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Interveiw: Kinder haben Recht auf Schutz

Weihnachten ist nicht nur die Zeit der Liebe, sondern der Kinderfreuden. Wie aber steht es um die Kinderrechte in unserer Region? Tanja Müller, Koordinatorin Kinderschutz im SOS-Kinderdorf Worpswede, gibt einen Einblick.

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Tanja Müller, Dipl.-Sozialpädagogin, ist im SOS-Kinderdorf Worpswede für sämtliche Belange rund um den Kinderschutz tätig.

Tanja Müller, Dipl.-Sozialpädagogin, ist im SOS-Kinderdorf Worpswede für sämtliche Belange rund um den Kinderschutz tätig.

Haben Sie den Eindruck, dass sich Kinder in unserer Region mit ihren Rechten gut auskennen?

 

Ehrlich gesagt sind sich leider viele Kinder auch heute noch ihrer Rechte kaum bewusst, da diese in vielen Kindergärten und Schulen nur rudimentär behandelt werden. Umso wichtiger ist es, mit ihnen ins Gespräch zu gehen und sie über ihre Rechte aufzuklären. Uns im SOS-Kinderdorf Worpswede ist es wichtig, dass sich sowohl Mitarbeitende als auch Kinder regelmäßig mit der Bedeutung der Kinderrechte auseinandersetzen. Bereits am Eingang des Kinderdorfs erinnern illustrierte Schilder an die 10 wichtigsten Kinderrechte. Diese finden sich im gesamten Dorf und den SOS-Angeboten in der Region wieder. Im Kinderparlament setzen sich tolle, von den Kids gewählte Hausministerinnen und -minister für die Wünsche, Ideen und Sorgen ihrer SOS-Geschwister ein. Es finden jährlich Kinderrechte-Workshops für die Betreuten statt. Für neue Mitarbeitende ist die Teilnahme an einer Basis- und einer Aufbauschulung zum Thema Kinderschutz Pflicht. Zusätzlich ist aktuell ein Kinderrechte-Katalog in Arbeit, dessen Inhalte gemeinsam mit den Kindern erarbeitet wurden. Diesen sollen neue Kinderdorf-Kinder direkt beim Einzug erhalten und ihnen altersgerecht ihre Rechte vermitteln.

 

Welche Herausforderungen sehen Sie im Alltag bei der Wahrung der Kinderrechte?

 

Dass Kinder und Jugendliche zum Beispiel ein Recht auf Medien haben, finden die meisten spannend. Aber was steckt dahinter? Hier wird deutlich, wie komplex die Umsetzung der Rechte in der Praxis sein kann: Hat damit jedes Kind ein Recht auf ein Handy? Ab welchem Alter gilt das? Was können Eltern tun, um ihren Kindern das Recht einzugestehen und sie gleichzeitig zu schützen? Immerhin kann die Nutzung von Medien gewisse Gefahren mit sich bringen, beispielsweise wenn pornografische Inhalte verschickt oder empfangen werden.

 

Wer kontaktiert Sie als Koordinatorin Kinderschutz und Fachberaterin gegen sexualisierte Gewalt?

 

Meist sind es Fachkräfte unserer Angebote oder externer Einrichtungen, die um eine Beratung bitten. Mich suchen aber auch Jugendliche auf. Anlass für ihr Kommen kann ein Schulprojekt wie „Mein Körper gehört mir“ sein, bei dem sie merken: Da fühlt sich etwas komisch an, was wir erlebt haben. Ich berate auch Eltern, die das Gefühl haben, ihr Kind habe sich verändert. Ihre häufigste Frage: Was ist eine altersgerechte sexuelle Aktivität? Dass Kinder ihren Körper erkunden, ist ganz normal. Aber wo beginnt der Bereich von Grenzverletzungen und Übergriffen? Da herrscht eine große Unsicherheit. Deshalb biete ich zusätzlich zur Beratung Schulungen und Elternabende an. Auch wenn ich größtenteils von Erwachsenen kontaktiert werde, bestärke ich Lehrkräfte und Kitafachkräfte immer darin, auch mit den Kindern zu reden und sie direkt zu fragen, was gerade los ist. Kinder haben ein Recht darauf gehört zu werden.

 

Was können denn erste Anzeichen von Missachtung der Kinderrechte sein?

 

Es gibt nie das eine Anzeichen, wo wir sicher sagen können, jetzt haben wir es mit einem Fall von Kindeswohlgefährdung in Form von Gewalt oder sexualisierter Gewalt zu tun. Alle Anzeichen können zunächst auch andere Ursachen haben. Umso wichtiger ist es, im Gespräch zu bleiben und sich über Beobachtungen auszutauschen. Pädagogen und Eltern sollten hellhörig werden, wenn sich ein Kind innerhalb von kürzester Zeit massiv verändert. Ein wichtiger Punkt, um Schlimmeres zu verhindern, ist, gut zuzuhören. Statistiken belegen, dass ein Kind in Not sieben Mal Zeichen gibt und um Hilfe fragen muss, bevor es gehört wird. Wenn ein Kind eine Sache immer wiederholt, dann ist es wichtig, aufzuhorchen und es darauf anzusprechen. Oft sind es versteckte Botschaften, die erst einmal harmlos anmuten. In einem Fall erzählte das Kind z. B. immer wieder „Papa streichelt das Kätzchen“. Gemeint war aber leider nicht das Tier, sondern ein sexueller Übergriff.

 

Wie können Eltern im privaten Umfeld ihre Kinder von klein auf stärken?

 

Eltern können Kindern schon von klein auf ihre Rechte aufzeigen. Es gibt viele Bücher zum Thema Kinderrechte. Mein Tipp: „Ich bin doch keine Zuckermaus“ – Neinsagegeschichten von Sonja Blattmann. Eltern sollten ihre Kinder immer ernst nehmen und mit ihnen sprechen. Dazu gehört auch eine altersgerechte Aufklärung. Ein Kind sollte seine Körperteile korrekt benennen können - auch die Geschlechtsorgane. Dann hat es die richtigen Worte, um sich im Falle einer Grenzüberschreitung verständlich mitteilen zu können. Unsere Aufgabe als Eltern ist es, unsere Kinder liebevoll zu erziehen und gleichzeitig Grenzen zu setzen. Die Erfahrung hat gezeigt: Kinder, die keine Grenzen kennen, sind häufig haltlos. Darüber hinaus sollten sich Eltern ebenso wie Pädagogen über Auffälligkeiten und verschiedene Anzeichen von Kindeswohlgefährdung informieren.

 

Vielen Dank.


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