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Lena Stehr

Psychische Belastung berufstätiger Mütter im Homeoffice

Die Diplom-Psychologin Birgit Langebartels erklärt, warum insbesondere Mütter momentan so stark belastet sind. Mütter wie auch Anzeiger-Mitarbeiterin Tina Garms, die in den vergangenen acht Wochen fast nur von Zuhause gearbeitet hat.
„Die Working Mum hat den Anspruch, perfekt zu sein und setzt sich stark unter Druck“, sagt Diplom-Psychologin Birgit Langebartels. Foto: eb

„Die Working Mum hat den Anspruch, perfekt zu sein und setzt sich stark unter Druck“, sagt Diplom-Psychologin Birgit Langebartels. Foto: eb

„Liebe Sonneneltern, leider bleibt heute die Sonnengruppe aufgrund von Personalmangel geschlossen.“ Diese Nachricht erreichte unsere Redaktionsmitarbeiterin Tina Garms, Mutter eines Kita- und eines Schulkindes, kürzlich morgens um 6.45 Uhr, rund eine halbe Stunde, bevor sie sich normalerweise auf den Weg zur Arbeit macht. Und sie ist exemplarisch für das, was Eltern kleiner Kinder seit vielen Wochen zunehmend zermürbt und insbesondere berufstätige Mütter vor kaum zu bewältigende Aufgaben stellt.
 
„Katastrophale Lage“ in den Kitas
 
Von einer „katastrophalen Lage“ in den Kitas spricht die Landeselternvertretung der niedersächsischen Kindertagesstätten. Die Betreuungszeiten seien vielerorts bereits auf ein Minimum von fünf Stunden runtergefahren, wenn nicht gerade Kitagruppen aufgrund von Personalmangel komplett geschlossen seien. Zudem kämpften die Eltern auch noch darum, dass Quarantänebescheide der Kinder von ihren Arbeitgebern anerkannt würden. Teils müsse zusätzlich eine Krankschreibung erwirkt werden, damit die Eltern zu Hause bleiben und ihre in Quarantäne befindlichen Kleinkinder betreuen können.
 
„Mit Kind von Zuhause arbeiten ist nicht möglich“
 
Bei Tina Garms waren seit Weihnachten immer entweder ein oder sogar beide Kinder zu Hause, weil sie entweder selbst krank oder in Quarantäne waren oder die Kita-Gruppe geschlossen war. Da Tinas Mann selbstständig ist und seine Arbeit nicht wegdelegieren kann und die Großeltern vor einer Coronainfektion geschützt werden sollten, blieb die sogenannte Care-Arbeit an der Mutter hängen. Und Tina Garms hat das getan, was die meisten anderen Mütter in dieser Situation auch tun: Sie hat in den vergangenen Wochen versucht, ihre beiden Jobs zu Hause unter einen Hut zu bringen.
„Effektives Arbeiten mit Kleinkind im Haus ist aber so gut wie nicht möglich“, sagt Tina Garms. „Mama, ich hab Durst, ich hab Hunger, mir ist kalt, ich muss mal, mir ist langweilig. Weißt du, was ich jetzt machen kann?“ tönte es kontinuierlich zu ihr an den Schreibtisch, während das Haus um sie herum im Chaos voller Spielzeugberge versank. Da halfen oft nur Tablet oder Fernseher, um mal eine Stunde Ruhe zu haben. Pädagogisch wertvoll sei natürlich etwas anderes. „Ich habe mich auch immer wieder dabei ertappt, dass ich genervt reagiert habe und manchmal auch laut geworden bin, wofür ich mich hinterher entschuldigt habe. Das Nervenkostüm ist sehr stark strapaziert, das trübe Wetter tat sein Übriges“, so die Mutter.
Sie habe das Gefühl gehabt, niemandem gerecht zu werden - weder den Kindern, noch dem Job, geschweige denn sich selbst.Um dem ganzen „Terror“ aus dem Weg zu gehen, habe sie letztendlich oft abends gearbeitet, wenn die Kinder im Bett waren.
 
