

Osterholz-Scharmbeck. Es ist ein bisschen schwierig, ein Gespräch mit Antonio Grossi in seinem Eiscafé Cortina in der Sommerhitze im Juli zu führen. Er springt auf, nimmt die eine Stufe hinter den Tresen, verschwindet kurz und erscheint kurz darauf wieder mit Tabletts mit Eisbechern und Kaffeetassen, die vor seine Gäste präzise, aber mit Schwung platziert werden. Das macht er so seit 25 Jahren. Schnell noch eine Eiswaffel mit Vanille, Pistazie und Kirsch gefüllt - „auf die nächsten 25!“, ruft ihm die Kundin am Fenster beim Bezahlen ihrer drei Kugeln Eis zu. Grossi lacht: „Das schaffe ich nicht mehr.“ Er nimmt wieder Platz am Bistrotisch, gleich vorn am Eingang. Man müsse die Menschen schon mögen, sagt Antonio Grossi. „Ich mag fast 100 Prozent“, sagt er. Ein kurzer Blick durch den Gastraum, einen Moment Zeit gibt er sich. „Meine Schwester kannte Italiener mit Gastronomie in Worpswede. So kam ich mit 17-einhalb Jahren nach Deutschland. Ich konnte kein Wort Deutsch.“
Ein Jahr habe er dort hinterm Tresen gearbeitet, wo es nicht erwünscht war, dass man sich mit den Kunden unterhielt. Dann habe er in Worpswede das Handwerk des Eis-Herstellens gelernt. „Da habe ich dann gearbeitet, dann noch bei Durigon. Und dann hier.“ Ein Ehepaar betritt das Café: „Hier sitzt er!“ und drücken Antonio ein Geschenk in die Hand – zum 25-jährigen Jubiläum. Seine Schulter wird geklopft, „Weiter so! Wir freuen uns!“. Allein war er in Osterholz-Scharmbeck nicht, denn die italienische Community ist mit einigen italienischen Nachbarn vorhanden. „Und einige meiner Stammgäste lernen und sprechen Italienisch mit mir.“
Der letzte echte Italiener
Als Antonio 29 Jahre alt war, wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit: Er übernahm das Eiscafé Cortina am 12. Juli 2001, das zu dem Zeitpunkt bereits ein Jahr leer gestanden hatte. Damit übernahm er das erste italienische Eiscafé der Kreisstadt, das einst am 15. Mai 1961 von den Brüdern Oswaldo und Carlo Geraldini aus Cortina d’Ampezzo eröffnet worden war. Und mit Antonio Grossis Cortina gab es mit Franco Cerruttis Eisdiele am Bahnhof wieder zwei original italienische Eiscafés in Osterholz-Scharmbeck. Mittlerweile ist Antonio der einzige „echte“ Italiener am Ort mit Eiscafé, was schon ungewöhnlich sei. „Mir wurde schon gesagt, dass ich aber sehr gut Italienisch spreche“, lacht Antonio.
„Hier, das war eine ganz andere Einrichtung“, erinnert sich Antonio, als er sein eigenes Café übernahm. Erst einmal wurde grundlegend modernisiert. „Ich habe dann mit zwölf oder 16 Sorten Eis begonnen.“ Nachfragen nach bestimmten Sorten, die im Trend liegen, gebe es immer noch. Aber die mittlerweile 38 Sorten selbst gemachtes Eis nach italienischen Rezepten auf der Karte sollten reichen.
Antonios Augen glänzen und antworten weit mehr auf die Frage, ob das Kreieren von Eis Spaß mache, als sein kurzes „Ja!“ Seit 15 Jahren helfen der heute 28-jährige Kevin und sein Bruder Jacek dem Stiefvater im Eiscafé. „Ich war drei Jahre alt, als wir uns kennen lernten“, erzählt Kevin. Ein Traum für Kinder: Der Stiefvater besitzt ein Eiscafé! Aber:„Wir essen gar nicht so viel Eis“, sagen die Cortina-Männer und zucken die Schultern. Ferhat, Nurhat und Louisa unterstützen Antonio zusätzlich zu den Söhnen im Verkauf. „Mit Personal hatte ich nie Probleme“, sagt Antonio.
Olivenpflücken
Seit 25 Jahren hat das Eiscafé Cortina jeden Tag durchs ganze Jahr geöffnet, „sieben Tage die Woche“, sagt Antonio nicht ohne Stolz. „Und wir sind immer noch hier. Und haben noch Spaß dran. Ich hoffe, das bleibt so.“ Es sind immer die Gleichen, die kommen, die das Gleiche bestellen: „Ich weiß, wer wann kommt.“ Es könnten wieder ein paar mehr Stammtische werden, findet Antonio. Und weder er noch seine Stammgäste können sich Antonio ohne Arbeit vorstellen. „Ich glaube, er mag es am liebsten, wenn so richtig was los ist“, sagt Stammgast Linda Tscheu. Das einzig Schlimme an seinem Eiscafé ist die Buchhaltung. „Aber das muss ja auch gemacht werden“, sagt er lächelnd und steht wieder auf: „Buongiorno!“ begrüßt er den nächsten Gast mit Motorradhelm auf dem Kopf. Als er wieder einen Moment sitzt, geht sein Blick einmal durchs Café nach der Frage, ob er irgendwann wieder nach Italien gehen möchte. „Nur zu Besuch mit mehr Zeit.“ Wieder glänzen die Augen: „Zum Olivenpflücken. Das macht da Spaß.“ Ja, man habe da Oliven! Die Eltern seien nun 86 Jahre alt und man plane für November einen zehntägigen Besuch in Palomonte in Salerno, Kampanien. Vielleicht schließe man das Café tatsächlich das erste Mal seit 25 Jahren für diese Zeit.
Weiter gehts
Antonio springt wieder auf, verschwindet hinter seinem Tresen, lässt sich von Kevin den Becher mit den bunten Zuckerstreuseln geben. Damit geht er zum hinteren Tisch und verzaubert das Kindereis vor seinem kleinen Gast in eine kunterbunte Überraschung. Der kleine Junge strahlt ihn an. So viel Zeit muss sein – das ist eben Antonio. Linda Tscheu erzählt von der Zeit, als sich Antonio die Hand verletzt hatte und ihr Mann Marcus als helfende Hand eingesprungen ist. „Schreib deine Eisrezepte doch mal auf!“, habe Tscheu vorgeschlagen. „Nee, das wollte er nicht.“ Und so mischte Marcus Tscheu mit Antonios Augenmaß das Eis. Vielleicht schreibt Kevin sie mal auf, wenn er eines Tages das Eiscafé Cortina vom Stiefvater übernommen hat. Doch das hat noch lange Zeit. Zeit hat nicht die Bedienung der Gäste: „Magg den Fenestre!“, ruft Antonio Kevin im Vorbeilaufen zu. Und das vielleicht doch noch 25 weitere Jahre.




