Ralf G. Poppe

Erfindergeist und Freundschaft

Mit Wilfried Thomas verliert Bremervörde einen Unternehmer, Erfinder und Förderer, dessen Lebenswerk vom Lattenrost bis zur Kinder-Reha weltweit Spuren hinterlassen hat.
Marianne und Wilfried Thomas im Jahr 2019.

Marianne und Wilfried Thomas im Jahr 2019.

Bild: Rgp

Bremervörde. Am Freitag, 17. Juli, ist Wilfried Thomas im Alter von 88 Jahren verstorben. Mit ihm verliert nicht nur seine Familie den Ehemann, Vater, Großvater und Urgroßvater, sondern die Stadt Bremervörde zudem eine sehr bedeutende Persönlichkeit, die stets die Menschen und die Kultur unterstützte. Der von ihm gegründete Firmenverbund, heute Thomas Holding, versorgt weltweit Menschen mit Produkten, die dem Wohlbefinden und der Gesundheit zuträglich sind.

Wilfried Thomas zu Ehren erinnert der Anzeiger an ein ausführliches Gespräch aus dem Jahr 2019, in dem der Verstorbene sein Leben Revue passieren ließ.

 

Die Werkstatt

Wilfried Thomas wurde am 13. Oktober 1937 in Bremervörde geboren – zwei Jahre nachdem sich Vater Karl als Tischler selbstständig gemacht hatte. Dieses Unternehmen musste 1939 geschlossen werden, da Karl zum Wehrdienst in den Zweiten Weltkrieg einberufen wurde. Sohn Wilfried zog mit Mutter Anneliese sowie den Großeltern nach Harsefeld. Als der Senior 1945 aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, wurde die Firma neu aufgebaut. Zu der Zeit lebte die Familie in der Stader Straße 4. Die Tischlerei befand sich im selben Haus. Dann unterbreitete Nachbar August Deister der Familie Thomas das Angebot, ihnen seine Ländereien zu verkaufen. Bedingung sei, dass die Werkstatt innerhalb von zwei Jahren an den neuen Standort umsiedeln müsse. Arbeit gab es genug, nur fehlte es überall an Material. „Damals gab es auf dem Bremervörder Marktplatz eine Volksküche für Schulspeisungen. Die Küche war in sogenannten Arbeitsdienstbaracken untergebracht. Die Baracken waren acht Meter breit. Man konnte sie auf- und wieder abbauen. Als die Menschen etwas wohlhabender wurden, war die Schulspeisung vorbei. Mein Vater hat die Baracken dann ‚auf Abbruch‘ von der Stadt Bremervörde übergeben bekommen. Das heißt, er musste die Baracken abbrechen, musste jedoch nichts für das Material bezahlen. Diese Baracken haben wir auf dem von August Deister erworbenen neuen Betriebsgelände aufgebaut. Dann kam die Tischlerei hinein. Und wie es damals so war, wurde hier und dort stetig wieder etwas angebaut“, erinnerte sich Wilfried Thomas. Die erste „richtige“ Halle für die Serienproduktion wurde erst 1969 erbaut.

 

Das Studium

Wie mit den ständigen Anbauten, so war es auch mit der Berufswahl von Wilfried Thomas. Es wurde nie darüber diskutiert und beim Vater eine Lehre als Tischler absolviert. Nach der erfolgreichen Ausbildung verließ der junge Tischler Bremervörde 1957, um in der Schweiz bei der Familie Stegemann ein Jahr in der Polstermöbelfabrik zu arbeiten. Nach seiner Rückkehr lernte Thomas 1958 auf der Maskerade des TSV Bremervörde seine zukünftige Ehefrau Marianne kennen. Trotzdem hospitierte er noch in Finnland in drei Holzbearbeitungsfirmen in Lahti und Tampere. Ab dem 1. Januar 1959 hat er den Wehrdienst bei den Panzergrenadieren in Lüneburg absolviert. Dem folgte nach bestandener Aufnahmeprüfung der „Technikerschule“ in Hildesheim nach vier Semestern das Examen als Holztechniker (Meisterprüfung).

 

Die Erfindung des Lattenrosts

Die ursprüngliche Geschichte von Lattoflex begann parallel, gegen Ende der 50er Jahre, als Wilfried Thomas in der Schweiz Thomas Hugo Degen kennenlernte. Um Ehefrau Else von nächtlichen Rückenschmerzen zu kurieren, experimentierte Degen mit gebogenen Holzleisten, die er unter die Matratze legte. „Ich war bei Degen zu Besuch, fragte, wie es seiner Frau ginge. Das war der Punkt, an dem die Idee kam. Ich sagte, wenn ich mir das richtig überlege, kommt jetzt die Zeit, in der die Menschen weniger körperlich arbeiten müssen. Die sitzende Tätigkeit wird zunehmen. Dann werden auch diese Probleme zunehmen. Dazu kam noch das unglaubliche Glück, einen Freund zu haben, dem ich unglaublich viel zu verdanken habe – Herrn Dr. Neumeyer. Er brachte mir dann die Idee. Daraus entstand ‚Lattoflex – Rückenschmerzen müssen nicht sein‘“, so Thomas.

Nach neuen medizinischen Erkenntnissen wurden Ärzte, Mediziner und Orthopäden hellhörig. Sie bestätigten, dass die menschliche Wirbelsäule beweglich gelagert werden sollte. Der kommerzielle Durchbruch gelang zum Ende der 1960er Jahre. Lattoflex erlebte in den 1970er Jahren ein goldenes Zeitalter. Parallel zum Aufstieg von Lattoflex entstand daneben die Firma Thomashilfen.

 

Thomashilfen

Als die Mutter und Ehefrau Anneliese erkrankte, habe Vater Karl sich um sie gekümmert. Zu der Zeit gab es im Betrieb eine kleine Werkstatt, in der man schweißen konnte. „Dort haben wir für meine Mutter Teile angefertigt, damit sie sich möglichst lang allein in der Wohnung bewegen konnte“, erklärte Thomas. Anneliese Thomas starb am 2. Oktober 1968. „Als Dr. Neumeyer zur Beerdigung kam, fragte er, was wir denn da wohl machen würden. Ich erwiderte, dass wir die Sachen, die wir nun nicht mehr gebrauchen, wegwerfen würden. Neumeyer war dagegen. ‚Was meint ihr, wie viele Orts-Krankenschwestern sich über derartige Sachen freuen.‘ Ich erwiderte, Lattoflex erst einmal so zum Laufen bringen zu wollen, damit wir wieder Geld verdienen. Doch Neumeyer ließ nicht locker. Irgendwann willigte ich, unter der Bedingung ein, dass er uns unterstützt.“

Die Firma „Thomashilfen für kranke und behinderte Menschen“ entstand. „Anschließend haben wir in Deutschland den Reha-Markt (mit) aufgebaut. Nach und nach ist fortwährend mehr entstanden. Wir waren zum Beispiel die ersten, die in Deutschland einen Rollator gefertigt haben. Kein Mensch wollte ihn haben – heute laufen viele Menschen damit herum. In Skandinavien verkauften wir dagegen gut. Doch die Deutschen mochten mit so etwas nicht auf die Straße gehen.“ Die Firma Thomashilfen aus Bremervörde hat sich dann derartig spezialisiert, dass sie die Nummer eins in der Kinder-Reha wurde. Heute führt Sohn Boris Thomas die Unternehmungen der Thomas Holding gemeinsam mit den jüngeren Geschwistern Gunnar und Pirka in der dritten Generation.


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