

Landkreis Rotenburg. Im Landkreis Rotenburg haben nach Angaben der amtlichen Statistik rund 1.460 Kinder unter drei Jahren einen Kitaplatz. Die Betreuungsquote liegt damit knapp bei 35 Prozent. Nach einer Studie des Deutschen Jugendinstituts wünschen sich in Niedersachsen jedoch 53 Prozent der Eltern mit Kindern dieser Altersgruppe einen Betreuungsplatz. „Vor allem wenn Eltern arbeiten, müssen sie sich darauf verlassen können, dass ihre Kinder betreut werden“, sagt Steffen Lübbert von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG).
Die Gewerkschaft kritisiert die Pläne der Bundesregierung, bei den gesetzlichen Arbeitszeitgrenzen künftig stärker auf eine wöchentliche statt auf eine tägliche Höchstarbeitszeit zu setzen. Dadurch könnten an einzelnen Tagen deutlich längere Arbeitszeiten möglich werden. „Wenn der Chef demnächst aus einem Acht-Stunden-Tag einen Arbeitstag mit zehn oder zwölf Stunden am Stück machen kann, wird es für Familien nahezu unmöglich, ihren Alltag verlässlich zu planen“, so Lübbert. Kinder müssten weiterhin pünktlich aus der Betreuung abgeholt werden. Fehlende Planbarkeit könne daher auch die Berufstätigkeit der Eltern beeinträchtigen.
Auch pflegende Angehörige betroffen
Probleme sieht die NGG zudem für Beschäftigte, die Angehörige pflegen. Wer die Betreuung zu Hause beispielsweise mit einem Pflegedienst abstimmt, sei ebenfalls auf feste und verlässliche Arbeitszeiten angewiesen. Lange Arbeitstage erschweren es, Beruf und familiäre Verpflichtungen miteinander zu vereinbaren.
Nach Angaben der Gewerkschaft betrifft dies häufiger Frauen. Bei einer bundesweiten Beschäftigtenbefragung des Deutschen Gewerkschaftsbundes gaben 51 Prozent der Frauen an, sich zu Hause um Kinder, ältere Menschen oder andere Angehörige zu kümmern. Bei den Männern waren es 41 Prozent. Gut ein Fünftel der Beschäftigten habe bereits heute häufig Schwierigkeiten, Familie und Beruf zeitlich miteinander zu vereinbaren. Unter alleinerziehenden Frauen liege der Anteil laut NGG bei 42 Prozent.
Die Gewerkschaft befürchtet, dass eine stärkere Ausrichtung auf die Wochenarbeitszeit Arbeitstage von bis zu zwölf Stunden ermöglichen kann. Eine gesetzliche Wochenarbeitszeit von bis zu 48 Stunden und höheren Grenzen in bestimmten Ausnahmefällen würde nach Ansicht der NGG die Belastung vieler Familien weiter erhöhen.
Bessere Arbeitsbedingungen gefordert
Längere Arbeitstage seien auch keine Antwort auf den Arbeitskräftemangel, betont Lübbert. Im Gastgewerbe, im Lebensmittelhandwerk und in der Nahrungsmittelindustrie suchten zahlreiche Betriebe qualifiziertes Personal. „Den Arbeitskräftemangel lösen wir nicht durch längere Arbeitstage, sondern durch bessere Arbeitsbedingungen und mehr Kitaplätze“, erklärt der Gewerkschaftsgeschäftsführer.
Darüber hinaus verweist die NGG auf gesundheitliche Risiken. Nach Angaben der Gewerkschaft steigt das Unfallrisiko bei Arbeitszeiten von mehr als acht Stunden deutlich an. Bei zwölfstündigen Arbeitstagen sei es etwa doppelt so hoch wie bei einem regulären Acht-Stunden-Tag. Auch Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Burn-Out könnten durch dauerhaft lange Arbeitszeiten begünstigt werden.


