Dr. Hinrich Hildebrandt

Kolumbus‘ Vermächtnis im Wald

Invasive Pflanzen wie Spätblühende Traubenkirsche und Japanischer Staudenknöterich setzen heimische Wälder zunehmend unter Druck. Warum sie so erfolgreich und problematisch sind, erklärt Gastautor Dr. Hinrich Hildebrandt, Naturwissenschaftler und Waldbesitzer.

Das Schlüsseljahr 1492, in dem Amerika von Europa aus „entdeckt“ wurde, markiert den Beginn eines intensiven Austauschs von Lebewesen zwischen den Kontinenten. Mit dem transkontinentalen Handel gelangten seitdem immer wieder Pflanzen, Tiere und andere Organismen in neue Lebensräume. Dieser Austausch dauert bis heute an.

Auch in niedersächsischen Wäldern spielen invasive Neophyten eine Rolle. Dazu zählen insbesondere die Spätblühende Traubenkirsche und der Japanische Staudenknöterich. Beide Arten erschweren Waldbesitzern und Naturschutzbehörden die Arbeit. Doch was macht diese Pflanzen so erfolgreich?

Der menschliche Handel und Verkehr sind für die Einführung sogenannter Neobiota von zentraler Bedeutung. Deshalb gilt das Jahr 1492 in der Biologie häufig als Stichtag für die Einführung von Neophyten, also von Pflanzenarten, die nach diesem Zeitpunkt in neue Gebiete gelangt sind. Der bloße Transport von Samen oder Pflanzenteilen bedeutet allerdings noch lange nicht, dass sich eine Art dauerhaft ansiedeln kann. Den Tausenden gelegentlich nach Europa eingeschleppten Arten stehen nur wenige Hundert tatsächlich eingebürgerte fremdländische Pflanzen gegenüber. Die meisten von ihnen verhalten sich unauffällig. Rund 40 Arten werden jedoch als invasiv eingestuft.

Schnell, robust und anpassungsfähig

Warum ist es neuen Arten überhaupt möglich, stabile Populationen aufzubauen? Häufig liegt es daran, dass heimische Arten mit den Neuankömmlingen nicht ausreichend konkurrieren können. Viele erfolgreiche Invasoren haben einen schnelleren Generationswechsel als die ansässigen Arten. Sobald sie eine stabile Grundpopulation aufgebaut haben, können sie sich stark ausbreiten und dichte Bestände bilden. Heimische Pflanzen, die sich langsamer vermehren, geraten dadurch unter Druck.

Hinzu kommt: Viele invasive Arten sind Generalisten. Sie kommen mit unterschiedlichen Standorten und Bedingungen zurecht. Während heimische Arten oft stärker spezialisiert sind und bestimmte Böden, Lichtverhältnisse, Wasserverfügbarkeit oder andere Faktoren benötigen, können invasive Pflanzen häufig auch unter wechselnden Bedingungen wachsen. Dadurch verschaffen sie sich einen weiteren Vorteil.

Keine natürlichen Feinde

Ein weiterer Grund für ihren Erfolg ist das Fehlen natürlicher Feinde. In ihrer ursprünglichen Heimat werden viele Pflanzen durch Insekten, Pilze oder Krankheiten begrenzt. In neuen Lebensräumen fehlen diese Gegenspieler oft. Die invasiven Arten können sich dadurch ungehindert vermehren, während heimische Arten weiterhin in ein Geflecht aus Konkurrenz, Fraßdruck und Krankheiten eingebunden sind.

Die aus Nordamerika stammende Spätblühende Traubenkirsche zeigt diese Entwicklung deutlich. Durch ihren starken Vermehrungstrieb gefährdet sie die heimische Waldflora. Sie verdrängt natürlich vorkommende Pflanzen und erschwert vor allem die Naturverjüngung im Wald. In ihrer nordamerikanischen Heimat wird sie durch einen Pilz in Schach gehalten. In Europa fehlt dieser natürliche Gegenspieler weitgehend. Ihre vergleichsweise großen, gut mit Reservestoffen ausgestatteten Samen werden von Vögeln verbreitet und bleiben auch im Halbschatten über Jahre keimfähig. Vom Emsland bis in die Heide zeigt sich die Pflanze zudem sehr anspruchslos.

Schäden an Natur und Infrastruktur

Auch der aus Asien stammende Japanische Staudenknöterich gilt als problematische Invasionspflanze. Er bildet zahlreiche tief reichende unterirdische Ausläufer und kann sich vegetativ sehr schnell vermehren. Dadurch entstehen dichte Bestände, die heimische Pflanzen verdrängen. Die tief reichenden Wurzelstöcke machen eine Bekämpfung besonders schwierig. Schon kleine Pflanzenteile können austreiben und zur weiteren Ausbreitung beitragen, etwa wenn sie bei Erdarbeiten an andere Orte gelangen.

oblematisch ist der Japanische Staudenknöterich vor allem wegen seiner außergewöhnlichen Wuchskraft und Robustheit. An vielen Bachläufen von der Nordsee bis zum Harz hat er sich stark ausgebreitet. Dort kann er Uferbereiche destabilisieren und Befestigungen beschädigen. Damit verursacht er nicht nur ökologische, sondern auch ökonomische Schäden.

Nach Befragungen der Naturschutzbehörden werden Neophyten zunehmend als Problem wahrgenommen. Besonders häufig genannt werden Riesen-Bärenklau, Indisches Springkraut, Staudenknöteriche und Goldruten. Maßnahmen gegen bereits etablierte und weit verbreitete invasive Neophyten sind schwierig, arbeitsintensiv und teuer. Nach dem Verlust von Lebensräumen gelten invasive Arten mittlerweile als eines der größten Probleme für die weltweite Biodiversität.


UNTERNEHMEN DER REGION

E-PaperMarktplatzStellenmarktZusteller werdenLeserreiseMagazineNotdienst BremervördeNotdienst OHZReklamationgewinnspielformular