Patrick Viol

Was sollen nur die Nachbarn denken? - Trans*Net OHZ engagiert sich für Trans*Menschen auf dem Land

Osterholz-Scharmbeck. Ob beim Schützen- oder Erntefest, ob in der Kirche oder beim Bäcker, stets wird betont, dass das Leben auf dem Land sich im Gegensatz zur Stadt durch gemeinschaftlichen Zusammenhalt auszeichne. Hier kennen die Menschen sich noch. Wo sich aber alle kennen, da ist die Lust am Gerücht groß. Hier spricht sich ohne große Mühe alles rum. Für Trans*Menschen, aber auch für deren Angehörige und Partner*innen, kann die ländliche Gemeinschaft und ihr Getuschel aber bedrohlich wirken.

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Dort, wo gemeinschaftlicher Zusammenhalt großgeschrieben wird, sind unter jenen, die in den Augen der Gemeinschaft anders sind, große Ausschlussängste weit verbreitet. Was, wenn das Coming-out von einigen in der Dorfgemeinschaft nicht akzeptiert wird? Kann man sich dann überhaupt noch irgendwo blicken lassen? Es sind dies nachvollziehbare Befürchtungen, denn die schützende Anonymität der Großstadt ist hier nicht gegeben.
Gefangen im Dilemma
Für diese Ängste spielt es keine Rolle, ob die Dorfgemeinschaft wirklich in der Form reagiert, wie man es befürchtet. Dass es so kommen könnte, macht die Ängste real. Die Möglichkeit anzunehmen, nicht akzeptiert zu werden, dazu bedarf es nur vereinzelter Sprüche im nahen Umfeld. Die müssen nicht einmal an einen selbst gerichtet sein. Es reicht, dass eine Tante sich z. B. über eine Frau lustig macht, weil sie wie ein Mann ausgesehen habe und im Familienkreis das Gelächter beginnt; dass ein Freund jemanden in der Schule als „Schwuchtel“ beleidigt; dass im Heimatverein, am Stammtisch, in geschlechtlicher und sexueller Vielfalt eine Bedrohung für Familie und Deutschland halluziniert wird.
Wer sich wünscht, sich outen zu können, solche Aussagen aber hört, bekommt Angst vor den Reaktionen der Mitmenschen auf das eigene Outing. Tritt hinzu, dass man nicht umziehen kann, falls das Outing nicht angenommen wird, weil man z. B. noch bei den Eltern wohnt, keine finanziellen Mittel hat oder der Beruf einen bindet, zwingen sich viele, eine Lüge zu leben und das wahre Selbst hinter einer Maske geschlechtlicher Eindeutigkeit und erwarteten Verhaltensweisen zu verstecken.
Das Leben einer Lüge aber ist kein Ausweg, sondern die ohnmächtige Einkehr in die Hölle der Vereinsamung. Dieser Gang ist umso bitterer, als dass der Grund, ihn zu gehen, die Angst vor der Einsamkeit ist. Wer aus Angst, verstoßen zu werden, eine Lüge lebt, fühlt sich am Ende schließlich ausgeschlossen. Von den anderen, aber auch von sich selbst. Ein Dilemma, das für viele mit Depressionen, für manche sogar mit Suizid einhergeht.
Trans*Net OHZ
Ilka Christin Weiß ist mit dieser besonders schwierigen Lage von Trans*Personen auf dem Land bestens vertraut. In Lilienthal als Junge geboren, lebt und arbeitet sie heute als Trans*Frau in Osterholz-Scharmbeck, wo sie 2016 Trans*Net OHZ gründete. Weiß Initiative sei sowohl Netzwerk als auch Beratungs- wie Selbsthilfegruppe für transidente Menschen auf dem Land. Hier gebe es eine Beratungsstellen-Unterversorgung, während sie im besonderen Maße gebraucht würden. Trans*Net machte den Anfang, den Mangel zu beheben und diene als Anlaufstelle für transidente Menschen, egal ob sie sich am Anfang ihrer Transition oder am Ende eines langen Leidensweges befinden, alle sind willkommen. Auch Angehörige, Eltern, Partner*innen und Unterstützer*innen. Beratungssuchende erhalten Antworten auf rechtliche wie medizinische Fragen und werden auf ihrem Weg der Transition begleitet.
