

Viele Männer diskutieren und sprechen über das Thema digitale sexualisierte Gewalt, antwortete mir der Bundeskanzler in der Regierungsbefragung. Er auch. Aber wie? Die Gewalt wäre zugewandert. Im Internet. Meint er damit etwa Tech-Oligarchen wie Elon Musk, dessen KI sexualisierte Deepfakes von Frauen erstellen ließ?
Männer wie Merz wägen sich zu gerne in selbstgefälliger Sicherheit: Wir sind nicht das Problem, keiner unserer Freunde ist frauenverachtend. Sie machen es sich einfach mit dem Verweis auf das Fremde. Dabei wissen wir: Gewalt findet die meiste Zeit genau dort statt, wo das größte Vertrauen besteht. Der unsicherste Ort für eine Frau ist das eigene Zuhause. Das ist reine Empirie.
Sie ergibt sich aus Kriminalstatistiken und Erfahrungen unzähliger Frauen. Fast jeden Tag ein Femizid. Ein Tag, an dem eine Frau ermordet wird, weil der Partner, ein Ex-Freund oder Verwandter entscheidet, er hätte das Recht, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Ein Tag, an dem viele Männer diskutieren. Und diskutieren. Vermutlich abfällig, lästernd am Tag zuvor mit ihrem Freund, der gerade den Entschluss fasst, Gewalt zu üben. Vielleicht auch mal vorsichtig mahnend, dass man so nicht über Frauen spricht.
Dominanz wird nicht in Frage gestellt
Viele Männer reden. Den Bundeskanzler konnte ich noch fragen, ob er denn auch handeln möchte. Denn zu tun wäre einiges. Wird endlich massiv in Gewaltschutz investiert? Wird es einen Aktionsplan gegen digitale Gewalt geben? Wo setzt die Bundesregierung denn strukturell an, um die selbstverständliche Dominanz von Männern in dieser Gesellschaft zu beenden? Dominanz, die übrigens nicht nur im Extrem Gewalt gegen Frauen bedeutet, sondern sich gegen jede geschlechtliche Minderheit und alle, die sie mit ihrer Existenz infrage stellen, allen voran queere Menschen, trans und nicht-binäre Personen richtet. Gewalt trifft schlussendlich auch die Männer, die wütend werden, wenn sie über das Patriarchat sprechen. Männer, die das Ende des Patriarchats am liebsten mit uns herbei schreien möchten.
Eine neue Dimension
Gewalt gegen Frauen hat in den letzten Jahren eine neue Dimension bekommen: Künstliche Intelligenz arbeitet nun mit an erniedrigenden, frauenverachtenden Fantasien. Jede Person hat jederzeit eine hochauflösende Kamera zur Hand, mit der heimlich intime Aufnahmen gemacht werden können. Dagegen braucht es klare strafrechtliche Regelungen. Deshalb habe ich als Rechtspolitikerin mit meiner Fraktion einen eigenen Gesetzentwurf zur Strafbarkeit von virtuellen Vergewaltigungen eingebracht. Es darf rechtlich kein Zweifel bestehen, dass sexualisierte Gewalt auch im digitalen Raum Unrecht ist. Das ist der erste Schritt. Aber Strafe alleine verhindert keine Taten, dafür braucht es starke finanzielle Förderung von Anlauf- und Beratungsstellen wie Frauenhäusern und Täterarbeit, Bildungsoffensiven gegen Frauen- und Queerfeindlichkeit, echte strukturelle Veränderungen in unseren Institutionen.
Die Gewalt der Anderen
Diese Gewalt ist hausgemacht. Sie ist das Ergebnis von vielen kleinen Grenzüberschreitungen im Alltag, von Besitzdenken in Beziehungen, von ungleichen Chancen im Beruf. Frauen, die finanziell abhängig von Partnern sind, erleben häufiger Gewalt. Sie können sich nicht lösen, selbst wenn die ersten Übergriffe bereits geschehen sind. Wenn, wie der Bundeskanzler behauptet, also auch Männer über all das sprechen, wieso passiert dann nichts? Vermutlich, weil in diesen Gesprächen immer wieder rauskommt, dass eigentlich nur andere das Problem sind. Seltsam.
Lena Gumnior ist Rechtsanwältin und Obfrau im Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz. Seit 2025 sitzt sie im Bundestag für den Wahlkreis Verden-Osterholz.



