Patrick Viol

Kommentar: Pandemiebekämpfung muss sich halt auch lohnen

Dass die Pandemiepolitik eine moralisch skandalöse Farce ist, hat weder mit einer Inkompetenz von Politiker:innen noch mit einer Verkommenheit von Pharmaunternehmen zu tun, meint Chefredakteur Patrick Viol.

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Kein Bock mehr! Während die einst Gutmütigen, nun nur noch Müden ihr Arbeits- und Familenleben auf High-End-Effizienz frisieren und permanent auf dem letzten Tropfen Riesling laufen, erscheint ihnen die Pandiemiepolitik als Farce. (Bild: Malewitsch, Der Holzfäller, 1912 / wikicommons)

Kein Bock mehr! Während die einst Gutmütigen, nun nur noch Müden ihr Arbeits- und Familenleben auf High-End-Effizienz frisieren und permanent auf dem letzten Tropfen Riesling laufen, erscheint ihnen die Pandiemiepolitik als Farce. (Bild: Malewitsch, Der Holzfäller, 1912 / wikicommons)

Foto: Patrick Viol

Mittlerweile sind auch jene, welche die Maßnahmen des Staates gegen die Pandemie von Anfang an mittrugen und im Privaten Außerordentliches beim Balanceakt zwischen Arbeit und Betreuung leisteten, an dem Punkt angelangt, wo sie sagen: Wollen die mich eigentlich verarschen? Während diese einst Gutmütigen, nun nur noch Müden ihr Arbeits- und Familenleben auf High-End-Effizienz frisieren und permanent auf dem letzten Tropfen Riesling laufen, erscheint ihnen die Pandemiepolitik als Farce.
Was soll denn bitte dieser Lockdown des Privaten bringen, wenn ich in überfüllten Bahnen 30 Minuten zur Arbeit fahren muss, fragen sich viele. Warum dürfte mein Expartner, mit dem ich drei Kinder habe, aber nicht mehr zusammenlebe, mir nur ein Kind bei der Betreuung abnehmen? Und warum wird die Arbeit von den Maßnahmen ausgesparrt und Arbeitgeber:innen nur „dringend gebeten“ und nicht dazu verpflichtet, Homeoffice-Möglichkeiten anzubieten? Fragen, die die Menschen massig twittern und auf facebook posten. Fragen, mit denen sie sagen wollen: Sind die da oben eigentlich total blöde? Kein Bock mehr!
Ebenso beim Impfen. Finden die meisten politischen Kommentator:innen auch eher schlecht. Wenn es doch darum gehen soll, dass so schnell wie möglich alle geimpft werden, was praktisch heißt, dass „nationale Alleingänge“ verhindert werden sollen, wie es im Bund-Länder-Beschluss heißt, wie kann es dann sein, dass die USA, Großbritannien und die EU bereits 50 Prozent der weltweiten Impfdosen reserviert haben, aber nur 14 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen? Wie kann die deutsche Regierung einerseits behaupten, dass nationale Alleingänge „wirkungsvollen Gesundheitsschutz“ verunmöglichen, andererseits aber - wie ein Regierungspapier offenlegte - zum einen 300 Millionen Impfdosen gesichert haben und zum anderen zulassen, dass Indien und Südafrika daran gehindert werden, dass sie Generika des Impfstoffs selbst herstellen? (Die USA, GB und die EU blockieren den von Indien und Südafrika bei der WTO gestellten Antrag zur Aufhebung der Durchsetzung des Patentrechts).
Wenn das Virus doch global agiert und ihm nur die „Weltgemeinschaft“ geschlossen die Stirn bieten kann, wie Steinmeier sagt, warum lässt der Westen den globalen Süden dann wahrscheinlich bis 2023 auf den Impfstoff warten oder sich gar an Russland und China wenden? Was noch mal ganz andere post-pandemische, nämlich geopolitische, die sogenannte Weltgemeinschaft eher bedrohende als Probleme mit sich bringen wird.
Erst hat man den Süden absolut abhängig von uns gemacht und dessen Armut schließlich durch unsere Lockdowns, durch unterbrochene Lieferketten, ausbleibende Tourist:innen, teurere Nachungsmittel und Arbeitslosigkeit zu einer humanitären Katastrophe gesteigert. Und dann verweigert man den Ländern des Südens, die Corona besonders trifft, auch noch die Möglichkeit, so schnell wie möglich zu impfen. Dies erscheint vielen Menschen mit Recht nicht mehr bloß als bescheuert, sondern als moralisch skandalös. Nur hat das ganze wenig mit Inkompetenz von Politiker:innen und moralischer Verkommenheit von Pharmaunternehmen zu tun. Sondern damit, dass Allgemeinwohl orientierte Politik nicht unabhängig von Kapitalinteressen agieren kann.
So frage ich mich eigentlich nur, wie lange es noch dauert, bis die Menschen aufhören, über Politiker:innen zu motzen und anfangen, sich über die Bedingungen zu beschweren, die dafür sorgen, dass sich die politische Pandemiebekämpfung als eine moralisch skandalöse Farce erweist; bis sie es als Beschämung empfinden, in einer irrationalen „Weltgemeinschaft“ zu leben, in der die Mittel der Bekämpfung einer Weltkatastrophe davon abhängen, ob sie finanzierbar sind und sich am Ende für einige wenige auszahlen.


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