Benjamin Moldenhauer

Rein in den Mythos

Sean Penns „Into the Wild“ will in den Ort der Wahrheit einkehren, zugleich aber wird eine Wahrheit über diese antizivilisatorische Sehnsucht ansehnlich - mit durchaus schönen Bildern, so Benjamin Moldenhauer.

Tritt eine Flucht vor den Lebenslügen der Eltern und der westlichen Zivilisation im Großen und Ganzen an: Christopher McCandless (gespielt von Emile Hirsch).

Tritt eine Flucht vor den Lebenslügen der Eltern und der westlichen Zivilisation im Großen und Ganzen an: Christopher McCandless (gespielt von Emile Hirsch).

Bild: Tobis Studio Kanal

Ein junger Mann hat genug von Karriereideen, Konsum und seiner dysfunktionalen Familie und geht in die Wildnis. Oder das, was er dafür hält. Und damit direkt hinein in den Mythos von der Natur, die ein Ort der Wahrheit, Unmittelbarkeit und Authentizität sein soll. In der amerikanischen Fassung wird dieser zu großen Anteilen imaginäre Ort wilderness genannt, und der Held in Sean Penns Epos Into the Wild kommt darin um.

Christopher McCandless (gespielt von Emile Hirsch) lässt nach seinem High-School-Abschluss alles stehen und liegen und trampt los, sehr zum Unwillen seiner Eltern. Die Reisevorbereitungen bestehen in erster Linie in der maximalen Aufladung der Natur mit Bedeutung und in der Lektüre der Schriften von Henry David Thoreau. Ein von Christopher ins Holz geritzter Tagebucheintrag: „Zwei Jahre wandert er durch die Welt. Kein Telefon, kein Swimmingpool, keine Haustiere, keine Zigaretten. Totale Freiheit. (...) Die ultimative Schlacht, um falsche Wesen im Innern zu töten und der siegreiche Abschluss der spirituellen Revolution.“ Drunter macht man es als von der eigenen Radikalität und Sinnsuche sehr beseelter junger Mann halt auch nicht.

„Gebt mir Wahrheit“

Into the Wild dekonstruiert den Mythos nicht, sondern zelebriert ihn, mit wunderbar leinwandbreiten Bildern von Natur, offener Landschaft. Die werden als Kontrapunkt zu der stickigen, aggressiv geladenen Atmosphäre des Aufwachsens in einem recht typischen broken home gesetzt, die Middle-Class-Ausgabe. Man kann und soll also als Zuschauer verstehen, was den Helden hier raus aus der Zivilisation und die Weite treibt. Into the Wild ist auch ein Road Movie. Die Geschichte wird in Stationen erzählt: das Hippie-Paar im Magic Bus, die Kommune, der alte weise Mann. Diese Reise ist dann auch, zumindest im Vorbewussten des Helden, eine Flucht vor den Lebenslügen der Eltern und der westlichen Zivilisation im Großen und Ganzen. Christopher paraphrasiert Thoreau: „Anstatt Liebe, Berühmtheit oder Geld oder Vertrauen oder Fairness, gebt mir Wahrheit.“

Ein sakraler Tod

Diese Wahrheit aber soll offensichtlich an einem Ort zu finden sein, an dem sich niemand aufhält, der lügen könnte. Die Vorstellungen von Schönheit, Moral und Wahrhaftigkeit, die der Mythos von der wilden, unverstellten Natur transportiert, lassen sich nur negativ bestimmen, als Gegenbild und „als Abwesenheit von“. Dieses Wissen schwingt in „Into the Wild“ – bewusst oder nicht – unterschwellig mit, und die Negativität der Natur selbst ist es dann auch, die den Helden tötet. Ohne die zivilisatorischen Schutz- und Beherrschungstechniken und -instrumente ist man ihr ausgeliefert und kommt in ihr um. Christopher gelingt die Rückkehr aus der Wildnis Alaskas, der letzten Station, in die Zivilisation nicht mehr. Ein mit Eintritt der Schneeschmelze angestiegener Fluss versperrt den Weg. Ausgehungert versucht er sich von Beeren zu ernähren und fällt einer Vergiftung zum Opfer. Wir sehen das Kreatürliche, den Menschen als Naturwesen, ohne Mythisierung und weihevolle Bedeutung: Christopher rinnt die eigene Scheiße die Beine hinab. Am Ende inszeniert Penn einen geradezu sakralen Tod, eine Eingebung, Licht, eine religiöse Epiphanie, die auch dem Agnostiker die Tränen in die Augen treiben kann. Die finalen Erkenntnisse: „Alles bei seinem wahren Namen nennen“ und „Happiness is only real when shared“.

Ein personifiziertes Klischee

Das alles ist groß und beeindruckend, und wird von der Wirklichkeit nicht wirklich getragen. Fotos des Todesortes von Christopher McCandless wirken weit weniger beeindruckend als die Bilder, die der Film auffährt. Elfriede Jelinek hat die Diskrepanz zwischen realer Natur und ihrem pompösen Bild in ihrem Roman „Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr“ auf den Begriff gebracht: „Ärmliches Moos, kümmerliche Flechte, nirgends das Echte vom Bildschirm.“

Nicht allzu viele Meilen entfernt durchkreuzt ein Highway, der Christopher hätte retten können, die Landschaft. „Die Reaktionen der meisten Bewohner Alaskas, die von McCandless‘ Tod erfahren haben, bewegten sich zwischen Ärger und Enttäuschung“, schreibt Thomas McNamee in einem 1996 erschienenen Artikel über den realen Christopher McCandless, dessen letzte Reise Sean Penn mit „Into the Wild“ filmisch überhöht hat. Aus dem Brief eines Lehrers, der in der Nähe des Todesortes von McCandless unterrichtete: „Von diesen Typen hängen jede Menge bei uns herum. Sie sind einander zum Verwechseln ähnlich und schon beinahe zum allgemeinen Klischee geworden. Der einzige Unterschied besteht darin, dass McCandless am Ende mit seinem Leben zahlte und seine Blödheit in sämtlichen Gazetten Verbreitung fand.“

Tatsächlich definiert „Into the Wild“ „Natur“ mittels seiner Bilder und des Plotverlaufs auf zwei Achsen: als Ort der Freiheit und als Ort, an dem Instrumente der Naturbeherrschung abwesend sind. Den ersten Ort sucht der wahrheitsliebende Held, am zweiten kommt er um. Eines der vielen Probleme: Es ist ein und derselbe Ort. Und die einzige wirkliche umfassende Definition von „Natur“ haben Dietmar Dath und Barbara Kirchner in dem sehr lesenswerten Band „Der Implex: Sozialer Fortschritt: Geschichte und Idee“ formuliert: „Natur ist das, was sich nicht überreden lässt.“

 

Into the Wild wird am Dienstag, dem 7. Juli, um 19.45 Uhr im Central-Theater Osterholz-Scharmbeck und am selben Tag um 19 Uhr im Filmpalast Schwanewede gezeigt.


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