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Bis hierher lief‘s noch ganz gut: Die Apokalypse der Mitte

Die Kolumne von Benjamin Moldenhauer. Thema der neuen Folge: Die Untergangsangst - oder Angst vor dem eigenen Untergang - der politischen Mitte.

Der Kolumnentitel ist ein Zitat aus dem Film La Haine bzw. Hass. Das Zitat stammt von einem Mann, der aus dem 50. Stock von ’nem Hochhaus fällt. Während er fällt, wiederholt er, um sich zu beruhigen, immer wieder: ‚Bis hierher lief’s noch ganz gut, bis hierher lief’s noch ganz gut, bis hierher lief’s noch ganz gut…‘. Aber wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung!“

Der Kolumnentitel ist ein Zitat aus dem Film La Haine bzw. Hass. Das Zitat stammt von einem Mann, der aus dem 50. Stock von ’nem Hochhaus fällt. Während er fällt, wiederholt er, um sich zu beruhigen, immer wieder: ‚Bis hierher lief’s noch ganz gut, bis hierher lief’s noch ganz gut, bis hierher lief’s noch ganz gut…‘. Aber wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung!“

Bild: Openai

Irgendwie sind alle, durch alle politischen Lager hindurch, nur noch aufgeregt. Die AfD schafft es, in Sachsen-Anhalt Frustrierte und Rachsüchtige so umfassend zu verarschen, dass diese die Partei zur stärksten Kraft wählen. In Berlin droht die Linke mit der Vergesellschaftung von Wohnungskonzernen und hängt in Teilen und in noch nicht ganz geklärter Weise mit Hamas-Sympathisanten zusammen. Und in Frankreich plündert die Jugend Geschäfte und fackelt Autos und Gebäude ab. Die sogenannte Mitte scheint zurzeit in Angst vor dem politischen Bedeutungsverlust zu leben. Kaum noch jemand unter 30 wählt zurzeit SPD oder Grüne, von CDU und FDP mal ganz zu schweigen. Der junge Mensch orientiert sich politisch mehr und mehr an den Rändern.

Vor diesem Hintergrund fielen die präventiven Reaktionen auf die für den 31. Oktober angekündigten Demonstrationen und Proteste, die bundesweit vom losen Bündnis „Gen Z regelt“ organisiert und angekündigt werden, besonders heftig aus. Wer so stark reagiert, zumal wenn in keinem der Aufrufe etwas von Gewalt und Randale zu lesen war, wirkt unsouverän und defensiv. Bei der CDU führt das wie zwangsläufig zum Rechtsdrall. Die Partei hatte sich schon vor Beginn der letzten Legislaturperiode dazu entschieden, die AfD mit AfD-Politik zu bekämpfen und die „Migrationsfrage“ zum drängendsten Problem der Deutschen zu erklären. Und das entgegen allen Analysen, die besagen, dass man der AfD keine Wähler wegnehmen kann, indem man die Rhetorik der Partei kopiert. Die Wahlergebnisse der CDU rasselten dann auch in den Keller, die Wahlprognosen und -ergebnisse der AfD gingen durch die Decke.

In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod. Der Wahlsieg der Linken in Berlin und die Koalitionsgespräche mit Grünen und SPD wurden als Anlass genommen, um eine neue Brandmauer zu errichten. Dieses Mal nach links, im Kampf gegen Antisemitismus, der in diesem Fall allerdings vor allem eine Metapher für den Kampf gegen die drohende Enteignung von Berliner Wohnungskonzernen zu sein scheint.

Man ballerte ein hochkomisches Reel per Insta in die Welt, in dem Merz mit bewährtem Stromberg-Charisma gegen den von den Koalitionsgesprächen zwischen Linken, SPD und Grünen ausgehenden Weltuntergang anschreit: „Hört auf damit!“ Wenn alles gut läuft, wird der Satz auf den letzten Metern der Kanzlerschaft noch sein „Wir schaffen das“. Hinter die vollkommen unverhältnismäßige Es-ist-5-vor-12-Rede hat ein vermutlich zugedröhntes Social-Media-Team Bilder von den Protesten in Paris gelegt: Chaos und Zerstörung, verzweifelte Bürger, Sodom und Gomorrha. So wird es in Berlin aussehen, wenn Linke, SPD und Grüne zusammen regieren.

Und wohl auch, wenn man die deutsche Jugend protestieren lässt, ohne polizeilich-erzieherische Maßnahmen zu ergreifen. Schaut man sich an, mit welcher Rhetorik in CDU-Kreisen über „Gen Z regelt“ gesprochen wird, fragt man sich schon, ob die Akteure an ihre eigenen apokalyptischen Warnungen glauben oder ob das einfach Strategie ist. Die Junge Union Berlin-Mitte forderte, befeuert von adoleszenter Hysterie, die Bundeswehr einzusetzen. Die Stuttgarter CDU-Gemeinderatsfraktion brachte ein präventives Demonstrationsverbot ins Spiel. Baden-Württembergs CDU-Innenminister Manuel Hagel kündigte ein besonders hartes Vorgehen gegen mögliche Gewalttäter an.

Wenn der deutsche Konservatismus schon die Bundeswehr anrufen muss, um sich vor bestimmt auch lautstark und vehement vorgetragenen Forderungen nach mehr Mitteln für die Bildung, nach Maßnahmen gegen den Klimawandel und nach dem Schutz der körperlichen Unversehrtheit (keine Wiedereinführung der Wehrpflicht) zu schützen, scheint die Untergangsangst sich vor allem aus der Angst vor dem eigenen Untergang zu speisen. Die Apokalypse ist dann auch letzten Samstag ein weiteres Mal ausgeblieben. Wie der Hamburger Autor Claas Gefroi schreibt: „Junge Menschen wollen eine Zukunft und Staat, Regierung und bürgerliche Presse antworten mit körperlicher, verbaler und medialer Gewalt. Mehr haben sie der Jugend nicht zu bieten. Ich hätte nicht geglaubt, wie schlimm es um die Eliten dieses Landes bestellt ist.“

Aber bis hierher lief‘s noch ganz gut.

 

Der Kolumnentitel ist den ersten Sätzen des Films La Haine entnommen: „Dies ist die Geschichte von einem Mann, der aus dem 50. Stock fällt. Während er fällt, wiederholt er, um sich zu beruhigen, immer wieder: ‚Bis hierher lief’s noch ganz gut, bis hierher lief’s noch ganz gut…‘ Aber wichtig ist nicht der Fall, sondern die Landung.


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