Amelie Nobel

Der Mensch hinter dem Titel

Lilienthal (an). Biggi Rist schreibt unter ihrem Pseudonym Johanna von Wild historische Romane. In ihrem neuesten Buch „Der Pfeiler der Gerechtigkeit“ erzählt Rist die Geschichte des Fürstbischofs Julius Echter von Mespelbrunn im Würzburg des 16. Jahrhunderts und rückt dabei den Menschen hinter dem Fürsten in den Fokus.

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Der Pfeiler der Gerechtigkeit, Gmeiner-Verlag, 2021, 474 Seiten, 16 Euro.

Der Pfeiler der Gerechtigkeit, Gmeiner-Verlag, 2021, 474 Seiten, 16 Euro.

Der Weg zum Schreiben
 
Schon als kleines Kind hat Biggi Rist eigene Geschichten geschrieben und früh lesen gelernt. Seitdem gibt es für die Autorin keinen Tag ohne Bücher mehr. Geboren wurde Biggi Rist in Reutlingen, wo sie nach der Schule eine Ausbildung zur Apothekenhelferin und später zur pharmazeutisch-technischen Assistentin absolvierte. Heute widmet sie den Großteil ihrer Zeit dem Schreiben. Nach vielen Jahren in Süddeutschland zog sie 2005 nach Lilienthal und veröffentlicht 2012 gemeinsam mit Liliane Skalecki ihren ersten Kriminalroman „Schwanensterben“. Es folgen weitere Bände, bis die beiden sich entschließen, als eigenständige Autorinnen weiter zu arbeiten. Skalecki bleibt dem Genre des Kriminalromans treu, Rist widmet sich dem historischen Roman. Ein logischer Schritt, denn Geschichte habe sie schon immer fasziniert und Geschichte sei wichtig, obwohl die Menschheit nur selten aus ihr lerne, so die Autorin.
Seitdem hat Biggi Rist unter dem Pseudonym Johanna von Wild drei historische Romane im Gmeiner-Verlag veröffentlicht, der vierte Roman erscheint voraussichtlich im Sommer 2022, am fünften Roman schreibt sie gerade. Das Pseudonym ist nicht zufällig entstanden, tatsächlich hat es den Namen von Wild in ihrer eigenen Familiengeschichte gegeben, so Rist. Für sie passt das Pseudonym gut zu ihrem Genrewechsel. Ein historischer Roman und Biggi Rist, das passe hinten und vorne nicht zusammen.
 
In die deutsche Geschichte eintauchen
 
2019 erschien mit „Die Erleuchtung der Welt“ der erste historische Roman, in dem das Heidelberg des 15. Jahrhunderts und als historische Persönlichkeit Mechthild von der Pfalz im Fokus stehen. Der zweite Roman „Der Getreue des Herzogs“ spielt im Tübingen des 15. Jahrhunderts und setzt sich mit der Figur des Herzogs Ulrich I. von Württemberg auseinander. Das Buch ist sogar für den Goldenen Homer 2021 nominiert worden.
Im dritten Roman „Der Pfeiler der Gerechtigkeit“ steht nun Fürstbischof Julius Echter von Mespelbrunn im Würzburg des 16. Jahrhunderts im Mittelpunkt. Der vierte Roman, der im Sommer 2022 erscheinen wird, spielt in Florenz und Nürnberg, im fünften Roman setzt sich Biggi Rist intensiv mit der Zeit während des Dreißigjährigen Krieges auseinander.
Recherche nimmt den Hauptteil der Arbeit von Biggi Rist ein. Sie recherchiert teilweise mehr, als sie schreibt, und liest viele Fachbücher. Die Autorin möchte die Zeit verstehen und das Leben zu dieser Zeit möglichst authentisch darstellen. Dazu gehören neben der Lebensweise der Menschen, ihrer Kleidung und ihren Gewohnheiten auch äußere Umstände wie das Wetter. Rist arbeite sehr kontrolliert und akribisch. Das Schreiben von historischen Romanen erfordere auch, dass man viel hinterfrage. Für sie sei außerdem wichtig, dass die von ihr gewählte Sprache in die Zeit passt. Auch historische Gebäude wie Schlösser oder Burgen bieten viel Raum für Inspiration, einer der Gründe, warum ihre Bücher in Süddeutschland spielen. Viele Ideen entstünden auch im Schreibfluss selbst, in dem die Figuren beginnen, ein Eigenleben zu führen. Die Figuren machten, was sie wollen und meistens machen sie es gut, erzählt Rist.
 
Der Pfeiler der Gerechtigkeit
 
In ihrem neuesten Buch „Der Pfeiler der Gerechtigkeit“ erzähl Biggi Rist alias Johanna von Wild auf über 470 Seiten die Geschichte des Bäckerlehrlings Simon und gewährt Leser:innen Einblicke in das Würzburg des 16. Jahrhunderts.
Der Protagonist Simon wird von seinem Stiefvater und dessen Sohn Wulf schlecht behandelt und geschlagen. Die Situation verschlimmert sich im Laufe der Zeit und Simon beschließt, nach Venedig zu ziehen, wo er die Kunst der Zuckerbäckerei erlernt. Nach Jahren kehrt er zurück nach Würzburg und übernimmt die Backstube des Juliusspital, wo er den Fürstbischof Julius Echter mit seinem Rosinenbrot verzaubert. Es ist eine Geschichte, die weniger die historischen Machtverhältnisse darstellt, sondern viel mehr
zeigt, was es bedeutet, im 16. Jahrhundert gelebt und geliebt zu haben. Biggi Rist entwirft Konflikte und Probleme, die Familien entzweien und Menschen zusammenführen. Es sind oft kleine Details, die einen großen Bogen spannen und die Geschichte somit lesenswert machen. So fällt nur durch Zufall das Rosinenbrot, welches eigentlich für Simons Liebe, die Apothekertochter Julia, bestimmt war, in die Hände des Fürstbischofs Julius Echter, dessen Leben und Handeln Simons Geschichte sinnvoll ergänzt.
 
Julius Echter als faszinierende historische Figur
 Der Fürstbischof habe Rist schon von Anfang an fasziniert, über den Menschen Julius Echter sei so wenig bekannt. Er ist durchaus eine ambivalente Figur und lange Zeit als „Hexenbrenner“ in Verruf geraten, spätere Nachforschungen stellen dieses Bild jedoch infrage. Biggi Rist zeichnet ein positives Bild des Julius Echter, der vor allem ein sozialer Mensch gewesen sei. Abgesehen von den Tatsachen, dass er sein Juliusspital auf einem ehemaligen Judenfriedhof bauen ließ und maßgeblich an der Verfolgung von Protestanten beteiligt war, habe Echter viel für die Gerichtsbarkeit und die Würzburger Uni getan, erzählt die Autorin. Sein Bestreben, Leuten zu helfen, denen es nicht so gut geht, ziehe sich wie ein roter Faden durch den Roman, so Rist. So zeigt Rist zum einen das Leben von einfachen Menschen und zum anderen die Menschen hinter den Fassaden von Titeln und Besitz.


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