Patrick viol

Kommentar: Was ist hier die Frage?

Die sogenannten "Covidioten" dienen als Projektionsfläche und die Debatte zum Umgang mit ihnen ist das Resultat einer falschen Frage.

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"Wer sich dem Phänomen der Corona-Rebellen auf gesellschaftskritische Weise nähert, den müsste auch das Bedürfnis der Gesellschaft an ihren „Covidioten“ stutzig machen." (Bild: László Moholy-Nagy/wiki commons)

"Wer sich dem Phänomen der Corona-Rebellen auf gesellschaftskritische Weise nähert, den müsste auch das Bedürfnis der Gesellschaft an ihren „Covidioten“ stutzig machen." (Bild: László Moholy-Nagy/wiki commons)

Obwohl sie wenige sind, machen sie viel von sich reden: die sogenannten Corona-Rebellen. Ca. 20.000 von ihnen demonstrierten am vergangenen Wochenende in Berlin gegen die Corona-Beschränkungen und missachteten dabei demonstrativ die Hygieneregeln. Das führte - neben der Diskussion um eine mögliche Einschränkung der Versammlungsfreiheit - unter Kommentator*innen in den einschlägigen Medien zu einer Debatte darüber, wie man mit den aus allen gesellschaftlichen Milieus - von Eso-Strick-Zirkeln bis zu rechtsextremen Gruppen - stammenden „Covidioten“, wie Saskia Esken die Rebellen nannte, umgehen soll und welche Gefahr sie darstellen.
Im Spiegel äußerten sich Julia Merlot und Dirk Kubjuweit. Dieser warf z. B. Esken vor, die Demonstrant*innen Idioten zu nennen. Es sei keine Zeit, in der man etwas genau wissen könne, weshalb der mit anderer Meinung nicht ein Idiot sei, sondern jemand, der „einer anderen Erzählung“ folge. Melot hielt dagegen. Diese Parteinahme erwecke den Eindruck, die „abstrusen“ Ansichten der Rebellen basierten auf irgendwelchen Fakten. Die Corona-Leugner aber erkennen keine an, weshalb für den Umgang mit ihnen das Gleiche gelte, wie für den mit Rechtsextremen: „Mit Extremisten zu reden ist sinnlos.“
In der Berliner Zeitung gab sich Sabine Rennefang pfiffig und nannte alle Deutschen „Covidioten“. Weil wir alle an verschiedenen Punkten die Hygieneregeln missachteten. Deshalb aber nur die Demonstrant*innen zu kritisieren, sei „heuchlerisch“. Und die Expertin für Verschwörungsmythen, Katharina Nocun, gab im Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland die Empfehlung, die Verschwörungsgläubigen nicht als „verrückt“ zu bezeichnen, sondern sie ernst zu nehmen. Sie wüssten, welche Konsequenzen es hat, wenn sie andere Menschen zur Zielscheibe erklären und Falschmeldungen verbreiten.
Was hier auffällt: Niemand von den Kommentator*innen kritisiert, dass die Debatte sich um die vollkommen falsche Frage dreht. Nicht geht es in Anbetracht des auf deutschen Straßen artikulierten Wahns darum, wie man mit denen umgehen soll, die ihn glauben. Es geht ganz allein um die Frage: Warum erzeugt die scheinbar aufgeklärte Gesellschaft bei Menschen das Bedürfnis, an Verschwörungsmythen glauben zu wollen? Und hat man diese Frage gesellschaftlich geklärt, bedarf es einer ebenso gesamtgesellschaftlichen Übereinkunft über die Frage: Wie will man mit der Ursache für den Wahn umgehen? Wer aber, wie Nocun, behauptet: „Wir alle haben eine Veranlagung, an Verschwörungserzählungen zu glauben“, der erklärt nicht den modernen Mythenglauben, sondern mythologisiert dessen gesellschaftliche Ursache. Die ist nicht lediglich ökonomische Unsicherheit, sondern die strukturelle Unmöglichkeit, ein autonomes Leben zu führen. Darauf verweist der unbewusste Wunsch in jeder Verschwörungserzählung: dass Menschen die Geschicke der Welt selbst bestimmen.
Und noch etwas: Wer sich dem Phänomen der Corona-Rebellen auf gesellschaftskritische Weise nähert, den müsste auch das Bedürfnis der Gesellschaft an ihren „Covidioten“ stutzig machen: Sie scheinen als eine super Projektionsfläche für den politischen Irrationalismus der Gesellschaft in der Pandemie zu dienen. Der liegt nicht in den AHA-Regeln oder den Einschränkungen. Die sind rational und solidarisch. Der Irrationalismus liegt darin, mit aller rationalen Kraft die - wie Steinmeier fordert - „Erholung unserer Gesellschaft, unserer Wirtschaft, unseres Kulturlebens“ zu befördern, obgleich deren Gesundung für die Menschen eine Erschöpfung in Permanenz bedeutet.


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