Ralf G. Poppe

Musikgeschichte aus Bremervörde

Prof. Peter Weihe arbeitete jahrelang als Gitarrist, Produzent und Komponist. Der gebürtige Bremervörder war als Studiogitarrist an mehreren tausend Produktionen mit diversen Gold- und Platinalben beteiligt. Viele seiner Produktionen entstanden bis zum Jahr 2000 sogar in Bremervörde.
Peter Weihe.

Peter Weihe.

Bild: Rgp

Bremervörde. Anlässlich eines Besuchs in seiner Heimatstadt bat die Redaktion den Ausnahmegitarristen auf einzelne Stationen seiner Karriere sowie Erinnerungen aus seiner Jugend zurückzublicken.

Lieber Peter, herzlich willkommen zurück in Bremervörde. Du bist hier aufgewachsen, hast bis zum Jahr 2000 hier gewohnt.

Eigentlich genau bis 2000 bis zur Jahreswende. Dann hatte ich hier eine Weile im Übergang noch mein Studio und habe parallel ein neues Studio gebaut. Seitdem wohne ich nicht mehr im Bremervörde, komme aber natürlich öfter mal und sehr gerne zurück.

 

Wenn ich mich zurückerinnere an meine eigene Kindheit in der Nähe von Bremervörde, da war hier in Sachen Musik doch kaum etwas zu bekommen. Oder?

Das stimmt. Aber Bremervörde hatte in meiner Jugend auch große Vorteile für mich. Es hatte eine überschaubare Sozialstruktur. Du kanntest eigentlich aus jeder Berufsgruppe Leute. Ich kannte viele Handwerker, kannte durch meinen Vater z. B. auch Ärzte, Apotheker und Pastoren. Das heißt, ich bekam einen ganz guten Überblick über die Sozialstruktur der Gesellschaft am Beispiel unserer Kleinstadt. Man hatte kurze Wege und kam mit dem Fahrrad überall hin. Und es gab immer Interessierte auf gleichem Gebiet, so dass man für seine Hobbys Freunde fand. Deswegen ein Lob der Kleinstadt mit so einer Struktur. Wir hatten zwar nicht den Zugang zu den großstädtischen Kulturangeboten, der Musikszene oder zu Instrumenten und gut ausgestatteten Proberäumen im Angebot, aber Bremervörde bot uns damals Vieles. Ich komme immer wieder sehr gerne hierher zurück.

 

Stimmt es, dass dich der Ex-Radio-Bremen-Jazzredakteur Peter Schulze im Alter von 14 Jahren entdeckt hat?

Ja, da war ich aber bereits etwas älter, ich war 15. Das war eine Wahnsinnserfahrung. Unser erster Schritt in ein großes Tonstudio. Ich bin aber sehr froh, dass Peter die Bänder der ersten Aufnahmen unserer Schülerband Dusty Queen´, die damals im Studio des großen Sendesaals von Radio Bremen gemacht wurden, nicht später mal veröffentlicht hat.

 

Wie bist du zur Musik gekommen?

Es gab damals noch keine Musik-Zeitschriften. Das war abenteuerlich, aber irgendwie hat man dann doch irgendwo einen Zipfel erwischt. Mein großes Interesse an Musik kam sicherlich aus meiner Familie. Es ging für mich damit los, dass bis auf meinen Bruder Michael eigentlich meine gesamte Familie Musik machte. Mein Onkel war Professor für Geige und einer der Konzertmeister der Deutschen Oper in Berlin. Meine beiden Schwestern Sigrid und Charlotte spielten Klavier und meine Mutter auch. Mein Vater spielte auch Geige. Ich bekam dann im Alter von 10 Jahren Klavierunterricht, was finanziell gar nicht so einfach war, weil mein Vater gestorben war, als ich fünfeinhalb Jahre alt war, noch bevor ich eingeschult wurde. Meine Klavierlehrerin war sehr gut. Sie war unsere Klassenlehrerin und eine studierte Konzertpianistin. Es ging auch gut, bis sie irgendwann merkte, dass ich eigentlich gar nicht nach Noten übte, sondern immer meine Schwester Charlotte bat, mir die Stücke vorzuspielen, die ich dann meistens sehr schnell nachspielen konnte. Ich habe dann die Wandergitarre meiner Schwester Sigrid für mich entdeckt. Ich weiß nicht, ob und wie die überhaupt gestimmt war. Ich weiß nur, dass ich es irgendwie schnell hinbekam, darauf ein Volkslied zu spielen. Daraufhin habe ich sofort Feuer gefangen und wollte alles über das Gitarrenspiel wissen. Ich fand aber tatsächlich in Bremervörde keinen Zugang zu einem Lehrer oder zu den ersehnten Infos. Aber mein Freund Wulf-Otto, genannt Büdi, zum Felde, Sohn des Oberkreisdirektors, hatte eine Gitarre. Sein Bruder, Harm-Peter konnte darauf ein Rock‘n‘Roll-Riff spielen. Das hat mir unglaublich imponiert und ich habe es mir genau von ihm abgeguckt. Da das mechanisch eigentlich sehr einfach war, war das mein Einstieg in den Rock’n‘Roll. Dann habe ich mir die ersten einfachen Akkorde herausgefummelt und das war mein Einstieg.

