Lena Stehr

Jedes fünfte Kind ist von Armut bedroht

Obwohl Deutschland zu einem der reichsten Industrieländer der Welt zählt, wachsen insgesamt rund 2,8 Mio. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Armut auf.

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Als armutsgefährdet gilt in Deutschland, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens zur Verfügung hat. Bei der Berechnung wird das gesamte Haushaltsnetto einbezogen, also neben Lohn, Rente und Arbeitslosengeld etwa auch Wohn- und Kinder­geld. Als Alleinerziehende/r mit einem Kind unter 14 Jahren liegt die Grenze bei 1.492 Euro, bei einer vierköpfigen Familie liegt die Armutsgrenze bei 1.926 Euro netto im Monat. Wer weniger zur Verfügung hat, kann womöglich seine Kinder nicht zum Geburtstag von Freundinnen schicken, weil das Geld für ein Geschenk fehlt, spart an gesundem Essen oder kann mit den Kindern nicht ins Konzert oder Theater gehen.

Mit dem Thema Kinderarmut beschäftigt sich auch die jetzt vorgelegte Handlungsorientierte Sozialberichterstattung (HSBN) des Sozialministeriums sowie der dazugehörige Anlagenbericht der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in Niedersachsen.

 

Kinderarmut als ungelöstes strukturelles Problem

 

Kinderarmut sei kein neues, sondern vielmehr ein strukturelles und immer noch ungelöstes Problem, das zu wenig Beachtung finde, so Sozialministerin Daniela Behrens.

Der HSBN-Bericht zeige, wie wichtig es sei, Kindern und Jugendlichen - unabhängig der finanziellen Leistungsfähigkeit des Elternhauses - gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Das staatliche Handeln reiche hier von der Eröffnung von Bildungschancen bis zu Gestaltungsmöglichkeiten im Freizeitbereich. Besonders Alleinerziehende müssten in ihren Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie weiter gestärkt werden, so Behrens weiter. Denn nach wie vor weisen alleinerziehende Frauen ein doppelt so hohes Armutsrisiko auf, wie der Durchschnitt der Bevölkerung.

Auch in der Elbe-Weser-Region ist Kinderarmut ein Thema, je nach Region stärker oder schwächer ausgeprägt, sagt Joachim Schuch, Leiter des SOS-Kinderdorfs Worpswede. Besonders in ländlichen Regionen sei es für Kinder aus einkommensschwächeren Familien oft schwer, Teilhabeangebote wahrzunehmen, weil diese sich auf die größeren Zentren konzentrierten.

 

Gutes Schul- und Kitaessen für alle

 

Einen weiteren wichtigen Faktor im Kampf gegen Armut sieht Schuch im Bildungserfolg. Es spiele leider eine große Rolle, auf welche Schule man gehe. „Ist die Schule völlig abgerockt und hat nur wenig oder gar keine guten Ganztagsangebote, werden manche Kinder schneller abgehängt als auf Schulen, die modern ausgestattet sind und zum Beispiel auch gutes Essen anbieten, dass sich auch alle leisten können“, sagt Schuch.

Da für ihn das Problem schon bei der selbst mitgebrachten Brotdose anfange, die je nach Elternhaus besser oder schlechter gefüllt sei, fordert Schuch, dass insgesamt mehr Wert auf gutes Schul- und Kitaessen gelegt werde. Die Bezahlung dürfe dabei nicht von den Eltern abhängen. Zudem sollte die Teilhabe an Sport- und Freizeitangeboten für alle gegeben sein.

 

Teilhabeprojekt in Bremervörde startet

 

In Bremervörde startet gerade ein Kooperationsprojekt für mehr Teilhabe insbesondere von Kindern aus einkommensschwachen Familien. Unter dem Motto „Starke Kids - geben Gas“ können Kinder über einen Zeitraum von mehreren Monaten kostenlos verschiedene Sport-, Tanz-, Chor-, Foto-, Kunst- und Bewegungsangebote wahrnehmen. Ein großes Problem sei grundsätzlich immer, die Betroffenen zu erreichen, damit sie auch von den Angeboten profitieren können, sagt Andreas von Glahn, Vorsitzender des Tandem-Vereins und Mit-Initiator des Projektes. In Bremervörde funktioniere das über die Ausgabestelle der Tafel aber ganz gut. Derzeit würden rund 200 Kinder mit ihren Familien von der Tafel mitversorgt.

Genau wie Ministerin Behrens und Joachim Schuch spricht sich auch Andreas von Glahn für die im Koalitionsvertrag der Bundesregierung vereinbarte Einführung einer Kindergrundsicherung aus, damit Familien aus der Bittstellerschaft herauskämen.


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