kunst den Kampf erklärt und der kulturalistischen, lediglich kulturelle Identitäten und Gemeinschaften abfeiernden Ästhetisierung der Politik das Feld überlässt: der individuationsfeindlichen Propaganda.
Nicht mehr die kritische Reflexion der eigenen Identität im Zwangskollektiv zu dessen Überwindung, sondern die Harmonisierung von individueller Identität und Kollektiv, damit vom Zwang nichts mehr zu spüren ist, ist der übergeordnete Movens gegenwärtiger Kunst bzw. Kultur. Denn Kunst ist ihrem Begriff nach die Zersetzung jener Zwangsidentität, Kultur ihre Bemäntelung. Dass sich Antisemiten davon angesprochen fühlen und denken, ein paar Juden mit SS-Runen zu malen, sei okay, ist kein Wunder - gehört halt zum „lokalen Kontext“ und eint die Community .
Diese Entwicklung ist gefährlich: Die bürgerliche Kunst war - wenn auch gebrochen - in ihrer durch ihre formale Selbstbezüglichkeit erzeugten Autonomie stets auch Anwalt des von Staat und Kapital bedrängten Individuums. Sie bestärkte es nicht harmonistisch in seinem lebensweltlichen Sosein und verhalf ihm damit zur Erfahrung seiner eigenen Ohnmacht und einem Begriff einer besseren Welt. Die kulturell bewegte und postkolonial inspirierte, nur auf die Stärkung von identitär abgesteckten Gruppen abzielende Kreativarbeit hilft dagegen letztlich nur Autokraten wie Putin, Erdogan, Jinping oder Raisi. Auch sie hegen für das freie Individuum nur Verachtung. So liefert die pseudokritische Kulturszene nur das Dekor der internationalen Regression.


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