Patrick Viol

Kommentar: Keine natürliche Ordnung

Anlässlich des internationalen Frauentags thematisiert unser Redakteur den Antifeminismus der Rechten und wie auch diese Ideologie einen Nährboden für Gewalt bildet. Zudem fordert er, dass Männer entschiedener gegen Frauenfeindlichkeit vorgehen. 

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Antifeminismus ist eine gewaltvolle Ideologie.

Antifeminismus ist eine gewaltvolle Ideologie.

Sie ist richtig, obgleich viel zu spät: die Erkenntnis, dass Deutschland ein Rassismus-Problem hat. Und es richtig, dass man die rechtsterroristischen Anschläge und die infamen Morde mit der fremdenfeindlichen und aufhetzenden Sprache des Rechtspopulismus in den Kneipen und Vereinen, auf der Straße, in den Landesparlamenten und im Bundestag in Zusammenhang bringt. Schließlich ist es richtig, dass als Konsequenz der Taten von Halle und Hanau die Debatte über Rassismus in Deutschland befeuert und vor allem wachgehalten wird. Mit dem Ziel, dass nicht mehr bloß Rechtsextreme, sondern die Zivilgesellschaft und die Politik endlich Worten Taten folgen lassen; mit dem Ziel, die Strukturen zu ändern, die jene so autoritären wie mörderischen Charaktere erst hervorbringen.
Falsch aber wäre es, wenn die Debatte den Rechtspopulismus und Rechtsextremismus nur als eine rassistische Bewegung begriffe. Es ist ebenso unabdingbar, über deren Antisemitismus und Antifeminismus zu sprechen. Vor allem letzterer bleibt in der gesellschaftlichen Debatte zu oft unerwähnt, obwohl er ebenso ein festes Glied in der Kette ist, die Rechtspopulismus und Rechtsextremismus umfasst.
Die restaurative Familienpolitik der AfD, ihr Frauenbild und ihre Vorstellung von einer „natürlichen Ordnung der Geschlechter“ stehen ebenso im Zusammenhang mit der Gedankenwelt des Täters von Hanau wie ihre Fremdenfeindlichkeit. Ebenso wie die AfD von einer Islamisierung des Abendlandes oder einer liberalen Zersetzung der Gemeinschaft schwadroniert, halluzinieren sie sich eine Herrschaft von Feministinnen. Eine Herrschaft, die natürlich Männer zu gesellschaftlichen Verlierern machen würde. Eine Herrschaft, die man brechen müsse, um zu einer „guten alten Zeit“ zurückzufinden, in der Männer Männer und Frauen Frauen gewesen seien sollen. Eine Vorstellung, die unter Rechtspopulisten wie -extremen zum Selbstverständnis gehört. So widmete der Täter von Hanau dem „Thema Frauen“ in seinem sogenannten „Manifest“ ganze fünf Seiten. Darin wird deutlich, dass, wer denkt, qua Deutscher „anderen Völkern“ überlegen zu sein, ebenso glaubt, Männer seien „von Natur aus“ Frauen überlegen und jedem Mann stünde eine Frau zu. Als eine Sache, als sein Eigentum.
Psychologisch hat dieser Antifeminismus eine Funktion: Indem man das andere Geschlecht gedanklich zum schwachen macht, über das man denkt, verfügen zu können, will man die Zerbrechlichkeit der eigenen Männlichkeit loswerden. Solcher Antifeminismus soll seinen Anhängern das Gefühl von Macht verleihen, weil man in der realen Welt keine hat. Woran sich einmal mehr zeigt: Den Preis für die Probleme, die Männer mit sich selbst in dieser Gesellschaft haben, müssen Frauen zahlen. Diese Vorstellungswelt ist aber nicht nur ausgemachter Unsinn: Nicht nur werden Frauen nach wie vor auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert, besitzen politisch weniger Partizipationsmöglichkeiten und leiden nicht selten unter einer Doppelbelastung von Haushalt und unterbezahltem Minijob. Jener Unsinn ist auch gefährlich. Denn er bildet den Nährboden der Gewalt gegenüber Frauen.
Denn wenn sie ihrer zugeschriebenen Rolle und ihrer psychologischen Funktion, die sie für Männer spielen sollen, nicht entsprechen, fühlen sich Männer von ihnen in ihrer Existenz bedroht. Das geht für viele Frauen jeden Tag mit der Erfahrung körperlicher Gewalt einher.
Vor diesem Hintergrund ist es dringend erforderlich, die Kritik an Antifeminismus zu intensivieren. Vor allem aber sollten Männer anfangen, anderen Männern zu widersprechen, wenn sie antifeministische Hetze von sich geben. Ein Beitrag, den sie zum 8. März leisten könnten. Aber bitte das ganze Jahr.


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