Lena Stehr

Über der Gürtellinie 

Niedersachsen. In Göttingen dürfen Frauen seit dem 1. Mai am Wochenende ohne Oberkörperbekleidung ins Schwimmbad. In den Bädern der Region wird mit dem Thema unterschiedlich umgegangen.

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Foto: depositphotos/nechayka

Dass Frauen und Männer die gleichen Rechte haben sollten, ist inzwischen - zumindest relativ - unumstritten. Schwieriger und etwas skurril wird es bei der Frage, ob auch die weibliche und die männliche Brust, genauer: deren Nacktheit gleichgestellt werden sollten. Genau darüber wird bundesweit diskutiert, seit sich in einem Göttinger Schwimmbad eine Frau, die sich selbst als Mann definiert, erfolgreich dafür eingesetzt hatte, oben ohne schwimmen zu dürfen. Das Schwimmbad hatte zunächst einen Verstoß gegen die Badeordnung gesehen. Seit dem 1. Mai dürfen nun aber alle Frauen in den Bädern in Göttingen am Wochenende oben ohne schwimmen - wenn sie denn möchten.
 
Umfrage
 
Laut einer repräsentativen YouGov-Umfrage im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur unter den Erwachsenen in Deutschland, zeigt sich bei der Frage „Erste Bäder erlauben nackte weibliche Oberkörper zu bestimmten Zeiten - wie finden Sie das?“ nämlich ein deutlicher Geschlechterunterschied: Nur 28 Prozent der Frauen antworteten mit „sehr gut“ oder „eher gut“, bei den männlichen Befragten waren es dagegen 46 Prozent.
Insgesamt fänden es 37 Prozent positiv, wenn der „Dresscode“ für Frauen im Freibad aufgehoben werden würde. Im Osten sind es 44 Prozent, im Westen 35 Prozent. Negativ sehen es demnach bundesweit 28 Prozent,
26 Prozent sind unentschieden („teils/teils“), der Rest machte keine Angabe.
 
„Gleichheitswidrige Sexualisierung“
 
Im Hinblick auf die grundsätzliche rechtliche Lage kommt Dr. Anja Schmidt von der Martin Luther Universität in Halle-Wittenberg - nachdem sie einen Fall in Berlin beleuchtet hatte, bei dem eine Frau mit nacktem Oberkörper polizeilich eines Wasserspielplatzes verwiesen worden war - übrigens zum Schluss, dass der Platzverweis sich als „rechtlich unzulässige und gleichheitswidrige Sexualisierung ihres Körpers und damit als rechtswidrig darstellt“.
Eine nackte weibliche Brust sei zunächst einmal eine nackte weibliche Brust und keine sexuelle Intervention, insbesondere wenn sie auf einer strandartigen Liegewiese zu sehen sei, wo sich viele Menschen in Badekleidung aufhalten würden. Eine gegenteilige rechtliche Wertung würde die weibliche Brust gegenüber der männlichen Brust gleichheitswidrig sexualisieren.
 
Gleiches Recht für alle
 
Die Sexualisierung der weiblichen Brust sei in unserer Gesellschaft über Jahrhunderte gewachsen, sagt Karin Wilke, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Osterholz-Scharmbeck. Die Entblößung des Busens in der Öffentlichkeit sei daher keine Selbstverständlichkeit.
Eine Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen könne allerdings nur dann erreicht werden, wenn es keine Rolle mehr spiele, welches biologische oder soziale Geschlecht Menschen haben. Dass Frauen nicht „oben ohne“ im Schwimmbad baden dürfen, sei eine diskriminierende, auf traditionelle Geschlechtergrenzen aufbauende Regel, so Wilke.
Sie ist der Meinung, dass viele Frauen keine Blicke auf sich ziehen und sich einer sexualisierten Bewertung ihrer Brust entziehen möchten. Wäre das „oben ohne Baden“ aber normal, wäre es für viele Frauen durchaus denkbar, oberkörperfrei zu schwimmen und die neue Freizügigkeit zu genießen. „Im Sinne der Gleichberechtigung ist es an der Zeit, dass Frauen nun zumindest in manchen Schwimmbädern ‚oben ohne‘ baden, genau wie die Männer“, so Wilke.
 
Was ist in regionalen Bädern erlaubt?
 
Sowohl im Delphino in Bremervörde als auch im Allwetterbad in Osterholz-Scharmbeck (und auch in fast allen anderen Bädern) ist über die Hausordnung geregelt, dass der Aufenthalt im Nassbereich des Bades nur „in üblicher Bade- oder Sportbekleidung“ gestattet ist. Frauen mit nacktem Oberkörper würden demnach gebeten werden, ihre Brust zu bedecken. Es habe bisher aber noch keinen Fall gegeben, in dem eine Frau oben ohne baden wollte, sagen Benjamin Bünning von der Natur- und Erlebnispark Bremervörde GmbH und Torsten Stelljes vom Allwetterbad unisono. Beide sehen zudem keinen Handlungsbedarf, die geltende Ordnung zu ändern.
Matthias Quadt, Leiter des Freibades in Gnarrenburg sieht die Sache dagegen ganz locker. „Hier ist gar nichts verboten, und ich würde auch keine Frau ansprechen, die hier oben ohne baden möchte“, sagt Quadt. Es sei auch schon vorgekommen, dass Frauen sich oben ohne sonnen, allerdings eher selten. „Wir sind hier ganz entspannt, man sollte die Sache nicht so hochkochen“, findet der Schwimmbadleiter - und hat damit die gelassenste und der Sache womöglich angemessenste Einstellung in der ganzen Debatte.


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