Jörn Contag

Kein Verlass auf den Tod - Ostern ist ein Lebensfest

Ostern ist ein Fest des Zweifels – an dem, was unabänderlich erscheint, so der Worpsweder Pastor Jörn Contag in seinem Osteressay.

Am dritten Tage ist er auferstanden - oder auch nicht.

Am dritten Tage ist er auferstanden - oder auch nicht.

Bild: Adobestock

Ostern ist der höchste Feiertag, den wir Christen haben. Christus ist auferstanden! Das ist das christliche Bekenntnis schlechthin. „Der Herr ist auferstanden!“ Das war der erste Laut der neugeborenen Kirche: „Der Herr ist auferstanden!“ Diese Worte haben in der Welt eine neue Zivilisation erschaffen, haben eine viele Kulturen durchwirkende Kirche gebaut … bis heute. Das ist christliche Hoffnung. Darauf beruht alles, was wir glauben. Aber was glauben wir da eigentlich? Neueste Umfragen sagen, 18% der Deutschen glauben an die Auferstehung. Ich war fast überrascht, dass es so viele sind. Ostern ist eine Zumutung für den Verstand.

Aber unsere Verlegenheit ist schon alt. Schon 1777 hat Lessing den „garstigen, breiten Graben“ beklagt, der zwischen unserem Glauben und der historischen Beweisbarkeit klafft. Beweisbar ist die Auferstehung nicht. Schon die Bibel selbst ist angesichts des Osterereignisses verlegen. Sie redet von „Aufwecken“ oder „Aufstehen“, benutzt also Bilder des Alltags, um das Unbeschreibbare zu benennen. Ein Toter erwacht zu neuem Leben. Auch die Zeitgenossen haben es nicht verstanden. Uns trennt ein „garstiger, breiter Graben“ vom Osterereignis.

Deshalb muss unser Glaube springen, muss etwas wagen. Das ist gar nichts Besonderes. Wir leben immer schon von Überzeugungen, die wir nicht beweisen können. Wir sind zum Beispiel alle davon überzeugt, einen freien Willen zu haben. Auch das hat die Wissenschaft in Zweifel gezogen. Aber wir würden wohl nie davon abgehen, uns und anderen den freien Willen zu unterstellen. Ein Leben ohne diese Überzeugung wäre gar nicht möglich. Es gäbe keine Verantwortung mehr, keine Zielsetzung, wir könnten uns nichts mehr versprechen. Es macht Sinn, den freien Willen beweislos vorauszusetzen. Wir leben immer schon mit unbeweisbaren Grundannahmen. In der Liebe sowieso.

Was wissen wir über Ostern? Wir wissen nicht, was genau geschehen ist. Aber wir wissen, dass etwas geschehen ist. Die Menschen handeln nach Ostern so, als wäre Jesus nicht länger tot. Eben war da noch die tiefe Trauer bei den Jüngern in Jerusalem. Alles in Auflösung. Und mit einem Mal kommt Bewegung in die Sache. Die Frauen rennen mit großer Freude zu den Jüngern, der Christenverfolger Paulus wird mit einem Schlage zum Missionar und will es der ganzen Welt erzählen, Gemeinde gründet sich. „Der Herr ist auferstanden“ ist ihr erstes Glaubensbekenntnis und die ersten Christen hatten keine Angst vor dem Tod. Sie waren felsenfest davon überzeugt, im Tode Gott zu sehen.

Vielleicht ist die Annahme, dass wir im Tod Gott begegnen, genauso lebensnotwendig wie die Annahme, dass wir einen freien Willen haben, dass ein Mensch mich liebt und meine Freunde mein Vertrauen verdienen. Wie wäre es, wenn wir nicht die Ostererfahrung in Zweifel ziehen würden, sondern die vermeintliche Übermacht des Todes? Wenn schon an Ostern gezweifelt wird, dann will ich am Schwarzmalen zweifeln. Ich will zweifeln an allem, was unabänderlich erscheint und Unterwürfigkeit für sich beansprucht. Ich will zweifeln an allem, was Lebensmöglichkeiten einschränkt, was Hoffnung nimmt und Freiheit beschneidet bis hin zum Tod. Seit Ostern ist auf den Tod kein Verlass mehr.

„Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen,“ heißt es in einem alten Hymnus St. Gallener Mönche. Unbestreitbar wahr. In diesen Tagen denken wir an den Wal „Timmi“, der sich in der Ostsee verirrt hat. Ich frage mich, ob „Timmi“ nicht ein Symbol unserer Zeit ist. Wie der Wal von Sandbank zu Sandbank schwimmt, immer neu festliegt, gebeutelt von Stress und Angst, so kommt mir unsere Welt vor. Von Krise zu Krise suchen wir den Weg ins Leben und finden ihn nicht. Vom großen Ganzen angefangen – den Kriegen und Kriegsdrohungen, dem Säbelrasseln, dem Terror, dem ausbeuterischen Welthandel, der Plünderung des Erdballs, der Teuerung und Rezession – bis zu unserer persönlichen Welt – Angst vor Krankheit und Sterben, Abhängigkeit und Streit, Überforderung am Arbeitsplatz, die Furcht, nicht zu genügen, das eigene Versagen. „ Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen“ ist unsere Erfahrung, weil wir endlich sind an Zeit und Kräften. All das kann Angst machen, schwer auf uns liegen wie der Stein vor dem Grab.

Aber Martin Luther hat diese Wahrheit nur als eine vorletzte Wahrheit gelten lassen. „Kehrs um“ – sagt er-: „mitten im Tode sind wir vom Leben umfangen - so spricht, so glaubt der Christ.“ Das ist Ostern: „mitten im Tode sind wir vom Leben umfangen.“ Die Herrschaft der Herren, ihre Herrschaft über die Unterdrückten, die Herrschaft der Ungerechtigkeit ist nicht das Letzte Wort über die Welt. Es geht um den Anbruch einer neuen Ordnung, in der geschieht, was schon die Mutter Jesu im Ausblick auf die Geburt ihres Sohnes tapfer gesungen hat: „Er stößt die Gewaltigen vom Stuhl und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und die Reichen lässt er leer ausgehen“ (Lk. 1,52f.).

Ostern ist ein Lebensfest! Ich wünsche Ihnen, dass Sie es als solches feiern können.


UNTERNEHMEN DER REGION

E-PaperMarktplatzStellenmarktZusteller werdenLeserreiseMagazineNotdienst BremervördeNotdienst OHZReklamationgewinnspielformular