Patrick Viol

„Der Kommunikation einen Ort geben“ - Portrait des ehemaligen Stadtdezernenten Dr. Sven Uhrhan

Osterholz-Scharmbeck. Seit gut zwei Wochen ist er bereits in Oldenburg Stadtbaurat, der ehemalige Stadtdezernent der Kreisstadt und Geschäftsführer des Stadtmarketing Dr. Sven Uhrhan. In den letzten dreieinhalb Jahren prägte er die Kreisstadt mit seiner Arbeit. An seinem letzten Arbeitstag im Rathaus spricht er mit dem ANZEIGER über seine Zeit in Osterholz-Scharmbeck, über die widersprüchlichen Anforderungen heutiger Stadtplanung und die Möglichkeit des Wohnens heute. Was Uhrhan zu sagen hat, seine Art und Arbeitsweise sollte über seinen Weggang hinaus als Orientierung im städtischen Gedächtnis bleiben.
 

Bilder
Die Arbeit des ehemaligen Staftdezernenten Dr. Sven Uhrhan hat Vorbildcharakter.  Foto: pvio

Die Arbeit des ehemaligen Staftdezernenten Dr. Sven Uhrhan hat Vorbildcharakter. Foto: pvio

Es hängen noch zwei Bilder in dem nahezu leer geräumten Büro. Hinter dem ehemaligen Schreibtisch nimmt Dumbo, der fliegende Elefant, sein berühmtes Schaumbad, an der Wand gegenüber hängt der künstlerisch aufbereitete Grundriss Uhrhans letzter Wirkungsstätte in Saarbrücken - ein Abschiedsgeschenk damaliger Kolleg/innen. Ein besonderes Geschenk für Uhrhan. Auf dem Tisch davor liegen die Abschiedsgeschenke seiner Kolleg/innen aus dem Verwaltungsamt. Ausgewählte Präsente. Keine Standardlösungen, die implizit eine Freude über den Fortgang vermitteln sollen, sondern Geschenke, die Dankbarkeit dafür zu zeigen versuchen, dass man einen Kollegen wie Uhrhan hatte und dass man ihm für seinen zielstrebigen Aufbruch nur das Beste wünscht. Man mochte Uhrhan hier. Das ist mehr als nachvollziehbar. Sein gelassenes Auftreten, seine offene Art und die Freundlichkeit in seinem Sprechen lösen unmittelbar Sympathie für Uhrhan aus.
 
Ein Mensch mit Anziehungskraft
 
Oftmals sind jene, die im jungen Alter bereits in Führungspositionen gelangen, Karrieristen, deren Denken und Handeln einzig dem Leitmotiv verschrieben sind, alles zu tun, was sie auf der Leiter gesellschaftlicher Hierarchie nach oben bringt. Nicht selten nehmen solche Mitmenschen nur sich selbst ernst und sind, indem sie sich einzig von der Spekulation auf ihren Vorteil bestimmen lassen, opportunistisch und rücksichtslos. Ganz anders ist Sven Uhrhan. Da ist keine Verbissenheit, keine Nervosität in den Gliedern, weil sie Angst haben, die nächste Chance zu verpassen, jemand anderes von der Stelle treten zu können. Doch Uhrhan ist zugleich kein Sprüche klopfender Kumpeltyp, der immerzu auf Pointen wartet. Was ihn sympathisch erscheinen lässt, ist das, was ihn auch beruflich erfolgreich macht: Dass er bereits mit 34 Jahren Stadtdezernent und Geschäftsführer des Stadtmarketings wurde, ist unleugbar das Resultat dessen, dass er sich in seiner Arbeit einzig und allein von der Sache: von einer Stadtplanung im besten Sinne der Stadt und der in ihr lebenden Menschen bestimmen lässt.
 