 

Einer deiner Inspirationen war Jack Bruce. Richtig?

Ja, ich war und bin ein großer Fan seiner legendären Band Cream mit Eric Clapton. Dank Jack Bruce habe ich einmal eine wirklich abenteuerliche Reise erlebt. Wir waren im Studio in München, als ich einen Anruf bekam: `Du musst sofort kommen. Die brauchen hier Gitarren für eine Jack Bruce-Produktion, weil sie mit den Gitarrenspuren nicht zufrieden sind´. Da bekam ich natürlich große Ohren, war aber sehr müde und hatte eigentlich abends zurück nach Hause fliegen wollen. Aber diese einmalige Chance durfte ich mir nicht entgehen lassen. Im Studio traf ich Jack Bruce und auch den Texter von Cream, Pete Brown. Jack machte wieder die Musik mit den großen Rock-Blues-Riffs, wie ich sie von Cream so liebte und er sang auch wieder in dem Stil. Da bekam ich sofort eine Gänsehaut. Eric und Jack waren für uns großen Vorbilder, die uns inspiriert haben und von denen wir gelernt haben.

 

Hast Du schon in der Zeit, als Du anfingst Gitarre zu spielen, Musik von Jack Bruce gehört?

Das kam etwas später. Es gab einen weiteren sehr guten Gitarristen in Bremervörde, der später auch professioneller Gitarrist und Lehrer wurde - Jan Krönke. Jan spielte in der anderen Schülerband aus Bremervörde. Wir haben uns gegenseitig Griffe gezeigt. Er war ein bisschen älter als ich und kannte schon zwei Akkorde mehr.

 

Wie ist es zu dem legendären Tag gekommen, als du von Bremervörde den Weg nach Stade auf dich genommen hast?

Der Weg nach Stade war ganz einfach. Den Anstoß gab mein guter Freund Norbert Nowka, der als reiner Musikfan und Kenner in bestimmten Schlüsselsituationen für mich wegweisend war. Und zwar interessierte sich Norbert damals als Jugendlicher für den Kommunistischen Bund Westdeutschlands. Und in Stade gab es eine Wohngemeinschaft, in der Jemand wohnte, der Mitglied im Kommunistischen Bund Westdeutschlands war. Der war aber auch Pianist. Ich habe mich überreden lassen, mitzukommen, und hatte, glaube ich, meine Gitarre dabei. Ich war damals 16. Das Tolle für mich war, dass dort der Pianist Bernd Freydank wohnte. Bernd studierte klassisches Klavier, spielte aber auch sehr gut Rock und Pop auf der Hammond-Orgel. An dem Tag war zufällig noch ein weiterer Pianist im Haus, Claus-Robert Kruse, der mit seiner Band Cops & Robbers schon im Star Club gespielt hatte. Claus-Robert studierte ebenfalls Klassik. Mit beiden kam ich ins Gespräch und habe mit ihnen improvisiert. Es wohnten aber noch weitere Musiker in dem Haus. Der Bassist und Sänger Rolf Köhler war an dem Tag vermutlich nur zu Besuch dort. Rolf war der Sänger, der später die prägnanteste Stimme zu den Chören von Modern Talking beisteuern sollte. Aus diesem Tag, an dem ich diese Musiker kennengelernt habe, sind drei Bands entstanden, die für mich sehr wichtig wurden. Zuerst eine Fusion Band, mit der wir bald viel gespielt haben.

 

Die Band To Be?

Ja, aber die Gruppe hieß damals noch anders. Der Percussionist von James Last, Christian Manfred `Lemmie´ Lembrecht spielte Schlagzeug. Claus-Robert Kruse, der Pianist, spielte Klavier. Rolf Köhler spielte Bass und ich Gitarre. Kurze Zeit später regte Claus-Robert an, eine Jazz-Rock-Band zu gründen. Da waren wieder Lemmi, Claus-Robert, Rolf Köhler, Peter Franken und Lorenz `Lonzo´ Westphal, der Teufelsgeiger von Eppendorf, dabei. Dadurch ergab sich mein erster Kontakt in die Hamburger Szene. Damit ist die Band To Be entstanden. Später gründete Claus-Robert Kruse die Jazz-Rockband Känguru mit meinem Freund Anselm Kluge, mit dem ich ab 1982 über 39 Jahre lang Professor an der Hamburger Hochschule war und mit dem ich immer noch befreundet bin. Alles ist durch die Begegnungen an diesem einen Tag entstanden. Rolf Köhler, der damals bei den New Comix spielte, hatte dann die Idee, mit dem Bassisten der damaligen Band Golden Chains, Heiko Effertz, eine neue Top-Fourty-Coverband zu gründen, die wir Kentucky nannten. Da habe ich dann auch mitgespielt.

Den zweiten Teil des Interviews finden Sie in einer der kommenden Ausgaben.


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