

Die Erfolgsgeschichte von „Rocky“ ist eine äußerst unwahrscheinliche, und das sowohl auf wie auch jenseits der Leinwand. Ein bahnbrechender Durchbruch eines vollkommenen Außenseiters. Sylvester Stallone ist Ende 20, als er in New York zunehmend verzweifelt versucht, als Schauspieler Fuß zu fassen. Kein Geld, winzige Zimmer, eine Rolle in einem grindigen Porno. Geld verdient er in einem Kino, aber als Platzanweiser. Dort studiert er systematisch Filme und die Reaktionen des Publikums, tagsüber sitzt er in seiner abgedunkelten Wohnung und schreibt Drehbücher. Das Drehbuch zu „Rocky“ wird vom Studio United Artists gekauft, im letzten Moment, Stallone ist zu diesem Zeitpunkt praktisch pleite. Eine autobiografisch gefärbte Geschichte: Ein erfolgloser Boxer trainiert für seinen ersten großen Kampf und bekommt fürchterlich aufs Maul.
Stallone jedenfalls bleibt so hartnäckig wie sein Alter Ego auf der Leinwand und besteht auf sich selbst als Darsteller für die Hauptrolle. Das Studio ist begeistert vom Drehbuch, will aber einen etablierten Star wie James Caan oder Ryan O’Neal für die Hauptrolle. Stallones Gesicht ist nach einem Geburtsfehler in Teilen gelähmt, er spricht undeutlich. United Artists bietet viel mehr Geld, damit er auf die Rolle verzichtet. Doch der Schauspieler, der zu diesem Zeitpunkt bereits eine Kindheit mit gewalttätigen, narzisstisch offensichtlich gestörten Eltern und einen Aufenthalt in der Jugendpsychiatrie hinter sich hat, bleibt, wie man so sagt, hart.
Der Film wird ein Hit und bekommt einen Oscar. Beim Wiedersehen erinnert man sich daran, wie brüchig und fragil die klotzförmigen Männer in den frühen Filmen Stallones sind (für den ersten Teil der „Rambo“-Reihe gilt in der Hinsicht das Gleiche wie für „Rocky“). Und wie schmerzerfüllt die Performance. Filme über gewalttätige Männer – im Sport oder im Krieg – als Verarbeitung der am eigenen Körper ganz real erfahrenen Gewalt. Stallone besetzt ausgerechnet seinen Vater als Zeitnehmer beim entscheidenden Boxkampf im Finale von „Rocky“. Damit der endlich stolz auf ihn sein kann. „Ich wollte einfach, dass er mich ein kleines bisschen liebt“, erzählt Stallone rückblickend im Interview mit der New York Times, das anlässlich seiner gerade erschienenen Autobiografie geführt wurde. „Schau, was ich geschafft habe.“
Die Karriere, die, zumindest in psychischer Hinsicht, auf diesem Satz aufbaut, folgt auf eine Kindheit voller Gewalt und Destruktivität. Man kann das in der Autobiografie en détail nachlesen. Einige exemplarische Begebenheiten: Als der junge Stallone statt Brot versehentlich Sandwichaufstrich einkauft, tritt ihm sein Vater so heftig in den Bauch, dass er zu Boden geht. Anschließend fährt der Vater seelenruhig in die Kirche. Weil eine Katze vor dem Haus Lärm macht, fängt sein Vater sie ein, erschießt sie in der Waschküche und lässt den Körper liegen. Um dem Jungen zu demonstrieren, wie hart er ist. Bei einem Polospiel zieht der Vater den Sohn, der das Spiel ansonsten wohl gewonnen hätte, vor allen Zuschauern vom Pferd und verprügelt ihn. Die Kindheit des Menschen, der Rambo, Rocky und ein Dutzend Körperpanzerhelden mehr gespielt hat, setzt sich im Rückblick des Erwachsenen vor allem aus Gewalterfahrungen zusammen.
Als Teenager wird Stallone in die Jugendpsychiatrie gesteckt. Die Zustände sind katastrophal, die Insassen teils verwahrlost und gefesselt. Ein Mitpatient attackiert ihn und greift ihm an die Genitalien. Wärter schlagen daraufhin mit Lederriemen auf den Angreifer ein. Als Stallone später gefragt wird, ob er seine Lektion gelernt habe, antwortet er: „Ich habe eine viel wichtigere Lektion gelernt: Ihr könnt mich nicht brechen.“ Das ist der zweite Satz, auf dem diese Karriere aufbaut.
Man bekommt in einem Film wie „Rocky“ ein fast schon analytisches Bild einer Männlichkeit vorgeführt, die vornehmlich auf physischer Stärke, Dominanzansprüchen und der Erfahrung realen Versagens basiert. Das Bild, das Stallone mit seinem Drehbuch und seiner Performance zeichnet, ist nicht überheblich und schon gar nicht denunziatorisch, sondern erfahrungsbasiert. Und enthält damit schon die Möglichkeit, etwas anderes zu entwickeln.
Da kam dann aber der Erfolg dazwischen, und der Erfolg Stallones – nicht zerbrechen dürfen, alle sollen sehen, was man geschafft hat – führt nicht zu Linderung und Heilung, sondern zu einer Maximierung, die sich in den Over-the-top-Actionfilmen und ihren Anabolika-Körpern grell manifestiert. Aus dem gebrochenen Mann wird eine unbesiegbare Kampfmaschine. Im Rückblick beschreibt Stallone selbst diese Entwicklung präzise: „Das war furchtbar. Es war wie eine Karikatur. Irgendwann begreifst du, dass es viel einfacher ist, die Muskeln spielen zu lassen, als deine Seele offenzulegen.“
Wenn man die ungemein berührende und aufschlussreiche Autobiografie mit den frühen, aber auch den späten Filmen Stallones zusammennimmt, findet man eine Menge Material zu Härteidealen, Körperpanzerung und ungelebtem Leben, alles verbunden mit einer spezifisch männlichen Sozialisation. In diesem Sinne sind Stallones Erfahrungen und die Mittel zur Verarbeitung dieser Erfahrungen extrem und zugleich exemplarisch. Jetzt, im Alter von 80 Jahren, sei er „im Panikmodus“, erzählt Stallone. „Ich habe mir aus Tausenden Steinen des Bedauerns ein Schloss gebaut. Auf meine eigene, unbeholfene Weise versuche ich, wiedergutzumachen, was ich falsch gemacht habe. Aber ich weiß nicht, ob mir dafür noch genug Zeit bleibt.“
„Rocky“ wird am Dienstag, dem 3. November, um 19.45 Uhr im Central-Theater Osterholz-Scharmbeck gezeigt.


