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Benjamin Moldenhauer

So ist das Leben - Besprechung des Films „Die Zeit, die wir teilen“

Der Film von Laurent Larivière, erzählt eine lebensbejahende Geschichte über Erinnerungen, Verluste und den Versuch, trotz dieser Verluste die Kraft zu lieben nicht zu verlieren.

Isabelle Huppert spielt eine Frau, die äußerlich verpanzert wirkt, aber hinter diesem Schutz klar auf Beziehungsverhältnisse blickt.

Isabelle Huppert spielt eine Frau, die äußerlich verpanzert wirkt, aber hinter diesem Schutz klar auf Beziehungsverhältnisse blickt.

Bild: Wiki commons

Die Verlegerin Joan hat einen Sohn und ist in einer nicht ganz klar definierten Beziehung mit dem Autoren Tim Ardenne verbandelt. Isabelle Huppert spielt Joan als abgeklärte Frau im letzten Lebensdrittel, die allerdings von einer unabgeschlossenen Vergangenheit belastet wird. Zuerst meint man, es ginge vor allem um ihre erste große Liebe, um Doug (als junger Mann gespielt von Éanna Hardwicke, als alter von Stanley Townsend), den sie nach Jahrzehnten zufällig auf den Straßen von Paris wiedertrifft.

Die Begegnung löst Erinnerungen aus, und der deutsche Titel deutet bereits an, um was es geht. „Die Zeit, die wir teilen“ ist die Zeit, die Joan mit Menschen verbringen konnte, die sie geliebt hat (der Originaltitel ist noch eine Idee lakonischer: „À propos de Joan“).

Die Mutter, die die Familie verlassen hat, um mit einem Kampfsporttrainer nach Japan durchzubrennen. Ihr Sohn Nathan (Swann Arlaud), der für einen Job nach Montreal ziehen wird (dass es sich mit Nathan noch einmal ganz anders verhält, erfährt man erst am Ende des Films). Und eben Doug, der Vater ihres Kindes, der von seiner Vaterschaft nichts weiß.

 

Schwer, aber nicht erdrückend

 

Regisseur Laurent Larivière, der auch (zusammen mit François Decodts) das Drehbuch geschrieben hat, erzählt in seinem Film eine Geschichte über Erinnerungen, Verluste und den Versuch, trotz dieser Verluste die Kraft zu lieben nicht zu verlieren.

Isabelle Huppert ist die perfekte Besetzung, wieder in der Rolle einer Frau, die äußerlich verpanzert wirkt, aber hinter diesem Schutz einen sehr klaren Blick auf die Verhältnisse und vor allem die Beziehungsverhältnisse um sie herum zeigt.

Der Ton des Films ist entsprechend schwermütig, immer wieder, aber niemals niederdrückend. Die Farben sind satt und oftmals hell. Damit wiederholt die Bildgestaltung die Haltung der Hauptfigur zur Welt - trotz allem, was verloren geht, macht man weiter, im Wissen, wie schnell alles vorbei sein kann. Der Verlust der Mutter ist zentral. In einem narzisstischen Anfall verlässt sie ihre Tochter, um dann heimlich nach Paris zurückzukehren und außer einem Brief nach ihrem Tod nichts zurückzulassen. Ein Text, der der Tochter das eigene Scheitern gesteht. Das alles wird aber nicht dargeboten als schmerzhaftes Drama, sondern als traurige, jedoch abgeklärte Erkenntnis: So ist das Leben.

 

Lebensfrohe Absage an die Ewigkeit

 

Aufgelockert wird das ganze Geschehen außerdem durch Lars Eidinger, der den Autoren Tim Ardenne spielt, einen Schriftsteller mit Faible für Vulgärexistenzialismus und einem mittelschweren Alkoholproblem. Er hat sich heftig in seine Verlegerin verliebt, was er dann besoffen in einem Fernsehinterview kundtut, um bei der anschließenden Lesung und einer eskalierenden Signierstunde auf die Schnauze zu fliegen.

Auf diese Weise wirkt „Die Zeit, die wir teilen“ in seiner Absage an die Ewigkeit geradezu lebensfroh: Wenn man wirklich begreift, dass nichts für ewig ist (außer der Tod, würde Tim Ardenne anfügen), werden die Menschen, mit denen man verbunden ist, wertvoller. Und wenn man weiß, dass sich Verluste nicht verhindern lassen, werden sie, vielleicht etwas weniger zerstörerisch. Jemand verliebt sich in jemand anderen, ein Kind stirbt, eine Mutter lässt ihre Familie zurück: Wichtig ist nur, darauf insistiert dieser Film dann doch, wenn auch sanft, dass man sich dann von dem, der gegangen ist, gleichfalls verabschiedet und weiterzieht. Die Trauer ist nicht das Schreckliche, schrecklich ist die Verleugnung dessen, dass es so ist. Mit dem einen kann man leben, mit dem anderen nicht.

 

„Die Zeit, die wir teilen“ wird am Freitag, den 17. Novemberum 19.30 Uhr im Kulturzentrum Murkens Hof gezeigt.


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