Patrick Viol

Mehr als schöne Fassade

Anlässlich des bundesweiten Tags der Architektur unter dem Motto „Baukultur präsentieren“ hat Patrick Viol mit dem Architekten und Stadtplaner Lothar Tabery über Erfolge und Probleme der hiesigen Baukultur gesprochen.
Lothar Tabery aus Bremervörde ist neben seinem Beruf auch Vorsitzender des Vereins BauKulturLand zwischen Elbe und Weser.

Lothar Tabery aus Bremervörde ist neben seinem Beruf auch Vorsitzender des Vereins BauKulturLand zwischen Elbe und Weser.

Bild: Rgp

Was bedeutet Baukultur im ländlichen Raum der Elbe-Weser-Region und wie gestaltet sie sich aktuell?

Baukultur bedeutet zunächst, dass wir alle zur Qualität unserer Städte und Dörfer beitragen. Früher entstanden geschlossene Ortsbilder oft durch gemeinsame Gestaltungselemente: rote Tonpfannen, ähnliche Verblendsteine, bestimmte Fensterfarben. Solche sogenannten Konstanzfaktoren schufen trotz individueller Gebäude einen gemeinschaftlichen Zusammenhang, der heute noch als stimmig und positiv empfunden wird.

In vielen neuen Einfamilienhausgebieten ist dieser Zusammenhang mit der Individualisierung unserer Gesellschaft verloren gegangen. Dort stehen sehr unterschiedliche Hausformen, Dachneigungen und Materialien ohne identitätsfördernden Zusammenhang.

Hinzu kommen eine Zersiedelung der Landschaft und ein hohe Flächenverbrauch. Ein Weg wäre, Gebäude wieder näher zusammenzurücken und Gestaltung stärker abzustimmen – am besten durch klare Regeln. Das spart Fläche, senkt Erschließungsaufwand und stärkt die Identität eines Ortes. Entsprechende Wohnungsbaukonzepte gibt es bereits, man muss sich nur damit auseinandersetzen.

Woran erkennt man gute Architektur?

Gute Architektur erkennt man deshalb am sorgfältigen und nachhaltigen Umgang mit dem Ort, den Nachbarn, den Ressourcen und dem gemeinsamen Ortsbild. Und Gebäude können vor allem dann als gelungen bezeichnet werden, wenn sie sich gut in ihr Umfeld einfügen und eine ihrer Entstehungszeit angemessene, gut proportionierte und in Bezug auf Materialwahl und Farbgebung gut abgestimmte Gestaltung aufweisen.

Können Sie uns positive Beispiele aus der Region nennen?

Ein positives Beispiel in Bremervörde ist für mich das Rathaus, das Mitte der 1980er-Jahre aus einem Wettbewerb hervorgegangen ist und mit dem Preis des Bundes Deutscher Architekten Niedersachsen ausgezeichnet wurde. Das Gebäude war ein wichtiger Auftakt für die Gestaltung einer neuen städtischen Mitte. Es fügt sich mit seiner Geschossigkeit, den Dachformen, der Material- und Farbwahl gut in die Umgebung ein und wirkt zugleich nicht beliebig. Besonders der hervorgehobene Ratssaal setzt einen architektonischen Akzent zum Rathausmarkt. Dadurch entstand eine Gestaltungsvorlage für die weitere Entwicklung des Platzes – etwa durch die Aufnahme der Kolonnaden im Erdgeschoss.

Ein weiteres gelungenes Beispiel ist das Lernhaus auf dem Campus der KSG (Architekten und Stadtplaner Kister Scheithauer Gross). Es überzeugt funktional durch das moderne Schulkonzept mit Selbstlernzentren und gestalterisch durch seine frische, helle und farbige Erscheinung. Im Vergleich zu manchen Schulneubauten der Region, die eher Masse als Klasse zeigen, bietet dieses Gebäude auch sinnliche Anregungen und lädt zum Lernen ein.

