

Die Ausgangslage: Die Theaterschauspielerin Nora (Renate Reinsve) wird von ihrem notorisch abwesenden Vater, dem Filmregisseur Gustav Borg (Stellan Skarsgård), dazu gedrängt, in seinem neuen Film die Hauptrolle zu spielen. Neu heißt, es ist der erste seit 15 Jahren, Borg hat seine besten Tage hinter sich. Der Großkünstlerhabitus allerdings ist geblieben. Im Café erklärt er seiner recht erfolgreichen Tochter erst einmal ausführlich, inwiefern der Film der Bühne überlegen ist.
Gustav ist abgehauen, als Nora und ihre Schwester noch Kinder waren, Ehe kaputt. Um berühmter Künstler zu werden. Nach dem Tod seiner Ex-Frau will Gustav in ihrem Haus sein letztes, autobiografisches Werk drehen. Mit seiner Tochter als Star, die eine Figur spielt, die wiederum an Gustavs Mutter angelehnt ist, die sich umgebracht hat, 15 Jahre nachdem sie während der Besatzung Norwegens durch die Nazis gefoltert worden war.
Das Leben und die Kunst sollen noch einmal ineinandergreifen, aber Nora verweigert sich. Ihre Schwester wiederum durfte als Kind in einem NS-Drama ihres Vaters eine tragende Rolle spielen und hat diese Zeit in bester Erinnerung. Endlich hatte er sich damals für sie interessiert, nach Drehschluss war er wieder weg. Entfremdung, Schwesternkonkurrenz, Traumata und der ewige Wunsch, geliebt zu werden, auch wenn das Elternteil mit seinem Verhalten eigentlich recht deutlich macht, dass das Interesse an den eigenen Kindern überschaubar ist. Und vor allem dort sich meldet, wo es sich mit Eigennutz verbinden lässt. In diesem Fall: die Nutzbarmachung der Töchter für die eigene Kunst.
Mehr als ein narzisstisches Familiendrama
Trotzdem präsentiert „Sentimental Value“ keine Ansammlung von Neurotikerinnen, die einfach unter einem narzisstischen Arschloch leiden. Es ist komplexer, wobei Kompliziertheit und Mehrschichtigkeit nicht so sehr vom nicht eben subtil verfahrenden Skript aus Eingang in den Film finden, sondern von den Schauspielerinnen und Schauspielern sozusagen zusätzlich eingespeist werden. Ein Ensemble, das bis in die kleinste Nebenrolle mit den Figuren immer wieder qua Mimik und Körperausdruck mehr anstellt, als das Skript eigentlich vorsieht.
Nahezu alles, was dieser Film erzählt, wird mehrschichtig dargeboten: als unmittelbares Geschehen (die Mutter ist auf einen Hocker gestiegen und hat sich erhängt) und als Geschehen vor der Kamera (der Hocker ist von Ikea, das Bild wird dann am Ende trotzdem funktionieren, was immer das heißt). Die Schauspielerin Nora agiert ihr Tochtertrauma auf der Bühne aus, extremes Lampenfieber, ausgerechnet kurz vor der Premiere einer modernen Interpretation von Tschechows „Die Möwe“. Überhaupt sind die intertextuellen Verweise in „Sentimental Value“ zahlreich. Nora heißt bestimmt nicht zufällig Nora, Ibsens „Nora, ein Puppenheim“ ist eine zentrale Referenz.
Wenn Liebe nur noch als Bild gelingt
Auf einer sehr unmittelbaren und auch sehr berührenden Ebene ist „Sentimental Value“ ein Film über Menschen, denen es nicht gelingt, einander so zu lieben, wie sie es bräuchten. Wenn Joachim Trier die hier immer als eine latent verzweifelte gedachte Verflechtung von Leben und Kunst in den Blick nimmt, wird es nicht nur berührend, sondern auch aufschlussreich. Die Film- und Bühnenbilder, durch die sich Figuren bewegen, sind vieles: Kompensationsmöglichkeiten, eine Möglichkeit, sich in seiner Beschädigung zu zeigen und sie auszuagieren, aber auch ein Medium der Liebe, die unmittelbar nicht stattfinden kann. Das hat natürlich etwas strukturell Narzisstisches. Bewundert und begehrt und vom Vater geliebt werden zu wollen, gehen bei Nora durcheinander. Gustav wiederum ist ein Paradenarzisst. Trier hat sich schon häufiger um Figuren bemüht, die in großen Gefühlen, negativ wie positiv, befangen sind und in ihrem verantwortungsfreien Um-sich-selbst-Kreisen (und bestenfalls noch um die eigene Familie und ihre Stellvertreter) nicht zur Welt und schon gar nicht zum Glück finden.
Abgesang auf eine alte Filmwelt
Die Frage, ob Joachim Trier in seinen Filmen diesen Zustand der Weltlosigkeit bei gleichzeitiger Selbstfixiertheit reproduziert oder als Leidensquelle in den Blick nimmt, lässt sich nur schwer entscheiden. „Sentimental Value“ jedenfalls deutet, mehr noch als Triers „The Worst Person in the World“, auf Letzteres hin. Die Lebenswelt, um die es hier geht, wird als eine sterbende gezeigt und mit ambivalenter Melancholie (bei gleichzeitiger Erleichterung nämlich) erfasst: die Welt eines bildungsbürgerlichen Kinos, das anhand der Seelenschau von männlichen Künstlersubjekten innere und äußere Wirklichkeiten in den Blick nehmen und zur Anschauung bringen konnte. Der Kameramann von damals, den Gustav ausgräbt, kann nur noch auf Krücken gehen. Und ob sein von Netflix finanziertes Spätwerk überhaupt in den Kinos laufen wird und nicht auf der Streaming-Halde versackt, bleibt unklar.
In diesem Abgesang gelingt „Sentimental Value“ immer wieder ein berührender Blick auf Menschen, die einander nicht lieben können und deren Welt – das bürgerliche Theater, der Autorenfilm – eine vergangene ist. Joachim Trier zeigt sie als eine, die ihren Subjekten unheimlich viel abverlangt und aufgebürdet hat. An Komplexen, an Schuld, an unausgesprochenen und unbearbeiteten Konflikten, die ihren verschobenen neurotischen Ausdruck in Filmbildern oder auf Bühnen finden.
Der Film läuft am Dienstag, 2. Juni, um 19.30 Uhr im Filmpalast Schwanewede. Er kann zudem über Amazon gestreamt werden.


