Patrick Viol

Kommentar: Rückkehr zum normalen Wahnsinn

Patrick Viol über das moralische Dilemma der Lockerungen und warum der 8. Mai ein Feiertag werden sollte.

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Derzeit gehen die Bewertungen der Pandemie und der politischen Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung in der Gesellschaft stark auseinander. Bild: M. Müller

Derzeit gehen die Bewertungen der Pandemie und der politischen Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung in der Gesellschaft stark auseinander. Bild: M. Müller

„Rückkehr zur Normalität“ also. Na, ich weiß nicht. Natürlich empfinde ich es als erleichternd, dass das „normale Leben“ (das Kaufen und Verkaufen von Dienstleistungen und Waren) wieder anzieht. Nicht zuletzt deshalb, weil daran auch mein Job und der meiner Kolleg*innen hängt. Ohne „normalen“ Geschäftsbetrieb keine Anzeigen und ohne Anzeigen geht es nicht nur unserer Zeitung schlecht. Kreislauf eben. Allgemeine Abhängigkeit aller von allen. Von daher: Ja, etwas atmet auf in mir. Der Teil, der Geld verdienen muss. Doch über die instrumentelle Vernunft hinaus, die letztlich nur darauf achtet, dass ich meinen eigenen Hintern stabil auf dem allgemeinen Glatteis halten kann, bleibt ein anderer Teil in mir mehr als skeptisch. Und zwar derjenige, der die Dinge aus der Perspektive der Menschheit betrachtet. Der kantische oder moralische Teil könnte man sagen. Der kommt auf den Begriff „Rückkehr zur Normalität“ nicht ganz klar. Aus zwei Gründen. Zum einen, weil das Virus und dessen Gefahr für die Menschen nicht verschwunden sind, nur weil die finanziellen Rücklagen der Unternehmen wie die Geduld der Menschen aufgebraucht sind. Mehr Bewegung wird zu neuen Ansteckungen führen. Klar, es gibt eine Obergrenze für neue Ansteckungen und das Gesundheitssystem in Deutschland scheint das Infektionsaufkommen händeln zu können (sieht man mal davon ab, was das für die Menschen bedeutet, die in ihm arbeiten). Doch dass man für die Rettung von Arbeitsplätzen und Unternehmen die Erkrankung oder gar den Tod von Menschen in Kauf nimmt, das ist aus einer objektiv-moralischen Perspektive, mit dem kategorischen Imperativ, den Menschen stets als Zweck an sich selbst zu betrachten, nicht zu vereinbaren. Aber vielleicht bedeutet genau das die „Rückkehr zur Normalität“: Die Reinstallierung des allgemeinen Benutzungs- und Verbrauchungszusammenhangs von allem und jedem, bei dem nun einmal jene, die sich nicht oder nicht mehr als Mittel eignen, auf der Strecke bleiben.
Zum Zweiten stört mich der Begriff „Rückkehr zur Normalität“, weil man damit den Zustand unserer Gesellschaft vor der Krise als normal bezeichnet, während er offenkundig die Menschen wahnsinnig macht. Denn anders lassen sich die Reichsbürger*innen, linken und rechten Verschwörungstheoretiker*innen, Ken-Jebsen-Anhänger*innen und Bill Gates hassende Impfgegner*innen, die sich als „Demokratischer Widerstand“ bezeichnen und zu den Hygiene-Demos aufrufen, nicht beschreiben. Weil sie glauben, wir erlebten gerade ein neues 1933, und dass die Bundesregierung Deutschland in ein KZ verwandeln will, dessen Gaskammern unter dem Flughafen Tegel gebaut würden. Die glauben tatsächlich, dass Bill Gates einen „Völkermord“ durch Impfungen plane, weshalb jene, die keine Masken tragen wollen und Impfungen kritisieren, die neuen Juden seien. Beweise haben sie dafür nicht, dennoch ist es nicht so, dass die Leute, die so etwas bei Youtube erzählen nur 50 Hörer*innen hätten. Es sind Tausende, die in den Kommentaren ihre Zustimmung ausdrücken: Endlich sage mal einer die Wahrheit.
Diese Leute relativieren aber nicht nur den Holocaust oder sind lediglich verrückt. Dass sie glauben, sie würden von „den Mächtigen belogen“, während eine „Macht im Hintergrund“ - Bill Gates - die Strippen ziehe, ist ein wahnhafter Erklärungs- und Kritikversuch der Gesellschaft. Dazu stiftet ihre „Normalität“ an, weil ihr Produktionsprozess mit allerhand Mystifikationen seiner selbst einhergeht.
Beschäftigt man sich anlässlich des 8. Mai, dem Tag der Befreiung der Opfer des NS und der Niederlage der Deutschen tatsächlich mit 1933 und der antisemitischen Mobilisierung der Nazis, dann fällt auf, dass auch sie in einer Krise im Namen der Freiheit die demokratische Regierung als Lügner bezeichneten, hinter denen jüdische Weltverschwörer stünden, die eine Vernichtung der Deutschen planten, weshalb die Nazis sich als Widerstand inszenierten. Und noch etwas sollte man nicht übersehen: Was die Nazis der Regierung vorwarfen, haben sie letztlich selbst getan. Ihre „Kritik“ war der unbewusste Ausdruck ihres eigenen Plans. Sie waren jene, die sich gegen die Welt verschworen haben und Menschen vernichteten, die sie zur „Gegenrasse“ der Deutschen erklärten. Was das über die Leute auf den Hygiene-Demos aussagt, darüber kann jeder selber nachdenken. Ich für meinen Teil denke, dass solche Leute einmal mehr die Notwendigkeit für einen Feiertag am 8. Mai aufzeigen: Damit man Zeit hat, sich im Gedenken an die Opfer des antisemitischen Wahns mit dem NS zu beschäftigen, um jenen fundiert Konter geben zu können, die meinen, einen neuen Faschismus zu bekämpfen, während sie lediglich den alten in neuer Form geistig beerben.
Gegen ihren Wahnsinn und dessen Ursachen hilft aber noch etwas: Eine vernünftige Einrichtung unserer Gesellschaft, sodass die Menschen einander nicht mehr bloß als Mittel, sondern als Zweck an sich selbst betrachten und einander als solche behandeln könnten.


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