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Ralf G. Poppe

Erinnerung an den Todesmarsch

Mit insgesamt 13 Stelen macht das Projekt „Todesmarsch Farge – Sandbostel“ die einstige Marschroute der KZ-Häftlinge sichtbar.

Bremervörde. Kürzlich wurde auf dem Bahnhofsvorplatz in Bremervörde ein Mahnmal in Form einer weißen Stele errichtet. Eingeweiht wurde das Denkmal auf den Tag genau 78 Jahre nach dem sogenannten „Todesmarsch“ von Bremen-Farge in Richtung Neuengamme mit einem vorläufigen Ziel in Bremervörde.

Nach einer Begrüßung durch Bremervördes Bürgermeister Michael Hannebacher fasste Christoph Nagel, seit dem 1. April Leiter der neu geschaffenen Position in der Unternehmenskommunikation der EVB Elbe-Weser GmbH (stellvertretend für den Geschäftsführer Christoph Grimm), den Anlass in die passenden Worte. Und damit sprach er vielen der Besuchenden aus dem Herzen.

 

Erinnerung wach halten

 

Trotz eines abgeschlossenem Geschichtsstudiums ging es ihm wie vermutlich vielen Menschen. Er sei überrascht gewesen. „Ich las mich auf der Website der Gedenkstätte Lager Sandbostel ein und erfuhr von den KZ-Häftlingen und ihrem Todesmarsch von Farge bis Bremervörde und Sandbostel, von ihrer Ankunft am 13. April 1945, von den Zügen, die all jene, die noch als `marschfähig´ eingestuft wurden, weiterbrachten in Richtung des KZ Neuengamme bei Hamburg“, so Nagel. Am Bahnhof Bremervörde, damals ein Teil der Bremervörde-Osterholzer Eisenbahn (BOE), eines Vorgängerunternehmens der heutigen Elbe-Weser Verkehrsbetriebe GmbH (EVB) blickte Nagel auf die Geschichte seines Arbeitgebers und jener der Ostestadt zurück.

Vieles sei ihm vorher so noch nicht bewusst gewesen. Damit traf er genau den Punkt, warum der Tag der Einweihung bzw. die einzuweihende Stele besonders wichtig sind. Nagel war sich sicher, dass es vielen Leuten so gehe wie ihm, und dass es daher umso wichtiger sei, die Erinnerung wach zu halten.

„Der heutige Tag verbindet uns mit der Vergangenheit – mit einer Zeit, die so mancher lieber vergessen würde, die wir aber niemals vergessen dürfen“, führte der Kommunikationsleiter weiter aus. In Zeiten von Hightech und künstlicher Intelligenz würde immer wieder die Frage gestellt, was Menschen denn zu Menschen mache. Dabei falle immer wieder ein wichtiges Wort – Bewusstsein. Das Bewusstsein um die eigene Existenz, um die eigenen Fertigkeiten und Grenzen, um die eigene Vergangenheit. Alles Bewusstsein um menschliche Potenziale wäre jedoch nicht vollständig, wüssten die Menschen nicht auch über die Kehrseite Bescheid: „Denn zu was Menschen fähig sind, daran erinnert auch diese Stele.“ Es läge an nun an allen Menschen, zu bestimmen, welche Seite der menschlichen Fähigkeiten den Weg in die Zukunft prägen sollten.

Lange Jahre bestand z.B. in den offiziellen Kreisen Bremervördes die Auffassung, dass es keinerlei Verbindungen der Ostestadt zu den Ereignissen im Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlager (Stalag) X B in Sandbostel geben würde. Infolgedessen fiel die Unterstützung für diejenigen, die die Ereignisse aufarbeiten wollten, lange Zeit mehr als gering aus. Das ist inzwischen anders. Die Politik aus Bremervörde war u.a. durch Mitglieder der SPD, FDP, der Grünen sowie der Bunten Liste gut vertreten. Und so lauschten alle Politiker:innen und Gäste anschließend den Ausführungen des Historikers und Oberstudienrats Dr. Lars Hellwinkel von der Stiftung Lager Sandbostel, bzw. vom Gymnasium Athenaeum in Stade, der die Geschehnisse historisch einordnete.

 

Der „Todesmarsch“

 

Im April 1945, nur wenige Wochen vor dem Kriegsende, wurden vor dem Hintergrund des Vormarsches von alliierten Truppen die Außenlager des Konzentrationslager Neuengamme in Wilhelmshaven und Meppen sowie die Außenlager im Bremer Stadtgebiet von der SS geräumt und in das Außenlager Farge zurückgezogen. Das Ziel war der Abtransport der Häftlinge in das Stammlager Neuengamme. Am 10. April 1945 traten die KZ-Häftlinge einen Todesmarsch an, der sie über Schwanewede, Meyenburg, Uthlede nach Hagen im Bremischen führte. Nach einer Übernachtung in der dortigen Ziegelei trieb die SS die geschwächten KZ-Häftlinge ohne Versorgung durch Dörfer und Städte. Am nächsten Tag durchquerte der Transport Bramstedt und Bokel. Nach einem Halt in Stubben wurden Verwundete und Kranke in einen Zug zu verladen. Dann ging der Marsch über Beverstedt bis Kirchwistedt weiter, wo die Häftlinge auf einem Bauernhof übernachteten. Tags darauf marschierten die Häftlinge über Volkmarst bis nach Barchel, wo sie in einer Scheune abseits der Hauptstraße übernachten mussten.

Am 13. April erreichte die Kolonne Bremervörde. Hier wurden die Häftlinge am Bahnhof in einen Zug verladen, der sie über Stade nach Winsen (Luhe) brachte. Anschließend mussten die Häftlinge ihren vorgeschriebenen Weg zur Elbe zu Fuß fortsetzen, um anschließend mit der Fähre nach Neuengamme übergesetzt zu werden. Kranke und nicht mehr marschfähige Häftlinge waren bereits in das KZ-Auffanglager in Sandbostel gebracht worden. Nach zwei Tagen im Konzentrationslager Neuengamme wurden die Überlebenden des Todesmarsches aus Farge mit der Bahn nach Lübeck transportiert, und auf das Schiff „Cap Arcona“ verladen. Bei dessen Untergang in der Neustädter Bucht starben die meisten von ihnen.

 

Gemeinschaftsprojekt

 

Obwohl die Todesmärsche seinerzeit für die Bevölkerung gut sichtbar gewesen waren, erinnerte bislang kaum etwas an die tragischen Ereignisse. Mit insgesamt 13 Stelen brachte das Projekt „Todesmarsch Farge – Sandbostel“ die einstige Marschroute nun in die Erinnerung zurück. Realisiert wurde das Projekt durch eine Finanzierung des niedersächsischen Kultusministeriums im Rahmen des Förderprogramms „75 Jahre Demokratie in Niedersachsen. Alles klar!?“.

Gemeinsam mit der Berufsschule Osterholz-Scharmbeck, UNESCO-Projektschule, sowie den Waldschulen Schwanewede und Hagen-Beverstedt und der Oberschule Geestequelle in Oerel konnte das Projekt schließlich umgesetzt werden. Zum Abschluss der circa 30-minütigen „Gedenkstunde“ legten Vertreter der Gedenkstätte Sandbostel Kränze an der Stele nieder.

Für Hellwinkel ist die Aktion indes noch nicht abgeschlossen. Er hofft, dass auch an den „Todesmarsch-Stationen“ in Volkmarst und Barchel noch Stelen aufgestellt werden können.


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