Patrick Viol

Formbewusst und bedeutungsoffen

Christian Petzold Films „Miroirs No.3“ lässt in spannungsvolle Lücken schauen und den Zuschauer am Film mitarbeiten. Benjamin Moldenhauer hat ihn gesehen.
Bei Christian Petzold ist die weibliche Hauptfigur meist in einen Autounfall verwickelt.

Bei Christian Petzold ist die weibliche Hauptfigur meist in einen Autounfall verwickelt.

Bild: Pifflmedien/Schramm Film

Fangen wir ausnahmsweise nicht mit den Bildern an, sondern mit ein paar Sätzen. Zuerst mit einem Zitat von Christian Petzold, dem Regisseur des hier besprochenen Films „Miroirs No.3“: „Du musst eine Aufladung schaffen, die geheimnisvoll ist, die man nicht sofort dechiffrieren kann.“ Aus einem 120 Seiten langen, assoziativen und für alle, die sich für das Kino als Welterschließungsmedium interessieren, sehr lesenswerten Gespräch mit Petzold, das 2019 in der Reihe „AugenBlick. Konstanzer Hefte zur Medienwissenschaft“ erschienen ist. Unter dem Titel „Das Kino ist die Zukunft, aber es schaut immer zurück“. Auch so ein guter, das Medium genau beschreibender Satz. Petzold führt aus: Das Kino bewege mehr als das Fernsehen, es sei utopischer, „gerade weil es länger zurückschaut und schrecklich darunter leidet, dass das alles so schnell geht“.

Von diesen Sätzen aus kann man sich auf die Filme Christian Petzolds zubewegen. Die Aufladung findet sich in jedem Film, meist am Anfang gesetzt und verstärkt durch Reduktion und Umgebungsintensivierung. Die Figuren bewegen sich durch ruhige, definierte Gegenden. Man kann die Umgebung in Petzolds Filmen direkter spüren als in Filmen, in denen die Landschaft eine Kulisse ist: die Sommerhitze in „Roter Himmel“, die Enge der Räume in „Die innere Sicherheit“, die Weite der Felder in „Miroirs No. 3“. Diese Weite stellt sich bald nicht mehr als Offenheit dar, sondern als Eindruck und Verweis auf eine enorme Lücke.

Spannungen aus der Lücke

„Miroirs No. 3“ ist der erste Film von Christian Petzold nach seinem Jahrhundertwerk „Roter Himmel“ von 2025. Die junge Pianistin Laura (Paula Beer) ist mit ihrem Freund und zwei seiner Kollegen auf dem Weg in die Uckermark, wegen eines seiner Projekte. Laura geht es nicht gut, ihr Freund ist nur genervt, sie wirkt abwesend und depressiv. Er ist nur genervt, und als die beiden einen Autounfall bauen und er stirbt, sie unverletzt überlebt, hält sich Lauras Trauer in Grenzen. Laura wird von Betty (Barbara Auer), die allein in einem Haus in der Uckermark lebt, aufgenommen. Ab und zu kommen ihr Ex-Mann und der gemeinsame Sohn vorbei.

Laura erholt sich und bleibt einige Tage bei Betty. Allmählich wird sie Teil des Alltags und lernt ihren Mann Richard (Matthias Brandt) und den Sohn (Enno Trebs) kennen. Lauras Präsenz ist ein Versprechen, die Spannung unter den Figuren kommt aus der Lücke, die in der Leere der Felder und des Himmels schon angedeutet ist. Laura soll sie füllen.

Verbindungen zu „Roter Himmel“ und weiteren Petzold-Filmen sind das Setting, die ostdeutsche Provinz, und seine Schauspielerinnen und Schauspieler. Hauptdarstellerin Paula Beer ist nach Nina Hoss Petzolds neue Stammschauspielerin und war, wie auch Matthias Brandt und Enno Trebs, bereits in „Roter Himmel“ zu sehen. Barbara Auer war in dem Kinodebüt „Die innere Sicherheit“, in „Yella“ und „Transit“ sowie in Petzolds drei „Polizeiruf 110“-Episoden präsent, die er inszeniert hat. Und schon in „Yella“ übersteht die wie fast immer bei Petzold weibliche Hauptfigur einen Autounfall, in gewisser Weise zumindest.

Formbewusst und bedeutungsoffen

Verbindungen bestehen aber auch im Ausgangspunkt und im Verlauf, und da sind wir wieder bei der Aufladung. Die kommt hier aus der Aufladung der den Figuren selbst unklaren Beziehungen untereinander. Ungeklärte Verhältnisse erzeugen Spannung, in Freundschaften, Liebesbeziehungen und Familien. Die Figuren in Petzolds Filmen wissen zuerst nicht, was sie füreinander sind, und bekommen das im Laufe des Films heraus. Meist mit einem nicht eindeutig glücklichen Ausgang.

Dieser Aufladung, die sich in Anspannung umsetzt und sich immer nur kurz in subtilem Humor und Ausbrüchen löst, wird eine betont kühle Inszenierung gegenübergestellt. Keine Musik, runtergefahrenes Tempo, Auslassungen und Leerstellen, die zusammengenommen den sehr, sehr großen Resonanzraum dieser Filme bilden, in den Zuschauerin und Zuschauer ihre eigene Wahrnehmung und Interpretation einspeisen können. An den Filmen Christian Petzolds darf man als Zuschauer gleichsam mitarbeiten. Sie sind streng und formbewusst inszeniert und zugleich bedeutungsoffen.

In „Miroirs No. 3“, dessen Titel sich auf das Stück „Une barque sur l’océan“ aus Maurice Ravels Klavierzyklus „Miroirs“ bezieht, geht es um Liebe, die nach dem Tod des geliebten Menschen weiterwirkt und sich ein neues Objekt sucht. Es geht um das Gesagte und das Ungesagte in Familien und um das Schweigen generell. Laura will nicht mehr weg aus dem Haus, in das sie nach ihrem Unfall aufgenommen wurde. Und merkt erst nach ein paar Tagen, dass etwas an Betty und auch an ihrem Mann und ihrem Sohn nicht stimmt, wie man so sagt, dass da ein Geheimnis ist.

Figuren auf der Leinwand, die wie das Kino sind: Sie wollen nach vorne, weg von dem Schmerz der Vergangenheit, und müssen doch immer wieder zurückschauen. Noch ein Satz von Petzold: „Das Kino ist eine riesige Sammlung von unerlösten Menschen“. Das stimmt, und wenn die Leinwand ein Sammelplatz für Unerlöste ist, wie sehr dann erst die Welt außerhalb des Kinos? „Wenn ich im dunklen Saal sitze, nehme ich an ihrer Unerlöstheit teil, ich sehe ihren Kampf um Gefühl, Nähe und Physis“, sagt der Regisseur. Das Tröstliche an seinen Filmen jedenfalls ist, dass sie diese Unerlöstheit nicht als kreischendes Drama, sondern mit einem warmen und zugleich distanziert-analytischen Blick entfalten.

 

„Miroirs No. 3“ läuft am Dienstag, den 10. März, und am Mittwoch, den 11. März, um 20 Uhr in den Ritterhuder Lichtspielen.


UNTERNEHMEN DER REGION

E-PaperMarktplatzStellenmarktZusteller werdenLeserreiseMagazineNotdienst BremervördeNotdienst OHZReklamationgewinnspielformular