Psychische Belastung von Müttern im Homeoffice
 
Diese Probleme vieler berufstätiger Mütter kennt Diplom-Psychologin Birgit Langebartels nur zu gut. Sie ist Autorin und Leiterin von Kids & Family Research beim Kölner Markt- und Medienforschungsinstitut rheingold, wo sie zu den Schwerpunkten Frauen, Kinder und Familie, Kultur und Gesellschaft forscht. Sie ist zudem Gründerin der psychologisch-medizinischen Beratungsfirma mediccoach, Mutter von drei Söhnen und hat gerade auf Einladung des Verbands berufstätiger Mütter einen Vortrag über die psychische Belastung berufstätiger Mütter im Homeoffice gehalten.
Um zu verstehen, warum gerade Mütter so stark belastet seien, müsse man sich zunächst unsere Kultur genauer anschauen, sagt Langebartels. Die „Working Mum“ von heute lebe in der Vorstellung, alles zu können, setze sich selbst stark unter Druck und gerate aus einem Perfektionsanspruch heraus in eine „besinnungslose Betriebsamkeit“, um in eine konstante Überforderung zu steuern.
 
Ohnmächtig, zerrissen und permanent bewertet
 
Insbesondere unter Müttern gebe es ständige „battles“ - also Kämpfe - um den besten Kindergeburtstagskuchen, den leckersten und gesündesten Brotdoseninhalt sowie den ständigen Kampf zwischen vermeintlichen Glucken- und Rabenmüttern, sagt Langebartels und nennt das Ganze einen „hausgemachten Wahnsinn“.
Und auf diesen Eisberg, in dem die Mutter als Alleskönnerin mit Allmachtsanspruch zwischen Idealvorstellung und Alltag sich oft ohnmächtig, zerrissen sowie permanent beobachtet und bewertet fühle, hätte dann noch die Corona-Pandemie dem ganzen die Spitze aufgesetzt.
Und hätten viele berufstätige Mütter anfangs noch geglaubt, im Homeoffice selbstbestimmt arbeiten zu können, seien sie schnell eines Besseren belehrt worden. Weil es Zuhause eben keine Abgrenzung zwischen „Home“ und „Office“ gebe, das Kind ständig präsent sei, es an der Tür klingele und zwischendurch das Mittagessen gekocht werden müsse, werde die Mutter in dem Moment weder ihrem Job als Mutter noch ihrem Beruf gerecht. Zudem fehle zu Hause der Kontakt zu Mitarbeitenden, der Arbeitsweg - also das Wegfahren von Zuhause - und die Büroatmosphäre. Alles Dinge, die wichtig seien, um sich mit seinem Job zu identifizieren, sagt Langebartels.
Wer also im Homeoffice sei, erlebe oft einen Sinnverlust und fühle sich einsam und nicht mehr richtig wahrgenommen. Nur um dann womöglich auch noch von Vorgesetzten oder Mitarbeitenden vermittelt zu bekommen, man genieße doch gerade eine entspannte Zeit zu Hause und solle sich mal nicht beschweren.
 
Raus aus dem Alles-oder-Nichts-Prinzip
 
Die Diplom-Psychologin rät Betroffenen, mutig aus dem „Alles-oder-Nichts-Prinzip“ auszubrechen, Prioritäten zu setzen und zuzugestehen, dass nicht jeder Job immer sofort erledigt werden könne. Vor allem Zuhause müssten Mütter lernen, nicht nur Arbeit, sondern auch Verantwortung abzugeben. „Also den Partner nicht nur einkaufen schicken, sondern ihn auch die Liste machen lassen“, so Langebartels.
Um psychisch fit zu bleiben, spiele vor allem die Selbstfürsorge eine große Rolle. Und wir alle sollten - auch vor dem Hintergrund der Pandemie - wohlwollender auf uns und andere blicken.
 
Etablierte patriarchale Strukturen
 
Yvonne Bovermann, Geschäftsführerin des Müttergenesungswerks, sieht zudem die Politik in der Bringschuld. Dem Redaktionsnetzwerk Deutschland sagte sie, dass die Regierung die Care-Arbeit-Leistenden stärker in den Fokus nehmen müsse. Im Koalitionsvertrag kämen sowohl Mütter wie auch Väter und pflegende Angehörige nicht vor.
Bovermann kritisiert auch das Ehegattensplitting. Damit würden Frauen bestraft, wenn sie mehr arbeiteten. Männer hingegen fänden eine Arbeitskultur vor, in der weniger arbeiten oder früher nach Hause gehen überhaupt kein Thema sei. Es gebe nach wie vor sehr etablierte patriarchale Strukturen in Deutschland, so Bovermann.


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