Osterholz verbunden
 
Verabschieden muss sich Osterholz-Scharmbeck von Uhrhan jedoch nicht. Die Kreisstadt bleibt sein Lebensmittelpunkt. Mit seiner Frau hat er sich hier ein Haus gekauft, kollegiale Kontakte und Freundschaften seien über die Zeit entstanden. „Die Menschen in Osterholz sind viel zugewandter als ich anfangs dachte“, so Uhrhan erfreut. „Wirklich kühl sei der Norden hier nicht“, scherzt er weiter. Zudem bestehe eine emotionale Bindung zur Kreisstadt. Uhrhans Tochter sei hier geboren - eine Osterholz-Scharmbeckerin also. Auch ein Lieblingsgebäude habe er vor Ort: die Entbindungsstation des Kreiskrankenhauses, wo seine Tochter zur Welt kam.
 
Stadtplanung im Spannungsfeld
 
Stadtplanung ist für Uhrhan ein spannendes und ebenso spannungsreiches Betätigungsfeld. „Sie ist eine Schnittstellenthematik“, wobei die sich überschneidenden Bereiche weniger in Harmonie koexistieren als sich vielmehr wie Gegensätze zueinander verhalten. „Stärke ich zum Beispiel den Handel vor Ort, verstärkt sich auf der anderen Seite der Individualverkehr, wodurch der öffentliche Verkehr und die Umwelt in Mitleidenschaft gezogen werden“, führt Uhrhan als ein Beispiel der Schwierigkeiten bei der Stadtplanung an. Die Lösungen liegen selten auf der Hand.
Über diese grundlegenden Schwierigkeiten hinaus sind die stadtplanerischen Bereiche Bau, Verkehr und Umwelt derzeit regelrecht zu gesellschaftlichen Krisenzentren geworden. Allgemeine Wohnungsnot, die Diskussionen um einen kostenlosen öffentlichen Nahverkehr und die anhaltenden Proteste für den Klima- und Umweltschutz sind derzeit die großen und anhaltenden Herausforderungen für einen Stadtplaner. Aber diesen Herausforderungen sich zu stellen, zu versuchen, aussichtslos gegensätzliche Interesse miteinander zu vermitteln und Kompromisse zu finden - das reizt Uhrhan an seiner Arbeit.
Dass er mit Schwierigkeiten souverän umzugehen weiß, belegen nicht zuletzt der Umbau und die Sanierung der Innenstadt von Osterholz-Scharmbeck. Hierfür erreichte er eine Förderung von Bund und Land mit über acht Millionen Euro. Und wo es um viel Geld geht, sind viele Interessen miteinander in Einklang zu bringen.
Aber auch der Umbau der IGS Buschhausen stellt einen stadtplanerischen Erfolg Uhrhans dar. Dass es seinem Büro gelang, den Entwurf für den Umbau der Sporthalle noch vor seinem Fortgang fertigzustellen, erfreue Uhrhan ungemein. „Das ist ein schöner Abschluss.“ Ihm sei es wichtig, dass eine Stadt zu ihrem Wort steht. Mit seinem beharrlichen Engagement sorgte er dafür, dass sie es tat.
 
Städtische Identität im Wandel
 
Wichtig als Stadtplaner ist Uhrhan aber nicht nur die Verlässlichkeit einer Stadtverwaltung, sondern auch eine bestimmte Form ihrer Gestaltung. Die Gebäude und die Erscheinung einer Stadt hätten eine Bedeutung für die Identität ihrer Bewohner/innen. Eine Stadt besitze darüber hinaus selbst eine eigene Identität. Sie habe eine Geschichte, die sich wiederum an ihren Gebäuden zeige. Diese beiden Aspekte dürfe man bei der Gestaltung einer Stadt nicht ignorieren. Es gehe darum, den Spagat hinzubekommen, einen Wandel ohne eine Zerstörung der städtischen Identität zu vollziehen. „Die meisten Menschen leben fast 80 Jahre in einer Stadt. Eine Veränderung des Stadtbildes muss auf ihre Akzeptanz stoßen.“ Die Menschen müssen sich in ihrer Stadt wohlfühlen und sie als ihre erleben können, so Uhrhans Überzeugung.
Bei der Stadtplanung gehe es demnach nicht nur um die Vermittlung von gegensätzlichen Interessen verschiedener Akteure, sondern ebenso um die Vermittlung von Geschichte und Zukunft. Keine leichte Aufgabe, aber eine, die Stadtplanung zu meistern habe, will sie im Interesse einer zukunftsfähigen Stadt und ihrer Bewohner/innen agieren. „Als Planer muss ich an die Stadt die Frage stellen, wo sie herkommt, um zu verstehen, wo sie hingehen kann“, bringt Uhrhan seine Ausführungen zu Ende.
 
