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Von Verbitterung und Verrat

Annemarie Krebs (24) wohnt seit einem Jahr in Bremen, stammt aus Thüringen und hat im Alter von 18 bis 23 Jahren in Magdeburg in Sachsen-Anhalt gelebt. Im Interview erzählt sie von widersprüchlichen Gefühlen zur Wiedervereinigung.

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„Der Westen fühlt sich anders an, aber nicht fremd“, sagt Annemarie Krebs.  Foto: eb

„Der Westen fühlt sich anders an, aber nicht fremd“, sagt Annemarie Krebs. Foto: eb

ANZEIGER: „Haben Sie Freund*innen oder Familie im Osten bzw. Westen?“
Annemarie Krebs: „Bis auf meinen Cousin, der vor drei Jahren von Erfurt nach Kiel gezogen ist, wohnt meine gesamte Familie im Osten. Mein Vater arbeitet allerdings seit der Wende im Westen auf Montage als Straßenbauer. Mein Onkel ist in den 1990er Jahren für knapp zwei Jahre mit seiner Frau und Töchtern nach Bayern gezogen, kam aber nach seiner Aussage mit der Mentalität der „Wessis“ nicht zurecht und kam zurück in seine Heimatstadt. Mein Freundeskreis aus der Schule ist zum Studieren in Ost-Städte gezogen. Im Studium in Magdeburg habe ich hauptsächlich Freundschaften zu Personen aus anderen Ost-Städten geschlossen. In Bremen kenne ich niemanden außer mir, der aus dem Osten kommt.“
ANZEIGER: „Bewerten Sie die Wiedervereinigung als ein positives Ereignis?“
Annemarie Krebs: „Bei der Frage kam ich erst einmal ins Grübeln. Hier beeinflussen mich wahrscheinlich vor allem Erzählungen und Aussagen anderer Familienmitglieder, als dass ich dazu eine eigene Meinung verfassen kann. Erst einmal löst das Wort „Wiedervereinigung“ eine positive Konnotation in mir aus und Bilder vom Mauerfall, jubelnden Menschen und Freude erscheinen in meinem Kopf. Das sind aber vor allem Bilder, die durch die Medien und vielleicht sogar den Schulunterricht vermittelt wurden.
Vonseiten meiner Familie, vor allem aus der älteren Generation, habe ich eher diese „Früher war alles besser“-Parole im Gedächtnis. Auch dass mein Vater mich immer davor warnte, im Westen Brot zu essen, weil die Wessis ins Brot spucken würden. Für mich alles Floskeln mit deutlich spürbarer Verbitterung, bzw. Enttäuschung.
ANZEIGER: „Was bedeutet die Wiedervereinigung für Sie ganz persönlich?“
Annemarie Krebs: „Optionen. Ich kann zwischen meinem Wohnort Bremen und meinem Geburtsort in Thüringen problemlos hin- und herreisen, kann studieren, wo ich möchte und arbeiten, wo ich möchte. Eine Rückkehr zu einem geteilten Deutschland kann ich mir aus verschiedensten Gründen nicht vorstellen. Ob die Wiedervereinigung aus politischer und struktureller Sicht denn so positiv oder so negativ war, wie man immer wieder von Zeitzeugen berichtet bekommt, wage ich jedoch zu bezweifeln. Die Wertung hängt hier viel mehr vom eigenen Standpunkt ab. Das Elend und die Unterschiede der Gesellschaft aus BRD und DDR konnte die Wiedervereinigung jedenfalls nicht gänzlich aus der Welt schaffen.“
ANZEIGER: „Erscheint Ihnen der Westen als fremd?“
Annemarie Krebs: „Ganz klar, nein. Es gibt Unterschiede und es fühlt sich anders an, aber nicht fremd. Das Wort fremd hat für mich auch eher eine negativ besetzte Bedeutung.“
ANZEIGER: „Vor 30 Jahren war die Parole der sogenannten Friedlichen Revolution „Wir sind das Volk“. Welche Bedeutung hat diese Parole heute für Sie?“
Annemarie Krebs: „Heute eine doch eher negativ belastete Bedeutung. Und das spätestens seit 2014 die PEGIDA-Bewegung die Parole für sich vereinnahmt hat. Lässt man das mal außen vor, hat die Parole für mich die Bedeutung, dass der Wille des Volkes das Gesetz sein sollte.“
ANZEIGER: „Mit der DDR und schließlich der Sowjetunion sind zum einen diktatorische Staaten verschwunden. Zum anderen ist mit ihnen der Sozialismus/Kommunismus als die einzig existierende Alternatividee zum Kapitalismus verschwunden. Bewerten Sie den Sieg des Kapitalismus bzw. die existierende Alternativlosigkeit als positiv oder negativ?“
Annemarie Krebs: „Bei der Wiedervereinigung handelt es sich um eine Wende, nicht aber um einen Wandel, der bitter nötig gewesen ist. Noch immer nötig ist. Dementsprechend würde ich die „einfache“ Transformation zum Kapitalismus nicht als positiv bewerten. Generell würde ich einen Staat in dem die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden niemals als beste Option für einen Staat bewerten wollen. Hier müsste man allerdings noch einmal eine längere, tiefer gehende Debatte führen.
Gleiches gilt für den Sozialismus/Kommunismus. Gegenüber standen sich Freiheit und politische Reformen zu (zeitlich begrenzten) sicheren Jobs, „keine“ Arbeits- und Obdachlosigkeit. Es wird aber selten darüber gesprochen, dass die Sicherheit eben den Preis der Freiheit mit sich brachte. Dass die Beschäftigung für alle die Arbeitsproduktivität sinken lies und vieles beschränkt war, über bestimmte Lebensmittel bis hin zur eigenen Meinung. Aus gesellschaftlicher Sicht und in der Theorie würde ich den Sozialismus/Kommunismus als positiv bewerten. Allerdings unter dem Aspekt, dass ein Neuerungsprozess anstehen müsste.“
ANZEIGER: „Welche Probleme sehen Sie noch im Verhältnis zwischen Ost und West?“
Annemarie Krebs: „Vor allen in den Köpfen der Menschen und in systemrelevanten Fragen, wie der unterschiedlichen Bezahlung gleicher Berufe im Osten und Westen. Da hat sich seit der Wiedervereinigung nicht sonderlich viel getan. Gleiches gilt für die Wohnsituationen. In meinem engeren Umfeld, was vor allen aus jüngeren Leuten besteht, ist immer noch der Gedanke, wenn ich in den Westen gehe, dann „hab ich es geschafft, ich bin etwas Besseres“ fest in den Köpfen verankert.
Andererseits habe ich für meinen Umzug von Magdeburg nach Bremen vor allem im Freundeskreis und in der Familie herbe Kritik, wenn vielleicht auch spaßig gemeint, ernten dürfen, wie ich zu den „arroganten, überheblichen Yuppies“ übergehen könne. So ein bisschen das Gefühl von Verrat schwingt da mit, was ich für recht absurd halte.“


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