Weiß ist zertifizierte Berater*in für transgeschlechtliche Menschen und gehe auf jedes Anliegen besonders ein. „Unser ältestes Mitglied ist z. B. 65, das sich erst mit 60 Jahren outete. Da müssen andere Probleme besprochen werden als bei jungen Trans*Personen“, erklärt Weiß. „Menschen, die zu Trans*Net kommen, können sich eines geschützten Raumes sicher sein. Hier geschieht alles auf vertraulicher Ebene“, versichert die Berater*in.
Gewalterfahrungen
Auch wenn das Bundesverfassungsgericht im Jahr 2011 bereits das biologische vom juristischen Geschlecht getrennt hat und immer mehr Menschen sich trauen, sich als Tran* zu outen und frei zu leben, so kann man nicht von einer allgemeinen Akzeptanz ausgehen. Trans*Personen erlitten weiterhin stets Gewalterfahrungen, so Weiß. Die reichten von Verspottung und Verweigerung der korrekten Anrede über Mobbing in der Schule und am Arbeitsplatz bis hin zu körperlichen Angriffen. Besonders Trans*Frauen machen Erfahrungen mit Homophobie. „Bist du jetzt etwa schwul geworden?“ - diese abwertende Frage musste auch Weiß sich am Anfang ihrer Transition gefallen lassen. Sie konterte aber stets mit Schlagfertigkeit: „Ja, ich bin jetzt eine schwule Frau.“ Klar, nicht alle seinen schlagfertig, aber ein dickes Fell brauche man schon. Leider.
Aber nicht nur Mitmenschen, auch rechtliche Vorgaben erschweren das Leben von transidenten Menschen. Wer seinen Personenstand ändern lassen möchte, muss zwei psychiatrische Gutachten vorlegen, die „Transsexualismus“ bescheinigen. Zudem ist ein 18-monatiger Alltagstest vorgesehn, in dem man beweist, dass man im neuen Geschlecht für immer leben möchte. Erst dann werden die Kosten für eine geschlechtsangleichende Behandlung von der Krankenkasse übernommen. „Wir engagieren uns für eine Abschaffung dieser menschenrechtsunwürdigen Behandlung“, so Weiß. Zudem erweckten die Verfahren bei der Bevölkerung den Eindruck, Trans* sei eine psychische Störung.
Verständnis und Aufklärung
Ein Nein zu Gewalt gegen Frauen, wie am 25. November international betont wurde, muss die Bekämpfung von Gewalt gegen Trans*
Frauen einschließen. Ein Abbau politischer Hürden für Trans*Personen wäre ein wichtiges Signal für diesen Kampf. Die „Hürden passen nicht mehr in unsere Zeit“, so Weiß. In Malta z. B. stellt man einen Antrag auf Namensänderung, zwei Wochen später hat man die neuen amtlichen Unterlagen.
Neben der Beratung möchte Trans*Net aber auch aufklären und das Verständnis für die Lebenssituation von Tran* auf dem Land fördern z. B. durch den Abbau von Vorurteilen. „Viele haben falsche Vorstellungen von Trans*Personen“, so Weiß. Nicht wenige denken z. B., Trans* sei eine sexuelle Orientierung. Es geht aber hingegen um Geschlechtsidentität und darum, mit dieser Identität ein alltägliches Leben führen und ohne Angst verschieden sein zu können. Ilka Christin Weiß Vision ist einfach: „Schön wäre es, wenn sich niemand outen müsste, weil es normal ist, dass alle verschieden sind.“ In einer solchen Welt wäre dem Wort „normal“ der Schrecken genommen, den es für viele leider noch allzu oft bereithält - eine Vision einer verwirklichten offenen Gesellschaft.


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