Stadt und Land - verschieden aber gleichberechtigt
 
Dem Philosophen und Soziologen Theodor W. Adorno zufolge entwickeln sich autoritäre Charakterstrukturen vermehrt auf dem Land aus, wenn die dortigen Lebensbedingungen weitaus schlechter sind als in der Stadt.
Dementsprechend sei die Entwicklung der Ortschaften eine wichtige Aufgabe Demokratie fördernder Politik. Auch wenn Uhrhan diesen Gedanken von Adorno nicht explizit verfolgt, so dient sein stadtplanerischer Ansatz doch jener Demokratie stärkenden Politik. Bereits seit seinem Studium, das er mit einer Arbeit über Wohnraumstrategien gegen Leerstände abschloss, ist er sich der Wichtigkeit der Entwicklung der Ortschaften bewusst. Moderne Stadtplanung „muss die Ortschaften mitdenken“, betont Uhrhan. Das hieße, Stadtplanung müsse „doppelspurig“ fahren. „Es bedarf eines starken städtischen Kerns, aber dennoch müssen die Ortschaften als Lebensraum attraktiv bleiben“, wie Uhrhan mit Verve formuliert. Die Belange der Ortschaften seien ebenso wichtig wie die der Kernstadt. - Man merkt, dass Uhrhan über ein Thema spricht, das ihm am Herzen liegt.
Moderne Stadtplanung darf das Leben auf dem Dorf nicht zu der Ödnis verkommen lassen, als welche das Ressentiment es begreift. Praktisch bedeutete das, dass man auf den Dörfern den öffentlichen Raum aufrechterhält, in dem Menschen sich begegnen und austauschen können. Ein gutes Beispiel hierfür ist Uhrhans Verwandlung der Alten Schule in Ohlenstedt in ein Kommunikationszentrum. Hier treffen sich Menschen, entwickeln gemeinsam Projekte, planen Unternehmungen und betreiben somit aktiv die Entwicklung des Lebens auf dem Land. „Stadtplanung muss Kommunikation einen Ort geben“, so Uhrhan überzeugt. „egal ob in der Stadt oder auf dem Land.“ - Auch ein aufklärerischer Gedanke: Ohne eine aktive Öffentlichkeit kann es keinen demokratischen Prozess geben, sondern nur einen Nährboden für Vereinsamung und Regression, für Verbitterung und Hass. Dementsprechend müsse „Stadtplanung sich stets die Frage stellen, für welche Gesellschaft sie eine Stadt bauen will“, so Uhrhans Grundsatz.
 
Wohnen heute
 
Stichwort Gesellschaft: Auf die Frage hin, ob sich in unserer Gesellschaft überhaupt noch wohnen lasse, antwortet Uhrhan nachdenklich. Es sei zwar noch möglich, aber nicht mehr wirklich selbstbestimmt. Die Entscheidung, wo man wohnt, sei in hohem Maße vom Markt bestimmt. „Das war vor 20 Jahren noch anders.“ Es habe die Möglichkeit gegeben, sich die Freiheit, entscheiden zu können, wo man wohnt, zu erarbeiten. Die sei heute vom Markt für die meisten kassiert worden. Es habe sich durch diesen Verlust auch eine „neue Segregation zwischen gut und weniger gut Situierten“ in den Städten entwickelt. Heute seien sie stärker getrennt, was zu unterschiedlichen Problemen führe. Nicht zuletzt zu falschen Abgrenzungsbedürfnissen und Vorurteilen.
Aber auch die Familienstruktur habe sich verändert. Dadurch würden z. B. mehr Singlewohnungen und Wohnungen für Alleinerziehende gebraucht. Gleichzeitig wünschen sich die Menschen aufgrund zunehmender Individualisierung immer mehr Platz für sich allein. Andrerseits werde der Platz immer weniger, weil die Ballungszentren immer voller werden.
Das ungekürzte Portrait lesen Sie im Anzeiger Nr. 29 oder im E-Paper


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