Ambivalenz als Prinzip
Der Beruf des Detektivs und der des Psychotherapeuten liegen nahe beieinander. Zumindest wenn der Therapeut kein Verhaltenstherapeut ist, sondern Psychoanalytiker. Der eine fahndet nach einem Täter und einem Motiv, ermittelt und stellt Verbindungen her. Der andere untersucht Motivationen, Projektionen und Traumata. Für den einen ist das Verbrechen der Fall, für den anderen der Patient. Beide versuchen in freischwebender Aufmerksamkeit, den Fall zu lösen.
Im Kino vermischen sich hin und wieder beide Professionen. In „Paris Murder Mystery“, dessen unspektakulärer französischer Titel „Vie privée“ („Privatsphäre“) auf unbestimmte Weise besser passt, beginnt die Analytikerin Lilian Steiner (Jodie Foster inmitten eines Ensembles einiger Großschauspielerinnen und -schauspieler des französischen Kinos) sich in die Idee hineinzusteigern, ihre verstorbene Patientin Paula (Virginie Efira) sei ermordet worden, und zwar von ihrem, Paulas, Ehemann (Mathieu Amalric). Es spricht einiges dafür, und was einen misstrauisch werden lässt, ist weniger eine zu schmale Indizienlage als die Art und Weise, in der Lilian sich in den Fall hineinsteigert. Projektion, Übertragung, eigenes Unaufgelöstes: Im Blick der Kamera wird die Psychoanalytikerin, von Foster mit einer unterkühlten, aber maximal angespannten Intensität gespielt, mehr und mehr selbst zum Objekt eines analytischen Blicks, dem des Zuschauers nämlich.
Hypnose oder Analyse
Die Antwort auf die Frage, ob überhaupt ein Verbrechen stattgefunden hat, und wenn ja, ob der verdächtige Ehemann irgendwas damit zu tun hat, hängt davon ab, wie der Zustand der Ermittlerin/Analytikerin verfasst ist. Das ist die Ausgangslage, von der ausgehend „Paris Murder Mystery“ eine Menge Spaß mit der Geschichte und Gegenwart der Psychoanalyse hat. Gleich zu Anfang stürmt ein Patient in Lilians Praxis, der sein in seinen Augen zentrales Problem, nicht mit dem Rauchen aufhören zu können, auch nach jahrelanger Behandlung (und mehreren Tausend Euro Behandlungsgebühr) nicht beheben konnte. Aber eine halbe Stunde Hypnose (für 50 Euro) hat gereicht. Der Zorn ist groß, Lilian deutet die Aggression gegenüber ihr als Therapeutin als Symptom und rauscht, angetrieben auch von einer leisen, aber schwer zu übersehenden berufsbedingten Überheblichkeit, zur Trauerfeier für ihre verstorbene Patientin.
Ambivalenz als Prinzip
Da fliegt sie dann auch gleich wieder raus und entwickelt ein natürlich sehr sprechendes Symptom: Lilian laufen die Tränen, ohne dass sie weinen würde. In der einzigen etwas unplausiblen Volte versucht sie, die Tränen bei der Hypnotiseurin ihres ehemaligen Patienten in den Griff zu bekommen. Unter Hypnose träumt Lilian einen Traum, der ihre eigene Involviertheit in den Fall in Szene setzt. Die Tränen versiegen, auch hier ist die Hypnose effektiver als die Analyse, und von da an hebt „Paris Murder Mystery“ dann ab. Das Prinzip, um das sich die gesamte Erzählung dreht, ist die Ambivalenz. Die Dinge lassen sich nicht klar zu einer Seite hin auflösen, weil es keine eindeutige Außenperspektive gibt, auch nicht für die Analytikerin. Innere Konflikte und Unaufgelöstes aller Art bestimmen die Wahrnehmung. Lilian durchlebt selbst eine Art Analyse, die sie sozusagen in Echtzeit, als Analytikerin ihrer selbst, nicht durchführen, sondern ausagieren muss. Als ihr Ex-Mann (Daniel Auteuil, ebenfalls eine der vielen Unaufgelöstheiten in dieser Geschichte) sie relativ erstaunt fragt, ob sie wirklich die Mülltonne des von ihr verdächtigen Ehemanns durchsucht habe, antwortet Lilian sehr selbstverständlich: Natürlich, das sei doch ihr Beruf.
Freud, der Drehbuchautor
Die Witze, die der Film über die Psychoanalyse macht, sind recht zahlreich, aber nie hämisch. Die Struktur des Falls und die Erzählung sind selbst psychoanalytisch gedacht, ohne Freud und die auf ihn aufbauende Tradition hätte man dieses Drehbuch (wie eigentlich alle Drehbücher des Genrekinos in amerikanischer Filmtradition) gar nicht schreiben können. Die Tradition des unverhohlenen psychoanalytischen Genrefilms schwingt im ganzen Film mit: die Traumdeutungen in Alfred Hitchcocks „Spellbound“, der Hypnose-versus-Psychoanalyse-Plot aus Otto Premingers „Whirlpool“, der freie Umgang mit psychoanalytischen Motiven, den man zum Beispiel in dem heute fast vergessenen Therapiedrama „The Three Faces of Eve“ findet, schließlich, ein filmhistorischer Sprung nach vorne, die Verkehrung des Detektivs in den Patienten in „Shutter Island“.
Die Regisseurin Rebecca Zlotowski hat alles das in „Paris Murder Mystery“ aufgenommen, nicht als direkte Zitate, sondern in Form einer freudianisch informierten Perspektive auf die eigenen Figuren und damit auf die eigene Geschichte. Der Kriminalfall tritt in den Hintergrund gegenüber den Figuren, die sich allesamt so zeigen, als würden sie Zuschauerin und Zuschauer ihre Konflikte, Ambivalenzen, Projektionen und kompensatorischen Neurosen präsentieren. Dass das alles nicht im bedeutungsvollen Ernst versackt, liegt zum einen an dem wirklich großartigen Ensemble und zum anderen an der schwebend leichten Inszenierung von Rebecca Zlotowski. Einer der besten Filme über Psychoanalyse und einer der am intelligentesten konstruierten Thriller seit Langem.
Der Film läuft Dienstag, 1. September, und Mittwoch, 2. September, um 20 Uhr in den Ritterhuder Lichtspielen.

HeimlicheNachbarn

Austin Groove
Jung. Rechts. Radikal.



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