Umgekehrt gefragt: Gibt es in der Region ein Gebäude oder einen Stadtraum, den Sie für eine architektonische oder städtebauliche Katastrophe halten?

Der Rathausmarkt in Bremervörde hat an seiner Südseite ein Gebäude erhalten, das vor allem in seiner Dimension und Farbgebung der Fassade den Maßstab in Bremervörde sprengt. Hier zeigt sich leider, wie wichtig die Abstimmung der Gestaltung eines Gebäudes mit seinem Umfeld ist.

Diese Abstimmung ist vorab nur zaghaft versucht und bei der Realisierung nicht beziehungsweise zu spät weiterverfolgt worden. Durch das bauliche Ergebnis leidet der gesamte Stadtraum. Dieser kann jetzt nur noch durch eine sensibel eingefügte Bebauung des noch offenen Platz-Nordrandes ein gegebenenfalls neutralisierendes Gegenstück erhalten.

Darüber hinaus lässt sich festhalten, dass unzureichende Absprachen bzw. Planungsabstimmungen zwischen dem Landkreis und der Stadt und fehlende fachliche Beratung durch externe Experten mit dafür verantwortlich sind, dass seit dem Rathaus im Stadtkern in Bremervörde nichts an Qualität Vergleichbares entstanden ist. Die Erweiterung des Bachmann Museums und des Bootshauses am Hafen oder die Neugestaltungen der Alten Straße wie der Brunnenstraße, oder die Neue Grundschule - da hätte eine bessere architektonische Qualität erreicht werden können. Das ist aber auch ein strukturelles Problem. Leider sind vor allem die kleineren Kommunen planungsbezogen fachlich und quantitativ oft unterbesetzt.

Was kann man da dann tun?

Externe Beratungen durch den vom Niedersächsischen Ministerpräsidenten als Schirmherr geförderten Niedersächsischen Beirat Für Baukultur mit den Kommunen. In Bremervörde und Rotenburg haben sie bereits stattgefunden, aber die Umsetzung der Beratungsergebnisse lassen zum Teil noch auf sich warten. Es bleibt zu hoffen, dass der angestoßene Dialog fortgeführt wird und verstetigt werden kann.

Es geht bei der Verbesserung der Gestaltung aber nicht nur um Ästhetik?

Richtig. Sie hängt auch mit dem Problem Leerstand zusammen. Das IFH Köln hat bereits vor Jahren ermittelt, dass Faktoren wie Gestaltung der Innenstadt, Ambiente, Atmosphäre, Flair und Erlebnischarakter von Besuchern besonders hoch bewertet werden. Wo solche Faktoren nicht ernst genommen werden, kommt es zur Schwächung der Ortskerne, unter der viele Kommunen leiden. Ein vielfach beschriebenes Leerstandskataster, wie es manche Verwaltungen führen, erfüllt seinen Zweck aber nur, wenn die Kommunen aktiv versuchen, solche Flächen durch neue, zeitgemäße Nutzungen zu füllen – etwa durch Coworking-Angebote oder andere Formen gemeinschaftlicher Arbeit und Nutzung.

Dafür braucht es allerdings einen Kümmerer oder eine Kümmerin, also jemanden, der Kontakte persönlich anspricht, aufbaut, pflegt und: die Verbesserung der innerörtlichen Gestaltungsqualität im Blick hat.

Erst wenn diese Faktoren die ihnen angemessene Beachtung finden, ist damit zu rechnen, dass Ortskerne wieder stärker belebt werden. In unserer Region gibt es meines Wissens allerdings keine Kommune, die das bereits vollständig verstanden oder umgesetzt hat. Auch hier erscheint externer Rat nötig.

Dann kann man ja nur hoffen, dass unser Interview viele Leser findet. Haben Sie vielen Dank.­

Gerne.

 

 


UNTERNEHMEN DER REGION

E-PaperMarktplatzStellenmarktZusteller werdenLeserreiseMagazineNotdienst BremervördeNotdienst OHZReklamationgewinnspielformular